In Sachen Präzision hatte die Quarzuhr ihr mechanisches Pendant vom Thron gestossen. Dennoch erwarben Jacques Piguet und Jean-Claude Biver 1982 die Rechte an der Uhrenmarke Blancpain von der damaligen SSIH‑Gruppe (heute Swatch Group), um sie mit der Uhrwerkefabrik Frédéric Piguet zu verbinden.
Biver verstand etwas, das die meisten Manager der Branche damals übersahen: Um gegen die überlegene Präzision der Quarzuhr zu bestehen, musste die mechanische Uhr aufhören, ein reines Instrument sein zu wollen. Sie musste stattdessen ein emotionales Objekt werden. Und dafür war die Mondphase das perfekte Symbol: Sie ist im modernen Alltag nutzlos – wer wissen will, wie der Mond steht, muss nur in den Himmel schauen. Aber sie ist romantisch, handwerklich aufwendig und verbindet die Zeitmessung sichtbar mit der Astronomie. Damit repräsentiert sie exakt das, was eine Quarzuhr niemals haben wird: Seele. Mit Modellen wie dem Villeret Vollkalender mit Mondphase rettete Blancpain nicht nur die eigene Marke, sondern lieferte den Blueprint für den Erfolg der heutigen Luxusuhrenindustrie.
Die Mondphase wurde in der Folge zur Signatur‑Komplikation der Marke. Mechanische Mondphasenanzeigen zeigen die Stellung des Mondes zur Erde als Zusatzfunktion an. Meist sitzt hinter einem Ausschnitt im Zifferblatt eine Scheibe mit zwei Monden, die sich langsam weiterdreht. Angetrieben wird sie klassisch über ein 59‑Zähne‑Rad, das einmal pro Tag um einen Zahn weiterspringt; 59 Tage entsprechen dann zwei «Monden» à 29,5 Tagen.
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Seither hat sich in Sachen Mondphase viel getan: 1985 entwickelte der Chefkonstrukteur Kurt Klaus bei IWC Schaffhausen mit der Da Vinci Ewiger Kalender und ihrem Kaliber 79261 eine Mondphase, die erst nach 122 Jahren um einen Tag abweicht.
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1999 stellte A. Lange & Söhne die 1815 Emil Lange Mondphase mit dem Handaufzugskaliber L943.1 vor, deren integrierte Mondphase durch eine fein berechnete Übersetzung der synodischen Mondperiode von 29 Tagen, zwölf Stunden, vier Minuten und drei Sekunden erst in 1058 Jahren um einen Tag abweicht.
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Im Jahr 2014 erhielt Andreas Strehler für seine Sauterelle à Lune Perpétuelle einen Eintrag in das «Guinness-Buch der Rekorde». Seine Mondphase weicht erst nach zwei Millionen Jahren um einen Tag ab. Strehler kombiniert im Jahr 2026 bei seiner Sauterelle Lune Exacte diese Anzeige der Mondphase mit einer zusätzlichen kreisförmigen Mondalter‑Skala bei 6 Uhr, die das Alter des Mondes in Tagen und Drei‑Stunden‑Schritten anzeigt. Die physikalische Genauigkeit des Mondphasengetriebes ist also gleich. Die Lune Exacte setzt vor allem bei der präziseren Auflösung der Anzeige an.
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2024 schliesslich stellte IWC Schaffhausen mit der Portugieser Eternal Calendar eine Mondphase vor, deren Double‑Moon‑Indikation theoretisch nur um einen Tag in 45'361,055 Jahren abweicht und damit Strehlers Guinness‑Rekord deutlich übertrifft. Realisiert wird dieser Rekord über ein abermals verfeinertes Reduktionsgetriebe mit drei Zwischenrädern im Kalender‑Mondphasen‑Zug, das die Dauer des Kalendermonats extrem genau auf die synodische Periode bringt. Beide Lösungen bleiben «rechnerische» Idealwerte, die in der Praxis an Gangabweichung, Service oder Stössen scheitern werden. So gesehen ist der Rekord vor allem ein Ausdruck der mathematischen Präzision der Übersetzung.