Das heilige Jahr 2000 ist fΓΌr den wortmΓ€chtigen Innerrhoder CVP-Politiker von besonderer GΓΌte. Er prΓ€sidiert den StΓ€nderat, ist im FrΓΌhjahr fΓΌnfzig geworden, feierte am 2. Juni die zwanzigjΓ€hrige ZugehΓΆrigkeit zur kleinen Kammer. Und im Herbst wird er das mit 50 000 Franken dotierte PrΓ€sidium des schwergewichtigen Nutzfahrzeugverbandes Astag ΓΌbernehmen. Carlo Schmid-Sutter, einst Inbegriff des aufbrausenden, konservativ-dogmatischen HinterwΓ€ldlers, hat seine Rolle als Verbandsboss gefunden. Nach seinem Einsatz fΓΌr die Berufsberater lobbyiert er heute fΓΌr die ViehhΓ€ndler, die Werber und kΓΌnftig auch fΓΌr die Fuhrhalter. Er will Β«die Freiheit der Wirtschaft gegenΓΌber der regulierenden PolitikΒ» verteidigen β mit Anstand und Verstand. Wer niemanden vertritt, habe nichts zu vertreten, sagt er, weshalb der Β«Filz im KleingestricktenΒ», sofern transparent, durchaus legitim sei. Der neue Schmid gilt nach eigener EinschΓ€tzung als Β«angenehmer PoltererΒ». Er hΓ€lt weiterhin Distanz zu Hochfinanz und Multis und geisselt die Banken wegen der jΓΌngsten Potentatengelder-AffΓ€re. Geblieben ist auch sein Hang zu Feindbildern und seine Skepsis gegenΓΌber Machtballungen. FrΓΌher galt sein Argwohn den unkontrollierten Medien. Seit er die Werbewirtschaft prΓ€sidiert, deren Geld die Presse am Laufen hΓ€lt, nimmt er journalistische Launen nicht mehr blutig ernst. Wenn etwa Kabarettist Lorenz Keiser den Vater von vier schulpflichtigen Kindern der Massenkindhaltung bezichtigt, steckt er dies zΓ€hneknirschend weg. Heute treiben ihn dafΓΌr die Amerikaner um β wegen ihrer brutalisierten Aussenpolitik und ihrem Rechtsimperialismus, den nicht zuletzt die Schweiz zu spΓΌren bekam.
Der Freundeskreis des Anwalts ist klein. Zu ihm zΓ€hlen der einstige Kanzleipartner und Kulturimpresario Walter Regli(Liner-Museum) und der frΓΌhere St.-Galler KantonsgerichtsprΓ€sident Urs J. Cavelti. Bei der Bundesratswahl stand Schmid hinter Regierungskollegin Ruth Metzler, obwohl ihm ihre NΓ€he zur freisinnigen Ostschweizer NZZ-Connection um den ehemaligen StΓ€nderat Ernst RΓΌesch suspekt ist. Gute Beziehungen pflegt er zum Ausserrhoder StΓ€nderat Hans-Rudolf Merz und zu dessen VorgΓ€ngern Otto Schoch und Hans Ulrich Baumberger sowie zum Innerrhoder Nationalrat Arthur Loepfe und dessen VorgΓ€nger Rolf Engler.
Seit 1984 ΓΌbt er den schΓΆnsten Politjob aus, den die Schweiz zu vergeben hat: In Schmids Γra als Landammann erlebte der rΓΌckstΓ€ndige Bonsaikanton Appenzell Innerrhoden ein kleines Finanz- und Steuerwunder, nicht zuletzt dank Freund und TreuhΓ€nder Karl FΓ€ssler, dem ehemaligen SΓ€ckelmeister. Als Erziehungsdirektor fΓΌhrte er als Erster Englisch auf Primarstufe ein. Damit ΓΌberraschte er heimische Lehrer und kantonale Erziehungsdirektoren, wobei die Romands Mario Annoni (Bern) und Augustin Macheret (Freiburg) besonders heftig reagierten. Β«Mit 50 plusΒ» will er das StΓ€nderatsmandat niederlegen, womit er 2003 zum letzten Mal antreten dΓΌrfte. Als Nachfolger stΓΌnde ein populΓ€rer Newcomer parat: Elektronikunternehmer und Metzler-Nachfolger Bruno Koster, der neue stillstehende Landammann.
Als BuhmΓ€nner der Nation verloren die LastwΓ€geler jede Volksabstimmung, und die Astag-Chefs gerieten auch persΓΆnlich in Schieflage. Nachdem Bruno Planzer, graue Eminenz des Verbandes, PrΓ€sident Charles Friderici ausgebootet hat, soll nun LSVA-Gegner Schmid zusammen mit dem neuen Direktor Hans-Peter Bloch der Branche einen neuen Stil verpassen. Im Parlament wird er mit SVP-Trucker Ulrich Giezendanner Dampf aufsetzen. Irritiert hat das Astag-Engagement zahlreiche Werber. Als PrΓ€sident (und Nachfolger von CVP-Copain Markus KΓΌndig) hat er ihrem Dachverband in Bern GehΓΆr verschafft. Seite an Seite mit Parteifreund Edgar Oehler (Zigarettenindustrie) kΓ€mpft er gegen Werbeverbote, die Thomas Zeltner, Direktor des Bundesamtes fΓΌr Gesundheit, forciert.
Den StΓ€nderat dirigiert er souverΓ€n, gelΓ€utert ist Β«der Geist, der stets verneintΒ» (NZZ). PersΓΆnliche Angriffe hat er sich abgewΓΆhnt. Die ehemalige Bundesratskandidatin Christiane Brunner habe er Β«ungerecht behandeltΒ», als er ihr Β«Windsor-VerhΓ€ltnisseΒ» unterstellte. Wenn er Machtmissbrauch wittert, zeigt er indes alten Biss, etwa indem er die Untersuchungsmethoden der ehemaligen BundesanwΓ€ltin Carla Del Ponte anprangerte. Spannungsfrei ist sein VerhΓ€ltnis zu den BundesrΓ€ten, auch zu Verkehrsminister Moritz Leuenberger, dem wichtigsten Ansprechpartner fΓΌr den kΓΌnftigen Astag-Boss. Leuenberger prΓ€sidierte einst die Kopp-PUK, er selber stand spΓ€ter der EMD-PUK vor. Befreundet ist er mit Markus Rusch, VerteidigungsattachΓ© in Washington.
Das CVP-PrΓ€sidium wurde fΓΌr ihn zum Martyrium: Er musste 1992 den EWR vertreten, den der Bundesrat zum Trainingslager fΓΌr den EU-Beitritt degradierte. Dauerhaft gestΓΆrt ist sein VerhΓ€ltnis zu den CVP-Euroturbos Flavio Cotti, Iwan Rickenbacher und Eugen David. Gegen SVP-Tribun Christoph Blocher verlor er in Appenzell ein prestigereiches EWR-Heimspiel. Heute verstehen sich die beiden wieder, obwohl ihm der Blocher-Kult zuwider ist. Bei seinem Abgang war ihm klar, dass er nie Bundesrat werden wΓΌrde. Im StΓ€nderat spannt er gerne mit Franz Wicki und mit Anton Cottier zusammen, der als sein Nachfolger im ParteiprΓ€sidium nur wenig FortΓΌne hatte. Als er mit dreissig zum Nachfolger des aristokratischen StΓ€ndeherrs Raymond Broger erkoren wurde, nahmen ihn in Bern die CVP-KardinΓ€le Franz Muheim, Jules Binder und der spΓ€tere Bundesrat Alphons Egli ins Gebet.