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Wie bitte?: «Kreuz und Knoblauch»

SAP-Chef Henning Kagermann über neue Duelle mit Oracle-Chef Larry Ellison, die abgesagte Fusion mit Microsoft und den Egotrip der Manager.

Von red
03.05.2005

BILANZ: Herr Kagermann, den Bieterkampf um das US-Softwareunternehmen Retek haben Sie gegen Ihren Rivalen Oracle verloren, dabei aber den Preis kräftig hochgetrieben. War das nur eine Finte, um Oracle-Chef Larry Ellison das Leben schwer zu machen?

Henning Kagermann: Das wäre nicht der Stil von SAP. Wir hatten ernsthaft vor, Retek zu kaufen. Als der Preis nicht mehr stimmte, haben wir es nicht weiterverfolgt.

Dass die Übernahme für Oracle deutlich teurer geworden ist, dürfte Sie dennoch freuen.

Retek hätte uns ergänzt, aber so dringend brauchten wir den Spezialisten für diese Art von Software doch nicht. Für die andere Seite aber war die Übernahme offenbar strategisch wichtig, und so war sie bereit, fast jeden Preis zu bezahlen.

Ellison spricht SAP in jüngster Zeit gerne als zusammenhängendes Wort «sap» aus. Das heisst auf Englisch «Trottel». Lässt Sie das auch kalt?

Es gibt vielleicht Leute, die dies stört, mich beeindruckt das nicht. Larry Ellison kann dies von mir aus noch zehn Jahre lang machen. Es ändert nichts an unserer Marktführerschaft, es ändert nichts am Erfolg unserer Software beim Kunden. Ich wäre erst dann beunruhigt, wenn Oracle wirklich Erfolge vorzuweisen hätte, etwa weil sie bessere Software auf den Markt bringt und Marktanteile gewinnt. Das ist derzeit aber nicht der Fall.

Sie konkurrieren schon seit vielen Jahren mit Oracle. Während dieser Zeit hat es derartige Situationen oft gegeben.

Etwa als Ellison Kampfansagen an uns richtete, dass er uns in einem Jahr überholen werde. Als das nicht klappte, hiess es: in zwei Jahren. Danach verkündete er irgendwann mal einen nuklearen Winter für SAP. Das haben wir uns angehört, denn wir nehmen den Wettbewerb sehr ernst. Solche Auseinandersetzungen sind also wirklich nicht neu.

Entwickelt sich der Softwaremarkt nicht mehr durch Innovationen, sondern über Zusammenschlüsse und Zukäufe?

Das ist genau die Oracle-Story, und die halte ich für falsch. Der Markt wird sich weiter über Innovationen definieren. Das schliesst Akquisitionen zur Abrundung der eigenen Produktpalette nicht aus. Ich glaube aber nicht, dass es wettbewerbsentscheidend sein wird, wer am schnellsten konsolidiert. Das erzeugt grosse Schwierigkeiten, wie wir bei einigen Anbietern ja bereits gesehen haben. Nur durch Käufe kann man kein überlegenes Produktportfolio zusammenbauen.

Genau dies aber wollte offenbar Microsoft, als sie im vergangenen Jahr SAP eine Fusion vorschlug.

Microsoft hat damals verkündet, sie wolle das Vorhaben wegen der Komplexität nicht weiterverfolgen. Dem wollen wir nichts hinzufügen, schliesslich war es Microsoft, die auf uns zugegangen ist. Also liegt es auch an ihnen zu erklären, warum sie sich wieder zurückgezogen haben.

Sie haben sich aber auch nicht gewehrt, als Microsoft an die Tür geklopft hat. Daher müssen Sie doch eine Position zu dem Deal haben!

Ich halte es für falsch, sich von vornherein mit Kreuz und Knoblauch gegen jede Art von Gesprächen zu wehren. Denn das hiesse ja, dass es niemals eine überlegene Kombination geben könnte. Man muss die Auswirkungen auf Kunden, Mitarbeiter und Aktionäre prüfen. Daher werden wir jedem, der an uns herantritt, immer erst einmal zuhören. So verhielt es sich im Fall Microsoft. Und wir würden es auch in Zukunft wieder so tun, nicht zuletzt auch deshalb, weil die Konzernleitung alle Interessengruppen eines Unternehmens berücksichtigen muss. Unabhängigkeit ist kein Selbstzweck.

Sie können sich also vorstellen, dass SAP irgendwann nicht mehr selbstständig ist?

Wer sich die erfolglose Abwehr von Peoplesoft gegen den Übernahmeversuch von Oracle anschaut, hat den Eindruck, das oberste Ziel von Peoplesoft war die Unabhängigkeit. Die Führung hat versucht, die Unabhängigkeit des Unternehmens gegen die Interessen der Aktionäre durchzusetzen. Das kann ja nicht richtig sein und hat sich auch nicht durchgesetzt. Schliesslich ist die Konzernleitung nicht eingesetzt, um in einem Unternehmen ihren eigenen Egotrip durchzusetzen.

Würden Sie selbst dann so offen für Gespräche sein, wenn Ellison Sie anriefe?

Warum sollte ich denn den Telefonhörer auflegen? Ich würde ihm zuhören. Aber an manchen Stellen fällt es mir schwerer, mir überlegene Kombinationen vorzustellen.

Henning Kagermann (57) ist seit Mai 2003 Konzernchef von SAP, Europas grösstem Softwarehaus. Ursprünglich ist er Professor der Physik, kehrte aber 1982 im Alter von 35 Jahren Forschung und Lehre den Rücken und wechselte zur damals 100 Mann kleinen SAP.

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