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Uhrenexperte im Interview

«Plus 1000 Dollar für eine Rolex Submariner sind keine Lappalie»

Oliver Müller, Branchenkenner und Inhaber von LuxeConsult, über die zu erwartenden Folgen von Trumps Zollhammer.

Iris Kuhn Spogat

<p>Oliver Müller hofft, dass die USA die Schweiz künftig besser behandeln.</p>

Oliver Müller hofft, dass die USA die Schweiz künftig besser behandeln.

Guillaume Megevand

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Herr Müller, unser letztes Gespräch zum Stand der Schweizer Uhrennation hat Mitte Juli stattgefunden. Heute wissen wir: Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. 39 Prozent.

Ja und wahrscheinlich nochmals anders in wenigen Wochen, wenn die Schweiz endlich einen verbesserten Deal mit den USA unterzeichnet. Meine Prognose ist, dass wir einen ähnlichen Zollsatz wie die EU erhalten werden, 20 bis 25 Prozent. Das wird das Leben der Uhrenhersteller und aller anderen Firmen, die in die USA exportieren, einfacher machen.

Zur Erinnerung, diese 39 Prozent auf den Importwert bedeuten für die meisten Marken eine Endverkaufspreis-Erhöhung um 12 bis 14 Prozent. Momentan hält der US-Markt gut, die Verkaufszahlen sind immer noch sehr gut, und alle Marken, die indirekt verkaufen – also nicht direkt an den Endkunden –, haben massive Lager aufgebaut, bei der Swatch Group sind es mittlerweile zehn Monate Abverkaufs-Reserve. 

Zölle waren angekündigt, die Hersteller füllten in den USA ihre Lager und können damit vorderhand die Preise halten. Und dann?

Und dann werden alle Preiserhöhungen durchführen müssen – und es wird für alle schmerzhaft, vor allem für diejenigen, die nicht einen Teil auf ihren Detailhändler abwälzen können, weil es ihre eigenen Verkaufsstellen sind. Viele Marken haben schon den ersten Zusatzzoll von zehn Prozent seit April auf die Endkonsumenten abgewälzt, da wären drei bis vier Prozent nötig gewesen. Wenn die zusätzlichen 29 Prozentpunkte kompensiert werden, sind es nochmals zehn Prozent Preiserhöhungen, die draufkommen.

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Es kann aber auch ganz anders kommen?

Dass uns Trump plötzlich alle Zölle bis auf die 10 Prozent erlassen wird, ist höchst unwahrscheinlich. Aber wir werden hoffentlich besser behandelt werden als bis anhin. 

Was ist zu tun? 

Noch mehr arbeiten und vor allem nicht denselben Fehler wie in China machen und alle Eier in den US-Korb legen, weil es momentan so gut läuft. Der Musterschüler bei der geografischen Verteilung ist Patek Philippe – das ist ein Modell von langfristigem Denken und Handeln.

Und was wird tatsächlich getan? 

Momentan wartet jeder, bis der Erste sich bewegt, und hofft, dass die Zolltarif-Reduktion bald eintritt und die Situation entschärft. Eile mit Weile ist angesagt!

Sie sehen vielerorts hinter die Kulissen. Was ist dort los?

Die Lage ist extrem angespannt, auch wenn kein Marken-CEO es öffentlich sagen will, und das kann man auch verstehen. Alle müssen kürzertreten, aber es ist positiv zu sehen, dass die Marken weiterhin in ihre Marketing-Aktivitäten investieren. Breitling hat soeben angekündigt, dass die Marke offizieller Timekeeper der NFL wird, das ist immerhin ein Budget von zirka 30 Millionen Dollar pro Jahr. Bei den Zulieferern bleibt die Lage angespannt, auch wenn Bundesrat Parmelin schon angekündigt hat, dass die Kurzarbeitsentschädigung nochmals von 18 auf 24 Monate verlängert wird. Das ist positiv, aber nur eine temporäre Entlastung und keine Lösung für die langfristigen strukturellen Probleme mit immensen Produktions-Überkapazitäten und eine Verlagerung der Produktion ausserhalb der Schweiz für gewisse Komponenten.

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Was braucht es nun, um es in den nächsten guten Zyklus zu schaffen?

Mein Motto, dass die natürliche Selektion bei den Marken ihre Arbeit verrichten wird, aber die verbleibenden Marken gestärkt aus dieser Krise kommen werden, gilt immer noch.

Im Juli lagen die Schweizer Uhrenexporte aus bekannten Gründen fast sieben Prozent im Plus. Was für Zahlen erwarten Sie für August?

Nur kurz zu den Juli-Zahlen: Wenn man den positiven US-Effekt wegnimmt, bleibt ein Minus von 0,9 Prozent. Aber das ist immer noch eine tolle Leistung, wenn man die gesamte momentane Situation in Betracht zieht. Ich erwarte, dass die August-Zahlen gegenüber dem Vorjahr leicht höher liegen werden, weil der momentan «positive» US-Effekt noch andauert. Wenn man diesen abzieht, dann wird ein Minus von drei bis vier Prozent rauskommen.

Günstige Uhren würden weit mehr von einer Preiserhöhung tangiert sein als teure, heisst es, weil reiche Menschen wenig preissensibel sind. Stimmen Sie zu?

Ja, das stimmt generell schon, auch wenn nominal die Erhöhungen schon massiv sein werden. Plus 1000 Dollar für eine Rolex Submariner sind keine Lappalie. Aber logischerweise ist die Preissensibilität im unteren Preisbereich viel ausgeprägter. Umso mehr, weil niemand eine neue Uhr kaufen muss. Aber bleiben wir realistisch: Ungeschoren kommt niemand davon, wenn er seine Preise plötzlich um mehr als zehn Prozent nach oben anpassen muss.

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Nächste Woche finden die Geneva Watch Days statt. 66 Marken sind dabei, darunter viele – spannende und selbstbewusste – Nicht-Schweizer. Ihre Einschätzung?

Ich freue mich auf dieses Event, weil es ein nicht allzu formalisierter Anlass ist, wo sich Uhrenliebhaber treffen, um über ihr Lieblingshobby zu reden. Und es ist so, dass junge Marken sehr selbstbewusst auftreten und viele von ihnen nicht mehr in der Schweiz gegründet werden. Aber: Die grosse Mehrheit vertraut immer noch auf «Swiss Made», weil es immer noch das beste Verkaufsargument ist. Wie lange noch? Ich hoffe, für die Ewigkeit.

Über die Autoren
Iris Kuhn Spogat

Iris Kuhn-Spogat

Iris Kuhn-Spogat

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