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Diagnose: Ausser Kontrolle

Wenn in einem Spital falsche Behandlung auf falsche Behandlung folgt, kann es sich um den Fall eines VIP-Syndroms handeln. Und beim Patienten um ein Opfer von Topspezialisten.

Oswald Oelz

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Ein 77-jรคhriger รผbergewichtiger Mann mit zu hohem Blutdruck und einem ziemlich stressigen Job erlitt am 18. Dezember 2005 eine Schwรคche im rechten Arm. Da es sich um einen sehr wichtigen Mann handelte, wurden trotz der Abneigung des Patienten gegenรผber ร„rzten die fรผr nรถtig erachteten Massnahmen ergriffen. Es wurde eine vorรผbergehende Durchblutungsstรถrung des Gehirns als Folge einer Embolie diagnostiziert.
Der Chefkardiologe des Hadassah Hospital, Professor Haim Lotan, besuchte den Mann in dessen Bรผro und liess blutverdรผnnende Mittel spritzen. Die Behandlung wurde fortgesetzt, und zehn Tage spรคter erlitt Ariel Sharon als Folge der Blutverdรผnnung eine schwere Hirnblutung. Die folgenden Panikreaktionen mit Hirnoperation auf Hirnoperation bei VIP-Syndrom sind hinlรคnglich bekannt; Sharon merkte von all dem nichts mehr.
Der Patient wurde von den besten Spezialisten seines Landes behandelt, und diese bekamen zweifellos Beratung von rund um den Globus. Eine breite Diskussion, was richtig war und was nicht, wurde manchenorts gefรผhrt, und am Schluss war man ยซconfused at a higher levelยป. Bestimmt aber wurde wie fast immer bei wirklich wichtigen Personen zu viel gemacht, und dies wie fast immer nicht zum Nutzen des Patienten. Aber wie kann sich der Patient, der einfache wie auch der prominente, hier รผberhaupt orientieren?

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Zunรคchst einmal braucht es Cracks in den medizinischen Zentren. Eine Studie der Schweizerischen Arbeitsgruppe fรผr Klinische Krebsforschung (SAKK) zeigt, dass das รœberleben eines Patienten mit Dickdarmkrebs davon abhรคngt, von wem und in welchem Spital er operiert wird. Operiert der Chirurg viele Patienten, hat er also eine hohe ยซcase loadยป, so hat der Patient eine um 20 bis 25 Prozent bessere Chance, lange und tumorfrei zu รผberleben, als jener, der von jemandem operiert wird, der nur gelegentlich diese Operationen ausfรผhrt.
Auch die ยซcase loadยป des Spitals fรคllt ins Gewicht: An Zentren mit vielen Operationen sind die Resultate besser als in netten, kleinen Spitรคlern, in denen solche Operationen selten gemacht werden. So zeigt eine รœbersicht aller Studien zur Krebschirurgie fรผr Krebsarten, die eine komplexe chirurgische Behandlung benรถtigen, dass Institutionen mit hohem Patientenvolumen ein signifikant besseres Outcome haben. Oder fรผr die Behandlung von Schwerverletzten gilt, dass sich deren Kurz- und Langzeitsterblichkeit in entsprechenden Zentren im Vergleich mit nicht spezialisierten Zentren um 20 bis 25 Prozent reduziert. Oder fรผr Patienten mit Herzinfarkt ist nachgewiesen, dass sie besser und lรคnger leben, wenn sie innert kรผrzestmรถglicher Zeit an einem Zentrum mit hoher ยซcase loadยป behandelt werden.

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Falls Sie also wissen, was Ihnen fehlt, und Sie sonst bei guter Gesundheit sind, gehen Sie zum Crack im Zentrum mit dem hรถchsten Volumen! Wer eine Arbeit hรคufig macht, zudem motiviert ist und ein stimmiges Umfeld hat, macht seine Arbeit besser โ€“ in der Medizin, aber auch anderswo. Sie lassen sich ja schliesslich die Haare auch nicht vom Lehrling oder von der Amateurcoiffeuse schneiden.
Auf der anderen Seite entsteht aber das Problem der ausser Kontrolle geratenen Spezialisten, die auch einen 77-Jรคhrigen mit Schlaganfall mit Blutverdรผnnung behandeln und eine massive Hirnblutung mit dem Messer angehen. Hier fehlt der Arzt mit der รœbersicht.
Dazu eine Geschichte: Vor 20 Jahren erkrankte der berรผhmte Franz Ingelfinger, Herausgeber des ยซNew England Journal of Medicineยป, an einem Speiserรถhrenkrebs. Er wusste bereits alles รผber Speiserรถhrenkrebs, und als dann ruchbar wurde, dass er darunter leide, bekam er aus der ganzen Welt noch mehr Beratung und Vorschlรคge. Am Ende war selbst der gescheite Franz in hรถchstem Masse verwirrt. In diesem Moment sagte jemand: ยซYou know what you need, Franz: You need a doctor.ยป
Der Hausarzt der Familie Ingelfinger nahm die Fรคden in die Hand, beriet, wies die Experten in ihre Schranken und koordinierte die Therapie. Franz Ingelfinger lebte mit sensibler Therapie noch weitere fรผnf Jahre in guter Lebensqualitรคt โ€“ die รœberlebenszeit gemรคss Statistik wรคren sechs Monate gewesen.

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Wenn Ihnen also etwas fehlt, so brauchen Sie einen Crack. Und einen Doktor.
Prof. Dr. med. Oswald Oelz ist Chefarzt fรผr Innere Medizin am Triemli-Spital Zรผrich und Extrembergsteiger

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