Bernie Sanders verspricht nicht weniger als eine politische Revolution. Wie er das bezahlen will, ist dabei nebensΓ€chlich. Viele weiss er fast so zu begeistern wie einst Barack Obama.
Wenn Bernie Sanders spricht, kann er sich so richtig in ein Thema reinsteigern. Der 74-JΓ€hrige fuchtelt dann wild mit den Armen, seine Stimme wird laut, sie ist ohnehin schon ziemlich kehlig und markant, der Kopf lΓ€uft rot an. Der weisshaarige Senator aus Vermont wirkt in solchen Momenten durchaus so, als meine er es ernst.
Gegenentwurf zum Establishment
Bernie Sanders prΓ€sentiert sich als Gegenentwurf zum Establishment, dabei ist er eigentlich tief in Washington verwurzelt. Er war ganze 16 Jahre lang Mitglied des ReprΓ€sentantenhauses, bevor er 2006 in den Senat gewΓ€hlt wurde.
Sanders begeistert viele Menschen mit der Aussicht auf etwas anderes, so wie Barack Obama 2008 viele Menschen mit der Aussicht auf Wandel begeisterte, auf Β«changeΒ».
Bei den Jungen beliebt
Vor allem junge Menschen mΓΆgen ihn, teilen seine Positionen, sehen sich seiner fundamentalen Systemkritik nΓ€her als der Haltung Hillary Clintons. Der Schauspieler Danny DeVito unterstΓΌtzt ihn, Rapper machen fΓΌr ihn Wahlkampf. Das Magazin Β«Rolling StoneΒ» nannte ihn einen Β«grantigen SozialistenΒ», das war liebenswΓΌrdig gemeint.
Es gibt alte Fotos, auf denen Sanders ein bisschen so aussieht wie Woody Allen. Es gibt ein Folk-Album aus den Achtzigern, auf dem er statt zu singen die Liedtexte von Klassikern wie Β«We Shall OvercomeΒ» spricht.
Ein sehr europΓ€ischer Bewerber
Sanders gilt vielen als ein sehr europΓ€ischer Bewerber, der hierzulande gut zu den Sozialdemokraten passen wΓΌrde. Sanders selbst wird nicht mΓΌde, sich als demokratischen Sozialisten zu bezeichnen. Und er verspricht nicht weniger als eine politische Revolution.
Die sechs grΓΆssten Banken des Landes will er zerschlagen, eine staatliche Krankenversicherung schaffen, die StudiengebΓΌhren an ΓΆffentlichen Hochschulen und UniversitΓ€ten abschaffen. Nur wie er das alles bezahlen will, das lΓ€sst er weitgehend offen.
Aus einfachen VerhΓ€ltnissen
Sanders stammt aus Brooklyn, was man noch deutlich an seinem breiten New Yorker Dialekt hΓΆrt. Der Vater war ein jΓΌdischer Einwanderer aus Polen, er verkaufte Farbe, die VerhΓ€ltnisse der Familie waren bescheiden. Β«Weil das Geld fehlte, gab es Schwierigkeiten in meiner Familie, meine Eltern haben deswegen gestrittenΒ», erklΓ€rte er einmal. Β«Das ist etwas, was ich niemals vergessen habe. Und heute gibt es viele Millionen von Familien, denen es genauso geht.Β» Mit seiner Frau Jane hat er vier Kinder und sieben Enkelkinder.
Seine Konkurrentin Hillary Clinton ging ihn lange nicht hart an. Vielleicht hat sie ihn unterschΓ€tzt, das schrieb nicht nur die Β«New York TimesΒ».
Viel ist in den vergangenen Wochen geschrieben worden ΓΌber die ΓΌberraschende Aufholjagd des Bernie Sanders. Wie der Senator von Vermont die Menschen in Massen begeisterte mit seinem Versprechen auf eine politische Revolution. Wie er plΓΆtzlich an Clinton vorbei zog.
Sieg nicht einkalkuliert
Man muss sich das trotzdem noch einmal vor Augen fΓΌhren. Als Sanders antrat, galt er als chancenlos, als linker Aussenseiter. Als ein weisshaariger alter Mann, der es halt noch mal versuchen wollte. Niemand nahm ihn ernst. Clinton schon gar nicht.
Aber schon in Iowa bekam sie einen Denkzettel. Ihr Sieg dort war hauchdΓΌnn, gerade mal 0,2 Prozentpunkte lag sie vor dem 74-JΓ€hrigen.
Und nun das. Dass sie in New Hampshire nicht gewinnen wΓΌrde, hatte Clinton einkalkuliert. Dass es so heftig werden wΓΌrde, hatte kaum jemand erwartet. Sanders gewann laut dem Politikwissenschaftler David Jones bei so ziemlich allen Gruppen. Bei Frauen, bei MΓ€nnern. Bei denen mit Hochschulabschluss, bei denen ohne. Bei den Moderaten, bei den Liberalen.
Die Niederlage bei den Frauen dΓΌrfte besonders schmerzhaft fΓΌr Clinton sein. Sie, die als erste Frau das PrΓ€sidentenamt ΓΌbernehmen will.
NΓ€chste Stationen sind bedeutender
Aber trotzdem: Auf lange Sicht heisst das Ergebnis noch nichts. New Hampshire spielt zahlenmΓ€ssig kaum eine Rolle. Gerade mal 32 Delegierte schicken die Demokraten hier auf ihren Parteitag im Sommer, auf dem der Spitzenkandidat gekΓΌrt wird.
Und nach New Hampshire ist vor South Carolina. Dort geht es um mehr. Um andere WΓ€hler. In Iowa und New Hampshire ist die BevΓΆlkerung ΓΌberwiegend weiss. In South Carolina machen Schwarze fast 30 Prozent aus, mehr als doppelt so viel wie im landesweiten Durchschnitt. Minderheiten spielen in dem Staat an der SΓΌdostkΓΌste eine grΓΆssere Rolle. Und diese WΓ€hler - so die Erwartung von Clintons Kampagne - unterstΓΌtzen die 68-JΓ€hrige.
Noch am Dienstag verschickte ihr Team eifrig Pressemitteilungen. Sie erzΓ€hlten davon, dass zahlreiche Demokraten aus South Carolina sie unterstΓΌtzen. Dass die MΓΌtter von Eric Garner, Dontre Hamilton und Jordan Davis fΓΌr sie Wahlkampf machen werden. Alle drei - allesamt schwarz - waren durch Polizeigewalt ums Leben gekommen.
In den Staaten nach New Hampshire sieht es gut aus fΓΌr Clinton und schlecht fΓΌr Sanders.
Wie lange reicht das Geld?
Viel dΓΌrfte davon abhΓ€ngen, wie lange er durchhΓ€lt. Wie lange er seine Kampagne noch finanzieren kann. 75,1 Millionen US-Dollar hat er laut Β«New York TimesΒ» an Spenden zusammenbekommen, 46,7 Millionen hat er davon schon ausgegeben. Vielleicht beschert ihm der Sieg in New Hampshire noch einmal einen Aufwind, was das Geld angeht.
Aber egal wie lange Sanders noch kΓ€mpft, eines hat er schon erreicht. Er hat Clinton nach links gedrΓ€ngt. Sie liess in den vergangenen Tagen kaum eine Gelegenheit aus, in der sie nicht betonte, wie progressiv sie sei. WΓΌrde er bald aufgeben, kΓΆnnte sie sich mehr auf die Mitte konzentrieren.
HΓ€lt er noch sehr lange durch, wΓ€re sie weiterhin gezwungen, um die Gunst der WΓ€hler am linken Rand zu kΓ€mpfen. Das wΓ€re eine sehr ungΓΌnstige Ausgangsposition fΓΌr den zweiten Teil des Wahlkampfes. Dann, wenn es darum geht, im direkten Duell gegen den republikanischen Kandidaten zu punkten.