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Braindrain 
Vom Banker zum Techie

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Begehrte Banker: Fintechs legen im Kampf um Talente vor.Quelle: Westend61 / Heinz Linke

Fintech-Firmen dringen immer weiter ins angestammte Geschäft der Banken ein – und ziehen ihre besten Köpfe an. Was löst diesen Braindrain aus?

Veröffentlicht 03.01.2019

Mit Dreitagebart, Boots und Pulli passt Daniel Gasteiger optisch nicht richtig zum riesigen Edelholztisch und dem königsblauen Teppich im früheren Verwaltungsratssaal der VP Bank. Doch der Ex-Devisenhändler ist als Mitgründer des Blockchain-Zentrums Trust Square der neue Herr im Haus an der Zürcher Bahnhofstrasse. Im Prachtbau direkt gegenüber der Schweizerischen Nationalbank tüfteln inzwischen 230 Jungunternehmer, IT-Experten und Akademiker an der neuen Technologie, von der sie sich unter anderem ein effizienteres Finanzsystem erhoffen. Mehr als die Hälfte von ihnen stammt aus dem Finanzbereich - das ist kein Zufall. «Ich würde heute niemandem mehr empfehlen, in den klassischen Bankbereich zu gehen», warnt der 45-jährige Gasteiger.

Dass Start-ups Räume von altehrwürdigen Instituten in Beschlag nehmen, kann als Zeichen der Zeit gelesen werden. Denn die Fintech-Firmen dringen immer weiter ins angestammte Geschäft der Banken und Versicherer ein – und ziehen ihre besten Köpfe an. Was löst diesen Braindrain aus? Wächst sich das zu einer ernsthaften Gefahr für die Platzhirsche aus?

«Unglaublich bereichernd»

Wer mit Jungunternehmern in Zürich oder der Fintech-Hochburg Berlin redet, bekommt zuerst einmal eher unverfängliche Antworten. «Es war an der Zeit, etwas anderes zu machen», erklärt Christian Müller, der nach fast 15 Jahren bei der Deutschen Bank den Hut nahm und als Finanzchef beim Berliner Kreditvermittler Spotcap anheuerte. Ein anderer ehemaliger Deutsch-Banker, Chris Bartz, sagt: «Es ist unglaublich bereichernd, ein Unternehmen von null aufzubauen.» Sein Glück fand er bei der Fintech-Schmiede Finleap, die im früheren Firmensitz der Berliner Bank residiert, und jetzt als CEO der Vermögensverwaltungs-Plattform Elinvar.

Etwas schärfer formuliert es Minho Roth, der während seiner Zeit bei der Baader Bank als «Deutschlands jüngster Börsenhändler» bezeichnet wurde und inzwischen als Chef von Avaloq Ventures vielversprechende Fintechs aufspürt. «Ich habe gemerkt; ich habe mehr Spass daran, Firmen aufzubauen, als 14 Stunden am Tag vor zwölf Bildschirmen zu sitzen und Knöpfchen zu drücken.»

Banken räumen das Feld nicht kampflos

Es ist aber nicht nur das Gründerfieber, das die Banker weglockt. «Viele sind müde», sagt Gasteiger, der bei der UBS zuletzt Bürochef von Präsident Axel Weber war. «Ich war das bis zu einem gewissen Grad auch, trotz des super Jobs, den ich hatte.» Den etablierten Banken fehle eine Vision für die langfristige Entwicklung.

Dazu kommt, dass viele Stellen im Bankensektor durch Technologie ersetzt werden. Im Fintech-Bereich herrscht dagegen Aufbruch-Stimmung. «Nach meiner Zeit bei der DAB Bank wollte ich einen Job ausüben, in dem ich innovativer sein kann und besser aggressives Wachstum mitgestalten kann», erklärt Markus Gunter, Manager bei der Smartphone-Bank N26, einem der bekanntesten Fintechs Deutschlands. Ein bestehender Kundenstamm mache träge. Äusserlich unterscheidet sich der 52-Jährige allerdings kaum von einem Banker, der Verzicht auf eine Krawatte ist die einzige Konzession an die traditionelle T-Shirt-Kultur der Branche.

Rund 1000 Fintech-Start-ups

Auch bei anderen Berliner Start-ups zeigt sich: Die Garagenromantik ist vielerorts kühler Professionalität gewichen. Die Fintech-Branche ist erwachsen geworden - das verdeutlichen auch Zahlen. Risikokapital-Experte Roth schätzt, dass es in Deutschland, Österreich und der Schweiz inzwischen rund 1000 Fintech-Start-ups mit gegen 20'000 Beschäftigten gibt.

Verglichen mit den rund eine Million Angestellten bei Banken und Versicherungen ist das zwar immer noch bescheiden. Doch beide Seiten buhlen um die besten Mitarbeiter. In Zürich, wo mehrere US-Techkonzerne forschen, kommen Firmen wie Google als potente Konkurrenten dazu.

Dass der Kampf um Talente mit dem Aufkommen von Fintechs verschärft hat, räumt auch Dorothee Pfeuffer ein, die bei der Commerzbank für Rekrutierung zuständig ist. Mit flexiblen Arbeitszeitmodellen und Angeboten zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie umgarnt das Geldhaus die Kandidaten. Zudem glaubt sie, mit einer Image-Korrektur punkten zu können. «Wir sind nicht mehr die klassische Grossbank.»

«Banken zahlen doppelt so viel»

Was die Personalmanagerin nicht sagt: Bei Fintechs sind die Gehälter üblicherweise deutlich bescheidener. Oder wie es Gunter ausdrückt: «Mit dem Wechsel zu einem Fintech verschiebt sich das Gehalt in die Zukunft – in der Hoffnung, dass die Zukunft so grossartig wie die Vision ist.» Konkreter wird Jan Brzezek, Chef der Schweizer Crypto Finance. «Wir bezahlen etwa die Hälfte der Banken», sagt der 36-jährige frühere UBS-Mann. Dafür könnten seine 40 Mitarbeiter - 80 Prozent davon kommen von Banken - etwas bewirken und seien nicht nur eine Nummer wie in einem Grossbetrieb. Dennoch war es für seine Firma auch schon mal einfacher, Top-Leute zu finden. «Das Interesse an Jobs bei uns schwankt eins zu eins mit dem Kurs von Bitcoin und anderen Kryptowährungen». Vom Rekordwert hat Bitcoin inzwischen rund 80 Prozent an Wert verloren.

Auch Andreas Krischke beobachtet, dass sich der Hype um Fintechs etwas abgekühlt hat. Vielen sei inzwischen bewusst geworden, wie gross das Risiko eines Jobs bei einem Fintech sei, sagt der Geschäftsführer von Indigo Headhunters. Die Abgänge von Mitarbeitern zu Fintechs könnten die Banken problemlos ersetzen, so viele seien es ja auch nicht. «Weil vor allem die besten Leute wechseln, ist das aber dennoch gefährlich für die Institute», warnt Krischke. «Denn der Abgang eines Aushängeschildes sendet ein negatives Signal und verunsichert die Mitarbeiter, die zurückbleiben.»

(reuters/ccr)

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