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Architektur

Calatravas Werke sind spektakulär, aber riskant

Santiago Calatrava soll ein Bürogebäude beim Bahnhof Stadelhofen in Zürich errichten. Für den Architekten wäre es ein weiteres Prunkstück in der Schweiz. Doch seine Werke sind nicht frei von Kritik.

Gabriel Knupfer

Santiago Calatravas Bauwerke in der Schweiz:Der Versicherungskonzern Axa Winterthur plant ein Bürogebäude beim Bahnhof Stadelhofen in Zürich. Trotz des schmucken Äusseren sorgt der Calatrava-Bau aber für einige Kritik. Unter dem Haus ist eine öffentliche Velostation für 10 Millionen Franken geplant. Das ist der SVP zu teuer. Calatrava Valls SA
Auch der Bahnhof Stadelhofen selbst ist von Calatrava geprägt. Er ist für den Neubau aus dem Jahr 1990 verantwortlich. In der Ladenpassage im Untergrund hat der Architekt funktionale und skulpurale Elemente zu einer harmonischen Einheit verbunden. Peter/CC/Flickr
Sein bisheriges Meisterwerk in der grössten Schweizer Stadt ist aber der Ergänzungsbau der Bibliothek des Rechtswissenschaftlichen Instituts der Universität Zürich aus dem Jahr 2004. Er befindet sich Innenhof eines 1908 erstellten Gebäudes und ist von der Strasse aus nicht zu sehen. Shawn Bayern/CC/Wikimedia
Calatrava, der in Zürich und New York lebt, baut schon lange in der Schweiz. So war er in den 80er-Jahren an der Neugestaltung des Bahnhofs Luzern beteiligt. Von ihm stammt der auffällige Entwurf der Vorhalle. Port(u*o)s/CC/Wikimedia
Der Erweiterungsbau der Kantonsschule Wohlen gilt als Meisterwerk der modernen Architektur. Calatrava hat die Pläne für die Dachkonstruktionen beigesteuert, so etwa im Eingangsbereich. Voyager/CC/Wikimedia
Das Rundhaus in Suhr ist ein weniger typischer Calatrava. Das Bürogebäude wurde 1985 fertiggestellt und galt damals als futuristisch. Später plante der Doppelbürger in Suhr auch noch den grossen Saal des Kulturzentrums – selbstverständlich säulenfrei. Dietrich Michael Weidmann/CC/Wikimedia
Besonders gut vertreten ist der Architekt in St. Gallen. Das Dach der Notrufzentrale erinnert in seiner Struktur an ein Skelett – ein Element, das bei Calatrava immer wieder auftaucht, beispielsweise auch bei der gigantischen U-Bahn-Station World Trade Center in New York. Andreas Praefcke/CC/Wikimedia
Wie das Maul eines Wals öffnet sich der Eingang zum Pfalzkeller im Stiftsbezirk von St. Gallen. Doch trotz der schicken Bauten sind nicht alle Einwohner der Stadt zufrieden mit dem Stararchitekten...
... was unter anderem am Bushäuschen auf dem Marktplatz liegt. Trotz Kosten von 1 Million Franken soll es nur ungenügend vor Wind, Regen und Schnee schützen, wie das Kulturmagazin «Saiten» bemängelt.
Überhaupt ist Calatrava nicht gerade für preiswerte Architektur bekannt. Die erwähnte Station am Ground Zero ist mit 4 Milliarden Dollar der teuerste Bahnhof, der weltweit errichtet wurde.
Ursprünglich veranschlagt waren lediglich 2 Milliarden Dollar. Selbst das 541 Meter hohe One World Trade Center direkt daneben war billiger. Antony-22/CC/Wikimedia
Eine massive Kostenüberschreitung gab es auch beim Turning Torso in Malmö. Während dem Bau wurde zudem über strukturelle Mängel diskutiert. Dennoch ist der Turm zehn Jahre nach der Eröffnung ein echter Hingucker und Wahrzeichen der schwedischen Stadt. Andbar/CC/Wikimedia
Trotzdem hat Calatrava weiter viele Anhänger. In Dubai soll er das höchste Haus der Welt bauen. Wie hoch es werden soll, ist noch geheim. Zuerst wollen die Scheichs offenbar abwarten, wie hoch der Konkurrenz-Turm im saudischen Dschidda bei der Fertigstellung wird. Bilder: Keystone
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Die Ankündigung war ein städtebaulicher Paukenschlag: Santiago Calatrava soll für den Versicherungskonzern Axa Winterthur ein Bürogebäude beim Bahnhof Stadelhofen im Zentrum von Zürich errichten. Calatrava, der soeben die teuerste U-Bahn-Station der Welt am Ground Zero eröffnen konnte und der von den Scheichs in Dubai dazu auserkoren wurde, das höchste Haus der Welt zu errichten, baut wieder an seinem Wohnort Zürich.

Für den gehypten Stararchitekten ist es eine Rückkehr zu seinen Wurzeln. Schon vor seinem internationalen Durchbruch hat der spanisch-schweizerische Doppelbürger mehrere Projekte in der Schweiz verwirklicht (siehe Bildergalerie). Und mit dem Neubau des Bahnhofs Stadelhofen konnte sich Calatrava 1990 ein erstes architektonisches Denkmal setzen. Direkt daneben soll ab 2018 der Axa-Bau entstehen.

«10-Millionen-Veloständer»

«Als Architekt des Neubaus Bahnhof Stadelhofen ermöglicht Santiago Calatrava die architektonische Einheit von Bahnhof und Haus zum Falken», schreibt die Stadt Zürich. Dass das originale Haus zum Falken dafür abgerissen werden muss, bleibt indes nicht ohne Kritik. Immerhin handelt es sich dabei um eines der ältesten Gebäude der Umgebung und stammt womöglich aus dem 18. Jahrhundert. Bis vor einem Jahr war es sogar im Inventar der schützenswerten Bauten.

Doch dies ist nicht der einzige Kritikpunkt. Im Untergrund ist eine Velostation mit 1000 Abstellplätzen geplant. Diese soll die Stadt rund 10 Millionen Franken kosten. Einige Politiker finden das zu viel. Ein SVP-Stadtpolitiker bezeichnete die Kosten als «exorbitant». Und der Blick betitelte das Projekt als «10-Millionen-Veloständer». Bis zum tatsächlichen Baustart ist deshalb noch mit einigen Diskussionen zu rechnen.

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Kritik in St. Gallen

Die Kritik am Architekten ist nicht neu. In St. Gallen, wo Calatrava mehrere Bauten realisieren konnte, werden den organisch-futuristischen Werken bauliche Mängel angekreidet. Trotz Kosten von 1 Million Franken soll beispielsweise das Bushäuschen auf dem Marktplatz nur ungenügend vor Wind, Regen und Schnee schützen, wie ein Gastautor im Kulturmagazin «Saiten» bemängelt.

Weltweit entwarf Calatrava zahlreiche Bahnhöfe, Brücken und Hochhäuser. Seine bombastischen Bauten sind von der Gothik und der Natur inspiriert – und haben ihm den Ruf eingebracht, die Grenzen des technisch Möglichen bis zum Äussersten zu strapazieren.

Kostenüberschreitungen und Baumängel

Immer wieder sorgten Calatravas Werke jedoch auch für Skandale. Im Internet gibt es einen eigenen Blog, in dem die massiven Kostenüberschreitungen angeprangert werden. Die erwähnte U-Bahn-Station am Ground Zero ist mit 4 Milliarden Dollar der teuerste Bahnhof, der weltweit errichtet wurde. Ursprünglich war man von 2 Milliarden Dollar ausgegangen. Selbst das 541 Meter hohe One World Trade Center direkt daneben war billiger. Wegen der Probleme sei er in den USA «wie ein Hund behandelt worden», beklagte sich Calatrava im «Wall Street Journal».

Im Juni erlitt der Stararchitekt zudem eine empfindliche Niederlage in Spanien. Wegen Mängeln am Kongresspalast der nordspanischen Stadt Oviedo wurde er vom Obersten Gericht in Madrid zur Zahlung eines Schadenersatzes von 2,96 Millionen Euro verurteilt. Gewisse Architekten fragen sich inzwischen, ob die konstruktiven Details bei Calatrava womöglich gar nicht richtig durchgeplant sind.

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Niemals banal

Aller Kritik zum Trotz ist klar: Calatravas Bauten sind niemals banal. Viele seiner Werke haben sich zu Touristenmagneten entwickelt. Genau deshalb finden sich immer wieder Kunden, die ihrer Stadt mit Hilfe des Architekten etwas mehr Glanz verleihen wollen. Die Frage ist nur, welche Nachteile man dafür in Kauf nehmen will.
Über die Autoren
Gabriel Knupfer
Gabriel Knupfer
Gabriel Knupfer ist Redaktor Wirtschaft-Desk RMS für Blick und die Handelszeitung, für die er seit zehn Jahren arbeitet.

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