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Meinung

Algorithmen bei der Bewerberauswahl sind ein Fluch

Algorithmen sollten nicht entscheiden, welcher Bewerber abgelehnt wird. Denn gerade die wertvollsten Kandidaten fallen bei ihnen durchs Raster.

Marcel Speiser, Ringier AG

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binary-1327512.jpg RMS

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Algorithmen sind eine feine Sache. Sie schlagen Konsumenten unbekannte Musik vor, die sie mit grosser Wahrscheinlichkeit mΓΆgen. Sie zeigen uns Hotels, die unseren BedΓΌrfnissen entsprechen. Sie helfen uns in der globalen Informationsflut genau das zu finden, was uns wirklich interessiert. Sie erleichtern uns das Leben - im privaten Alltag, aber auch im Beruf.
Algorithmen haben aber auch Nachteile. Sie sind nur so clever oder dumm wie die Menschen, die sie programmieren. Und sie schubladisieren uns – nach mehr oder weniger ausgefeilten Kriterien. Der Shopping-Algorithmus von Amazon etwa schlΓ€gt mir nur noch KinderbΓΌcher und Baby-Pop-CD vor, seit ich einmal eine grosse Bestellung aufgegeben habe. Dabei kΓΆnnte Amazon mit Rock und Thrillern bei mir punkten. Selbst ausgefeilte Computerentscheide sind schlechter als menschliche EinschΓ€tzungen.

In der Auswahl von Bewerbern sind Algorithmen ein Fluch, kein Segen

Nun kommen Algorithmen auch im Recruiting immer stΓ€rker zum Einsatz. Unternehmen - zumal grosse Konzerne – versuchen mit ihrer Hilfe, der Bewerberflut Herr zu werden und die richtigen Kandidaten fΓΌr einen Job auszusieben. Das ist gefΓ€hrlich – fΓΌr die Firmen. Denn der Einsatz von Bewerber-Algorithmen verschlimmert das Strukturproblem vieler Personalabteilungen: Sie finden nur stromlinienfΓΆrmige Kandidaten, aber allzu selten KΓΆpfe, die aus dem Rahmen fallen. Mitarbeiter, die einen Unterschied machen. Querdenker, die das Unternehmen weiterbringen.

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NatΓΌrlich brauchen Firmen, die tΓ€glich Dutzende oder gar Hunderte von Dossiers eingereicht bekommen, technische Hilfsmittel, um die Nadel im Heuhaufen zu finden. Aber ist es wirklich der HR-Weisheit letzter Schluss, dass eine Software darΓΌber entscheidet, ob Kandidat A besser ist als Kandidatin B, nur weil der Algorithmus fΓΌr A eine Übereinstimmung mit dem definierten Anforderungsprofil von 86,3 Prozent ermittelt hat? Soll B ausgesiebt werden, weil er die geforderten Englischkenntnisse im Gegensatz zu B nicht mit einem Zertifikat belegen kann? WomΓΆglich ist B seit zehn Jahren mit einer Britin liiert und spricht daheim nur Englisch – und das fliessend! Zudem kΓΆnnte A ein brillanter und hochdekorierter Kopf sein, aber womΓΆglich ein sozialer Β«PflockΒ» und unfΓ€hig, im Team zu arbeiten. Der kriteriengesteuerte Algorithmus wΓΌrde es nicht merken … und den falschen Bewerber bevorzugen.

Nichts geht ΓΌber das BauchgefΓΌhl - und das haben Maschinen nicht

Firmen klagen seit Jahren, nur mit viel Aufwand die richtigen Bewerber zu finden, jammern ΓΌber den FachkrΓ€ftemangel und den seichten Talentpool in der Schweiz. Gleichzeitig forcieren sie mit dem Einsatz technischer Rekrutierungshilfsmittel, dass sie nur noch mustergΓΌltige LebenslΓ€ufe zugespielt erhalten – und solche sind bekanntlich rar. WomΓΆglich, ja wahrscheinlich, verpassen sie wegen der Algorithmisierung die Mehrheit sehr guter Kandidatinnen und Bewerber, die perfekt passen wΓΌrden – nur weil sie nicht ganz alle Kriterien erfΓΌllen. Wollen sich das die Unternehmen wirklich leisten?

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Über die Autoren
Marcel Speiser, Ringier AG
Marcel Speiser
Marcel Speiser ist Stv. Chefredaktor bei der Handelszeitung und arbeitet seit 1999 im Wirtschaftsjournalismus. Er gilt als Kenner der Uhrenindustrie und der LuxusgΓΌterbranche.

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