BILANZ: Bruno Sidler, Sie haben gesagt, Sie müssten sich persönlich nichts vorwerfen. Trotzdem sind Sie zurückgetreten. Was für ein Gefühl herrscht nun bei Ihnen vor?

Bruno Sidler: Nach 26 Jahren bei derselben Firma spüre ich eine grosse Leere. Panalpina war für mich mehr als ein Job – es war mein Leben! Aber ich habe nicht überreagiert, sondern würde wieder so handeln.

Sie kannten den geständigen Mitarbeiter gut, waren während vier Jahren sein direkter Vorgesetzter. Da müssen die Geschehnisse für Sie besonders bitter sein.

Trotz intensiven Nachfragen ist mir nicht klar geworden, warum er die Verluste nicht frühzeitig meldete, sondern immer weiter vertuschte. Daraus entstand ein grösserer Schaden, als er sich selbst bewusst war. Nach dem ersten Geständnis gingen auch wir von kleineren Verlusten aus. Er hat wohl selber den Überblick verloren, war nachher aber sehr kooperativ und reumütig. Mir selber bleibt unklar, wieso der lange erfolgreiche Abteilungsleiter nicht zum Fehler stehen konnte. Es kommt in unserem Geschäft durchaus vor, dass man die Kapazitäten für einen Monat falsch einschätzt.

Sie haben dem Verwaltungsrat Ihren Rücktritt angeboten. Wieso erhalten Sie trotzdem ein Jahressalär als Abgangsentschädigung?

Ich hatte als CEO immer einen Zwölf-Monate-Vertrag. Darin ist die Abgangsentschädigung enthalten, unabhängig davon, wer wem kündigt.

Begreifen Sie die Kritik: «Verantwortung übernehmen heisst auch, auf die Abgangsentschädigung in der Höhe von einer guten Million zu verzichten»?

Ich finde, da liegt der «Blick» daneben. Ich nehme ihn als Wirtschaftsblatt auch nicht ernst. Wer Verantwortung übernimmt, wird kritisiert, das wäre auch so, wenn ich geblieben wäre. Da kann man nur zwischen zwei Übeln wählen. Aber es stinkt mir natürlich, dass ich meine Panalpina-Karriere so beenden muss. Zudem kann ich laut Vertrag ein Jahr lang nicht bei der Konkurrenz arbeiten. Und fürs Nichtstun fühle ich mich zu jung.

Der Vorfall kam auch für Sie im dümmsten Moment zum Vorschein, kurz nach dem erfolgreichen Börsengang im September.

Ja klar, ich habe das IPO mit Herzblut durchgezogen, und wie erwähnt ging es nicht um Bagatellen, sondern um einen beachtlichen Teil unseres Jahresgewinns. Und vor allem um Vertrauen.

Sie haben dem VR Ihre Kündigung angeboten. Dieser hätte Ihren Rücktritt ja nicht akzeptieren müssen.

Das wäre eine Möglichkeit gewesen. Er hätte mir das Vertrauen aussprechen können.

Darauf haben Sie gehofft?

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Man hört, es gab Spannungen zwischen Ihnen und VR-Präsident Gerhard Fischer?

Solche Spannungen sind normal. Es ist Sinn und Zweck der Interaktion zwischen VR und CEO, dass man sich auseinander setzt.

Aber er hat Ihnen ins operationelle Geschäft geredet?

Es ist sicher eine spezielle Konstellation, wenn der frühere CEO den VR prägt. Viele Spannungen sind dadurch entstanden. Anderseits ist es üblich, dass man nicht immer derselben Meinung ist.

Sind Sie von Herrn Fischer enttäuscht?

Ich bin nicht von der Person enttäuscht, sondern dass ein solcher Vorfall passieren konnte. Die ganze Konzernleitung war betroffen und musste aus der Situation heraus entscheiden. Im Nachhinein kann man sagen, man hat vielleicht teilweise überreagiert.

Gab es auch Diskussionen darüber, ob die Aufsicht des Verwaltungsrates klappte oder ob dort allenfalls Rochaden nötig sind?

Uns war klar, dass in der Konzernleitung alle betroffen sind. Im Verwaltungsrat ist die Situation etwas speziell, weil er neu zusammengesetzt ist. Vier neue, unabhängige Verwaltungsräte sind erst an zwei normalen VR-Sitzungen dabei gewesen, und die Vorfälle sind auch für sie eine Belastung. Aber schliesslich war ich der operative Chef und musste deshalb den Kopf hinhalten.

Schwierig nachzuvollziehen ist auch, wie solche Buchungen den Revisoren entgehen.

Klar muss sich PwC einige kritische Fragen gefallen lassen, anderseits habe ich während der Untersuchung gesehen, wie raffiniert der Mitarbeiter vorgegangen ist. Allein mittels Durchsicht der Zahlen wäre man ihm wohl nicht auf die Schliche gekommen. Aber das Management der Tochterfirma, die direkt involviert war, hätte früher merken müssen, dass etwas nicht stimmen kann. Doch wie immer: Im Nachhinein ist man klüger.

Bruno Sidler (49) arbeitete bis Anfang 2006 als Chef der Panalpina Gruppe. Er verbrachte die letzten 26 Jahre im Basler Logistikkonzern.

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