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Wie bitte?: «Wir sind streikerprobt»

Wegen der Streikdrohung befürchtet die Baubranche ein Chaos. Der Präsident des Baumeisterverbandes, Werner Messmer, gibt sich verhandlungs- und kampfbereit.

Von Stefan O. Waldvogel
12.10.2007

BILANZ: Herr Messmer, wie bereitet sich der Baumeisterverband auf die angekündigte Streikwelle der Bauarbeiter vor?

Werner Messmer: Die Vorbereitungen sind längst abgeschlossen, sonst wären wir ein schlechter Verband. Unsere Mitglieder sind informiert, wie sie sich verhalten sollen. Wir haben zudem unsere Rechtsabteilung verstärkt und bieten den Firmen Unterstützung, falls es bei ihnen zu Aktionen der Gewerkschaften kommt.

Erwarten Sie grössere Störungen auf Baustellen?

In erster Linie erwarte ich, dass die Gewerkschaften zur Besinnung kommen. Ich kann mir vorstellen, dass Baustellen blockiert werden. Und darauf müssen die Firmenverantwortlichen angemessen reagieren.

Was heisst das?

Wir legen die Szenarien nicht öffentlich dar. Aber es ist klar: Die Unternehmer waren schon in vergleichbaren Situationen, es ist ja nicht der erste Arbeitskampf der Branche. Und je mehr gestreikt wird, desto schwieriger werden die Verhandlungen für die Gewerkschaften.

Aber erst recht für Sie?

Nein, das glaube ich nicht. Unsere Mitglieder verböten uns wohl zu verhandeln, wenn der Druck zu gross würde. Wie erwähnt: Wir sind streikerprobt.

Mit der Kündigung des Gesamtarbeitsvertrags der Baubranche haben Sie im Mai den Gewerkschaften eine «frontale Kampfansage» gemacht.

Wir hatten das Gefühl, die Gewerkschaften hätten mehrfach gegen die Interessen der Branche gearbeitet. Sie zeigen sich extrem unflexibel und fördern damit bloss, dass mehr Festangestellte durch Temporärkräfte ersetzt werden. Das ist weder in ihrem noch in unserem Interesse.

Der «Tages-Anzeiger» spricht von faktischer «Arbeit auf Abruf», die mit den neuen Minusstunden eingeführt werden soll. Bei schlechtem Wetter müssen die Bauarbeiter zu Hause bleiben und die Minuszeit später abarbeiten.

Das Prinzip von Minusstunden hat nichts mit Arbeit auf Abruf zu tun. Die meisten unserer Mitgliedsfirmen sind kleinere Hochbauunternehmen, und die halten sich relativ genau an den Arbeitszeitkalender. Trotzdem ist es wichtig, dass, wenn notwendig, ausgefallene Arbeitsstunden – beispielsweise wegen Frosts oder starken Regens – nachgeholt werden können, ohne dass der Arbeitnehmer einen Lohnausfall erleidet. Diese Flexibilität hat nichts mit Arbeit auf Abruf zu tun.

Was braucht es für Neuverhandlungen?

Wir stellen keine Vorbedingungen; eine erste Auslegeordnung hat Anfang Monat stattgefunden. Doch wird es wohl eher Monate denn Wochen dauern, bis ein Abschluss steht. Wir betonen: Wir wollen den Gesamtarbeitsvertrag. Alles andere ist Nebensache.

Wieso beharren Sie denn auf den 80 möglichen Minusstunden?

Es geht nicht um die Zahl 80, sondern ums Prinzip der Flexibilisierung. Wir wollen eine einfache Lösung, und die Idee mit einer jährlichen Arbeitszeit, die schwanken kann, hat sich in anderen Branchen oder etwa im Wallis bewährt. Für mich ist dies einer der grössten Witze: Dieselben Gewerkschaften, die uns deswegen kritisieren, haben mit dem kantonalen Baumeisterverband im Wallis einen Vertrag unterschrieben, der 100 Plus- und 120 Minusstunden erlaubt. Es gibt wohl noch andere Gebiete mit Bergen, aber offenbar gilt auch hier: Das Wallis ist eine Art Staat im Staat (lacht).

Da nun der vertragslose Zustand seit Anfang Monat gilt, ist der Kanton Zürich vorgeprescht und hat beschlossen, die Schwelle von Mindestlöhnen um zehn Prozent zu senken. Wieso reagierten Sie erbost?

Wir verlangen, dass der Entscheid rückgängig gemacht wird, und danach sieht es im Moment wohl auch aus. Es ist nicht Aufgabe der tripartiten Kommission, Löhne festzulegen. Der Zeitpunkt ist dumm, und man ist uns damit in den Rücken gefallen. Wir wollen auch nicht die Mindestlöhne senken, sondern den Arbeitnehmern weiterhin gute Partner sein. Bei den Gewerkschaften kann man derzeit nicht von Partnerschaft sprechen.

Neben Branchenpolitik und Wahlkampf müssen Sie sich ja auch noch ums eigentliche Baugeschäft kümmern. Wie stark spüren Sie als Unternehmer die Auswirkungen höherer Zinsen auf die Bautätigkeit?

Ich will lieber von der Branche generell sprechen. Der Wohnungsbau hat seinen Zenit bereits im Sommer 2007 überschritten. Das hat wohl mit der Nachfrage und den Zinsen zu tun. Anderseits spüren wir ein starkes Anziehen bei Gewerbe und Industrie. Anhand der Projekte bin ich für die nächsten beiden Jahre durchaus noch optimistisch, was die Volumen angeht.

Werner Messmer (61) sitzt für die Thurgauer FDP seit 1999 im Nationalrat, seit drei Jahren ist er auch Zentralpräsident des Schweizerischen Baumeisterverbandes. Er ist Inhaber einer Bauunternehmung in Sulgen.

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