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Musik

Der ESC in Zeiten politischer Wirren

Der Countdown für den diesjährigen Eurovision Song Contest von Kiew läuft. Ganz unpolitisch sollte alles sein - doch die Wirklichkeit sieht anders aus.

Am Samstag 12. Mai findet das jährliche europäische Singvolksfest Eurovision Song Contest statt. Die Schweiz ist am Einzug in den Final gescheitert. Wie Nachbarland Deutschland gehört die Schweiz aber auch zu den Ländern, welche den Pokal mehrfach gewinnen konnten.
Die erfolgreichsten Teilnehmer des ESC:
Schweiz
Céline Dion verdankt die Schweiz ihren zweiten Sieg beim ESC. Mit kanadischer Hilfe gelang dieser Coup 1988. Davor konnte nur Lys Assia bei der allerersten Veranstaltung den Sieg holen. Ebenfalls auf zwei Siege kommen Spanien, Italien und Österreich.
Israel
Dana International holte mit dem Song «Diva» 1998 den ESC nach Israel. Mit zwei weiteren Siegen in den 1980er Jahren ist das Land ebenso erfolgreich wie...
Norwegen
... Norwegen, für das Alexander Rybak 2009 den letzten Sieg einfuhr.
Dänemark
Und auch Norwegens südlicher Nachbar Dänemark hat bereits drei Mal gewonnen. Zuletzt überzeugte Emmelie de Forest barfuss mit ihrem Song «Only Teardrops» Europa.
Niederlande
Die niederländischen Fans durften insgesamt vier Mal jubeln. Der letzte Sieg liegt allerdings bereits 41 Jahre zurück. «Ding-a-dong» von Teach-In führte 1975 zum Erfolg.
Grossbritannien
1997 siegte Katrina and the Waves für Grossbritannien und sicherte ihrem Land damit den fünften Sieg. Gleich häufig war auch...
Luxemburg
... das Grossherzogtum Luxemburg erfolgreich, so zum Beispiel France Gall (Bild) 1965. Den letzten Sieg verbuchte Corinne Hermès 1983. Nach 10 erfolglosen Jahren gab Luxemburg auf und verzichtet seither auf eine Teilnahme.
Frankreich
Ebenfalls auf fünf Siege bringt es Frankreich, der letzte liegt allerdings schon weit zurück. Obwohl Superstars wie Patricia Kaas, 2009 in Moskau, an den Start gingen, reichte es seit 1977 nicht mehr für den ersten Platz.
Schweden
Mit sechs Siegen ist der letztjährige Gewinner Schweden das zweiterfolgreichste Land beim ESC. Måns Zelmerlöw holte mit den Lied «Heroes» 2015 am meisten Stimmen. Die bekanntesten, schwedischen Sieger, ABBA, lancierten nach dem Erfolg 1974 ihre internationale Karriere.
Irland
Auf sieben Siege beim ESC brachte es bisher einzig und alleine Irland. 1970, 1980, 1987, 1992, 1993, 1994 und 1996 waren Teilnehmer von der Insel erfolgreich. Die Zwillinge Jedward (Bild) konnten trotz zwei Teilnahmen (2011 und 2012) diese Erfolgsbilanz nicht verbessern.
Bilder: Keystone
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RMS

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Eigentlich sollte alles unpolitisch sein. Der Eurovision Song Contest von Kiew hat das unverfängliche Motto «Vielfalt feiern». Doch der Ukraine-Krieg vor der Tür wirft einen Schatten auf die grosse Party.

Es ist der Traum gewesen, auf den die russische ESC-Kandidatin Julia Samoilowa viele Jahre lang hingearbeitet hat. Doch dieser Traum ist fürs Erste geplatzt. Zwar ist sie diese Woche live auf einer grossen Bühne aufgetreten. Tausende Menschen hörten sich bei strömendem Regen begeistert ihre Ballade «Flame is Burning» an. Doch: Eigentlich hätten es 200 Millionen Zuschauer werden sollen.

Trotzige Symbolkraft

Ihr Land hatte sie genau an dem Tag des Auftritts zum Halbfinale des Eurovision Song Contest (ESC) in Kiew schicken wollen. Stattdessen sang sie in Sewastopol, auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim. Das hat eine trotzige Symbolkraft: Der Gastgeber Ukraine hat Russlands Kandidatin die Einreise zum ESC 2017 mit der Begründung verwehrt, dass sie 2015 auf der Krim aufgetreten ist. Die Ukraine sieht sich von Moskaus Entscheidung für Samoilowa provoziert.

Dabei sind die Statuten der Veranstalter eigentlich eindeutig: Alles ist rein unpolitisch, heisst es im Regelwerk der Europäischen Rundfunkunion EBU. «Kein Lied, kein Auftritt darf den ESC oder die EBU in Misskredit bringen», heisst es. Politische Botschaften oder offene Streitereien zwischen Ländern sind verboten.

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Animositäten und Konflikte

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Der Wettbewerb ist seit längerem eine Front für Animositäten und Konflikte. Die seit drei Jahren verfeindeten Nachbarn Ukraine und Russland tragen ihre Spannungen auch auf der Showbühne aus. Die EBU konnte diese Eskalation nicht verhindern.

Dass Samoilowa nicht einreisen darf, wertet der Kreml als einen «Schlag gegen das Image des ESC». Russische Menschenrechtler fordern Europa zum Handeln auf. «Ich finde es höchst deprimierend, dass es aus Europa keine Reaktionen gibt», sagt Politikerin Ella Pamfilowa.

Komplett aus dem Programm gestrichen

Zaghafte Vermittlungsversuche der EBU sind ins Leere gelaufen. Die Länder lehnen eine - erstmals in der ESC-Geschichte angebotene - Live-Zuschaltung aus Moskau ab. Und eine andere Kandidatin will Russland nicht schicken. Dieses Jahr ist das beliebte TV-Event im russischen Staatsfernsehen sogar komplett aus dem Programm gestrichen - obwohl sich Millionen Russen den Wettbewerb anschauen.

EBU-Generaldirektorin Ingrid Deltenre betonte gegenüber dem ukrainischen Regierungschef Wladimir Groisman, ein Ausschluss von Russland sei «inakzeptabel», und warnte, Kiew bei kommenden Wettbewerben abstrafen zu wollen. Die EBU denkt gar über Sanktionen gegen beide Ländern nach. Möglicherweise könnten dann weder die Ukraine noch Russland als Konsequenz bei den kommenden Wettbewerben teilnehmen. Noch ist alles offen.

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(sda/ccr)

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