BILANZ: Herr Beckenbauer, Sie waren 1974 Weltmeister als Fussballspieler und 1990 als Teamchef. Jetzt organisieren Sie die Fussball-WM 2006 im eigenen Land. Ist das des Kaisers Krönung?

Franz Beckenbauer: Sie haben schon Recht: Dies ist eine weitere Steigerung, wirklich das Höchste für mich. Die Chance, erst die Bewerbung um die WM, dann die WM selbst als Präsident des Organisationskomitees organisieren zu dürfen, die gibt es nur einmal im Leben. Eine Fussball-WM ist das grösste sportliche Ereignis weltweit.

Und die WM in Deutschland soll alle bisherigen Weltmeisterschaften toppen?

Unser Massstab ist die WM in Frankreich. Damals haben weltweit rund 30 Milliarden Zuschauer die Spiele am Bildschirm verfolgt, mehr als eine Million Menschen haben in dieser Zeit das Land besucht. Wir rechnen mit mindestens fünf Millionen zusätzlichen Übernachtungen in Deutschland. Das müssen wir nutzen. So eine Chance kommt für unser Land nie wieder.

Die Regierung und die Wirtschaft wollen die WM auch für sich nutzen. Darf sich eine Fussballweltmeisterschaft vor den Karren einer Regierung spannen lassen?

Wir sind niemandem verpflichtet. Unsere Bewerbung hat 17 Millionen Mark gekostet. Die haben wir ganz ohne öffentliche Gelder finanziert, aus Eigenmitteln und mit Sponsoren. Wir haben noch nicht mal eine staatliche Ausfallbürgschaft. Die 2000 gescheiterte Berliner Olympiabewerbung dagegen hat den Steuerzahler 50 Millionen Euro gekostet.

Es gibt eine Standortkampagne von Regierung und Wirtschaft zur WM. Deutschland soll darin als «Land der Ideen» präsentiert werden. Was hat das mit Fussball zu tun?

Da müssen wir natürlich schon ganz genau schauen, dass wir nicht zwischen diverse Mühlsteine geraten. Es geht hier schliesslich nicht um die Vorstellungen einzelner Parteien oder Interessengruppen. Es geht um das ganze Land: Wie kann ich Deutschland von seiner besten Seite darstellen, wie kann ich es positionieren? Da sind alle gefordert. Wirtschaftsminister Clement rechnet damit, dass die WM das Sozialprodukt um mindestens acht Milliarden Euro erhöht. Aber es geht ja nicht nur darum, dass die Leute hier essen, trinken, schlafen, shoppen. Deutschland wird fünf, sechs Wochen im Zentrum der Weltöffentlichkeit stehen, wir erwarten allein 15 000 Journalisten. Welchen Einfluss das auf das globale Image eines Landes haben kann, lässt sich in Zahlen gar nicht ausdrücken.

Wirtschaftspolitisch betrachtet und an der Massenarbeitslosigkeit gemessen, stellt sich Deutschland derzeit eher als «Land ohne Ideen» dar. Nun soll mit Hilfe der WM der ökonomische Knoten platzen. Wird der Fussball da nicht überfrachtet? Belastet Sie das nicht?

Überhaupt nicht. Ich bin da sehr gelassen. Wir konzentrieren uns allein darauf, dass die Organisation klappt und möglichst die gesamte Atmosphäre stimmt. Alles andere ist nicht unsere Sache. Aber es wäre natürlich schön, wenn die WM auch wirtschaftlich eine Wende bringen würde.

Wie wichtig ist dafür das Abschneiden der deutschen Mannschaft?

Sehr wichtig. Ein frühes Ausscheiden unseres Teams würde die Stimmung im Land stark drücken.

Sie holen mit McKinsey professionelle Hilfe von aussen. Wofür?

Um von aussen zu überprüfen, ob wir mit unserer Arbeit richtig liegen, konkret bei der Organisation des Fernsehzentrums in München und für unser Freiwilligenprogramm. Wir haben das bisher selbst gemanagt. Es geht hier um ein Team von 15 000 Freiwilligen, die wir an Flughäfen, Bahnhöfen, öffentlichen Plätzen postieren und die unseren ausländischen Gästen dabei helfen sollen, sich zurechtzufinden. Die müssen wir aus 30 000 Bewerbern auswählen und schulen. Diese Leute sind ja schliesslich wesentlich dafür verantwortlich, wie unser Land von unseren Gästen wahrgenommen wird.

Was für Leute sind das?

Die kommen aus aller Welt. Einer hat sich sogar aus Costa Rica gemeldet. Da wird auch ein Bankdirektor zum Parkplatzwächter. Aus reiner Begeisterung.

Was haben Sie nach der WM noch vor? Es gibt ja jetzt im Grunde nichts mehr, was Sie noch reizen könnte – ausser vielleicht deutscher Bundespräsident?

Schaun mer mal! Ich mach mir jetzt keine Gedanken, konzentriere mich ganz auf die WM. Ich habe die Dinge immer auf mich zukommen lassen. Bisher ist immer was Interessantes gekommen.

Franz Beckenbauer gilt als die Lichtgestalt des deutschen Fussballs. Er präsidiert neben dem OK für die WM auch den FC Bayern München.

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