BILANZ: Herr Bischofberger, Sie sind der Vater des zurzeit begehrtesten Medikamentes der Welt, Tamiflu. Wie muss man sich eine solche Vaterschaft vorstellen?

Norbert W. Bischofberger: 1993 entdeckten australische Forscher, dass sich das Grippevirus wohl während jeder Saison veränderte, doch sie fanden auch eine Stelle, die immer exakt gleich aussah. Sie experimentierten mit Mäusen und stiessen auf ein bestimmtes Molekül. Ich war damals Forschungschef von Gilead, sah an einem Kongress in Los Angeles die Resultate auf einem Plakat und dachte, dass daraus das erste wirkliche Grippemedikament werden könnte.

Konnten Sie damals ahnen, welch gewaltiger Erfolg dieses spätere Grippemedikament werden würde?

Nein, zuerst war es eine Vorstellung, wie schön es wäre, wenn wir als Erste ein Grippemedikament zum Schlucken entdecken würden. Ich wusste, dass unsere Konkurrentin Glaxo auch an der Entwicklung eines Grippemedikamentes arbeitete, nämlich an Relenza, einem Pulver zum Einatmen. Doch das hielt ich für ungünstig: Wer Husten hat, kann schlecht ein Pulver einatmen. Zudem wirkt das Pulver nur in der Lunge, und die Grippe greift bekanntlich mehr an als dieses eine Organ.

Wie ist Tamiflu bei Roche gelandet?

Es ist eigentlich immer noch bei uns. Roche hat es nur lizenziert.

Wie kam das?

Nachdem ich von jenem Kongress zurückgekommen war, machten sich Chemiker, Biologen und Computerspezialisten von Gilead unter meiner Führung auf die Suche nach einem Schluckmedikament. Trotz vielen Rückschlägen gelang 1995 der Durchbruch. Und just zu diesem Zeitpunkt verhandelte Gilead mit Roche über eine Zusammenarbeit.

War es rückblickend ein Fehler, die Lizenz an Roche abzugeben?

Nein, denn abgesehen von der teuren Weiterentwicklung – sie verschlang schätzungsweise über 500 Millionen Dollar –, brauchte unsere Erfindung ein starkes Marketing, um weltweit eingeführt zu werden. Ausserdem sind die Grippe und damit die Nachfrage nach dem entsprechenden Medikament saisonal. Es braucht somit eine grosse Herstellungskapazität.

Es heisst, Sie hätten kürzlich den Vertrag mit Roche gekündigt?

Es handelt sich um einen Streitfall, den ich nicht kommentieren kann.

Stimmt es, dass Sie mehr Geld für Tamiflu wollen?

Wir sprechen miteinander. Der Inhalt dieser Gespräche ist vertraulich.

Wie viel zahlt Roche an Gilead für die Lizenzrechte?

Auch das wird nicht bekannt gegeben.

Wie gefährlich ist Grippe wirklich?

Influenza ist eine grosse Gefahr, die etwa alle 25 Jahre zuschlägt, 1976 zum bisher letzten Mal. Damals verursachte sie rund 100 000 Tote.

Die grosse Angst vor der Vogelgrippe ist also berechtigt?

Durchaus, denn auch ein Grippevirus kann von der globalisierten Welt profitieren.

Ist die Grippe weltweit das grösste medizinische Problem?

Nein, Herzkrankheiten und Krebs stehen an erster Stelle, aber Influenza verursacht viel mehr Tote als etwa Aids.

Gegen die Grippe gibt es einen Impfstoff. Genügt dies nicht?

Beim Impfstoff gibt es zwei Schwachpunkte: Nicht jeder Mensch ist geimpft, und nicht jede Impfung ist gegen jedes Grippevirus wirksam. Der Impfstoff wird im Frühling für den nächsten Winter hergestellt, ohne dass man die Art des Virus genau kennt. Da man nie genau weiss, wie sich die Viren entwickeln, handelt es sich bloss um eine Annahme, die auch mal fehlgehen kann. Vor zwei Jahren war dies der Fall: In den USA wurde ein Impfstoff bereitgestellt, mit dem ausgerechnet die häufigste Virusart nicht abgedeckt war.

Haben Sie selber mit Ihrer Erfindung viel Geld verdient?

Nein, bis in die 1960er Jahre war es in Basel üblich, den Erfindern grosse Prämien zu bezahlen, aber das wurde abgeschafft. Denn letztlich sind immer mehrere Menschen oder ganze Teams am Erfolg beteiligt. So ist es richtig, dass unser Unternehmen das Geld verdiente. Davon bekam ja auch ich als Mitarbeiter meinen Anteil.

Wurden Sie für Ihre Erfindung ausgezeichnet?

Bis jetzt nicht.

Haben Sie daheim einen Vorrat von Tamiflu für sich und Ihre Familie?

Ja, ich habe Tamiflu bei mir im Kühlschrank, für den Fall der Fälle.

Norbert W. Bischofberger (50) ist gebürtiger Österreicher und Amerikaner. Er hat in Innsbruck und Harvard studiert und an der ETH doktoriert. Er arbeitete bei Genentech und wechselte 1990 zu Gilead, wo er vom Forschungschef zum Executive Vice President aufstieg. Gilead Sciences ist ein auf Healthcare und Biotechnologie spezialisiertes Unternehmen mit Hauptsitz im kalifornischen Forster City und beschäftigt rund 1600 Mitarbeitende.

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