Expertenmeinungen: Zwei Risikokapitalisten über die Chancen von Creal
▶ «Der Firma fehlen die Daten»
Alex Fries lebt seit 15 Jahren als Gründer und VC im Silicon Valley. Derzeit lanciert er einen Fonds mit der EPFL. «Der AR-Markt ist sehr interessant, das wird kommen. Aber die Industrie entwickelt sich nur langsam, das ist ein Problem für Start-ups, die nicht so viel Geld haben. Gut für Creal, dass sie gerade eine Finanzierungsrunde durchgeführt haben. Die Firma hat eine gute Technologie entwickelt und vor allem die Patente angemeldet. Auch das Team ist technisch gut, aber ich bin mir nicht sicher, ob es richtig aufgestellt ist: Da bräuchte es vielleicht noch einen starken Businessmann als COO. Denn Time-to-Market ist das Problem bei Creal: Bislang ist man nicht über Pilotprojekte hinausgekommen. Und der Firma fehlen noch die Daten: Wenn man beispielsweise vor einem Auto steht und die Brille dem User anzeigt, wie man ein bestimmtes Teil repariert, muss Creal vorher die Daten für das Auto und die Ersatzteile gekauft haben. Das ist nicht billig. Dass man die Hardware selbst herstellt, statt die Technologie zu lizenzieren, halte ich für gefährlich: Mit dem Manufacturing, der Qualitätskontrolle etc. hat man eine ganze Menge zusätzlicher Herausforderungen. So sind die Aussichten ein bisschen gemischt: Es braucht noch zwei Jahre, bis Creal wirklich ein marktreifes Produkt hat. Bis dahin ist die Konkurrenz wohl auch schon da. Wenn die Firma ihre Technologie aber richtig positioniert, wird sie bis dahin vielleicht aufgekauft für ein paar Millionen.»
▶ «Ich würde nicht einsteigen»
Cornelius Boersch ist als Gründer von Mountain Partners in Wädenswil ZH in über 200 Start-ups investiert. «Die Wahrheit über den AR/VR-Markt ist: Die Brillen haben sich nicht durchgesetzt, weil das Erlebnis nicht überzeugt und den Leuten oftmals schlecht wird. Genau da setzt Creal an, und das sieht durchaus erfolgversprechend aus. Der Gründer hat sich am CERN ein gutes Netzwerk aufgebaut, das Team ist technologisch sehr stark, die wissen, wovon sie sprechen. Allerdings frage ich mich, warum man dann die Technologie nicht schneller entwickeln kann. Bisher bietet Creal nur Evaluation Kits. Bis die Firma nennenswerte Umsätze macht, wird es noch dauern. Und wenn man eigene Hardware entwickelt, bohrt man als Start-up ein dickes Brett. Realistischer scheint mir, die Software an die Sonys, Samsungs und Co. dieser Welt zu lizenzieren. Was mir auch fehlt, ist ein Gründer, der das schon ein paar Mal gemacht hat und weiss, wie man eine Technologiefirma aufbaut. Creal hat super Investoren und mit Ariel Lüdi einen hochkompetenten VR-Präsidenten, die dem Team mit Rat und Tat zur Seite stehen. Im Moment ist das Set-up noch sehr konservativ und Schweiz-lastig. Vielleicht könnte ein Investor aus dem Silicon Valley hier helfen. Ich persönlich würde bei Creal derzeit nicht einsteigen, da nach meiner Erfahrung Tech-Start-ups immer deutlich länger benötigen als erwartet. Und trotz aller Kompetenz fehlt mir vorne der Autoverkäufer, die Konfettimaschine!»