Den Hurrikan und die mörderische Überschwemmung überlebte Gary LaGrange in einem Hotelzimmer in New Orleans. Kaum hatte sich der Sturm verzogen, kämpfte er sich durch die überflutete Stadt zu seinem Arbeitsplatz. LaGrange ist der Chef des Hafens von New Orleans, des fünftgrössten Frachtguthafens der USA.

Schon nach dem ersten Augenschein war ihm klar, dass der Hafenbetrieb nicht einfach wiederaufgenommen werden kann. «Katrina» hat zwei der fünf Kräne demoliert und den Containerterminal mit Trümmern übersät. Autobahnbrücken sind zerstört, die Schifffahrt auf dem Mississippi von gekenterten Ladekähnen blockiert, Schienenwege verschüttet. Die meisten von LaGranges Mitarbeitern sind evakuiert worden, suchen ihre Angehörigen und haben kein Dach über dem Kopf. Sechs Wochen, schätzt LaGrange, könnte es dauern, bis der Hafen seinen Betrieb wiederaufnehmen kann.

Der Hurrikan ist nicht nur eine menschliche Katastrophe mit vielen tausend Toten und noch viel mehr Menschen, die ihren Besitz verloren haben. Auch für die Wirtschaft sind die Auswirkungen schlimmer als anfangs angenommen. Die Experten der auf Risikoprognosen spezialisierten US-Agentur Risk Management Solutions schätzen die volkswirtschaftlichen Gesamtschäden des Hurrikans auf mehr als 100 Milliarden Dollar. Vor allem ist ein Grossteil der wichtigen Öl- und Erdgasinfrastruktur zerstört oder beschädigt, sodass der Lebenssaft der globalen Wirtschaft knapper und teurer wird.

Nun droht der Welt ein weiterer Anstieg der Energiekosten, den USA ein ökonomischer Rückschlag und Europa ein weiterer Wachstumsverlust.

Denn New Orleans ist mehr als nur die Stadt des Jazz und des leichten Lebens. Der Küstenstreifen am Golf von Mexiko sei für Energie, «was die Wall Street für Geld und Hollywood für das Entertainment ist», so der US-Ökonom Robert J. Samuelson. Hier werden 30 Prozent des amerikanischen Öls und 20 Prozent des Erdgases gefördert, 60 Prozent der Öleinfuhren der USA kommen über Häfen am Golf ins Land, die Hälfte der US-Ölraffinerien sind hier angesiedelt. Diesen energieindustriellen Komplex hat «Katrina» weitgehend lahm gelegt – die Ölförderung zu 95 Prozent, die Erdgasindustrie zu 88 Prozent, die Raffinerien zu 67 Prozent. Als Folge sprang der Ölpreis über 70 Dollar. 2002 hatte ein Barrel im Schnitt noch 25 Dollar und 2004 etwa 40 Dollar gekostet.

Aber nicht nur die Öl- und Erdgasversorgung ist gefährdet. Die Bundesstaaten Mississippi und Louisiana sind «die wichtigste Verkehrsdrehscheibe der Nation», sagt David Rosenberg, Ökonom bei der Investment-Bank Merrill Lynch. 6 der 15 grössten US-Frachtguthäfen befinden sich hier. Durch die Pipelines des Südens fliessen Öl und Gas an die viel reichere Atlantikküste, und über den Mississippi werden Stahl, Holz, Gummi und Zement ins Landesinnere transportiert. In der Gegenrichtung werden Sojabohnen, Mais, Weizen und tiefgefrorenes Geflügel für den Weltmarkt in die Seehäfen transportiert. New Orleans ist zudem Hauptumschlagplatz für Kaffee: 1,6 Millionen Säcke sind dort gelagert, ein Viertel des Rohkaffees des Landes.

Vor allem andern aber droht den USA und der Welt nun eine Benzinkrise: Nach dem Sturm ist die sowieso schon unzureichende US-Raffineriekapazität um zwei Millionen Barrel Rohöl pro Tag gesunken. Dies entspricht im Output einer Million Barrel Benzin.

Während der Ölausfall durch Lieferungen aus anderen Teilen der Welt ausgeglichen werden kann, ist der Kapazitätsausfall bei den Raffinerien nicht so schnell wettzumachen. Die Folge: Die Preise für Benzin und Super haben sich von den Rohölnotierungen abgekoppelt. So hat auch die Ankündigung, dass die Industrieländer in den nächsten 30 Tagen 60 Millionen Barrel Öl und Ölprodukte aus ihrer strategischen Reserve auf den Markt bringen wollen, nur begrenzte Auswirkungen. Während der Rohölpreis sich vom Rekordhoch von 70.85 Dollar letzten Freitag auf etwa 65 Dollar verbilligte, müssen die Autofahrer weiter mit den hohen Benzinpreisen leben. Denn die Notierungen für Superbenzin in Rotterdam sanken nur um drei Prozent.

Die Ursache dafür sind die unzureichenden Kapazitäten der in der Regel altersschwachen US-Raffinerien. «Wir müssen sehr viel Benzin importieren, auch aus Europa. Das bedeutet, dass auch dort die Benzinpreise steigen», sagt der amerikanische Energieexperte Kenneth Medlock. Und eine Entspannung an den Energiemärkten ist nicht so bald zu erwarten, zumal im nächsten Jahr die Vereinigten Staaten als zusätzliche Nachfrager auftreten werden, die jetzt ihre strategischen Reserven anzapfen. Diese müssen für eventuelle neue Notfälle wieder aufgefüllt werden.

Nicht vorstellbar, was sich an den Energiemärkten und Tankstellen abspielen würde, käme es zu zusätzlichen Unterbrechungen des Ölangebots durch weitere Naturkatastrophen oder durch politische Krisen, wie es sie in der Vergangenheit häufig gab. Terroranschläge, Produktionskürzungen zum Beispiel in Iran im Konflikt um dessen atomare Aufrüstung oder politische Unruhen etwa in Nigeria oder in Venezuela könnten den Ölpreis schnell auf 100 Dollar treiben.

Der Schock ist für die amerikanischen Autofahrer markant: Kostete eine Gallone (rund vier Liter) in Washington Mitte August noch 2.50 Dollar, ist der Preis mittlerweile über die Marke von drei Dollar gesprungen. Die Rechnung der Amerikaner für Benzin und Heizöl dürfte im nächsten Jahr um etwa 30 Prozent beziehungsweise 75 Prozent höher ausfallen als 2005, schätzt der amerikanische Energieexperte Lawrence Goldstein.

Bleibt der US-Benzinpreis auch nur bis Ende Dezember so hoch wie derzeit, müssten die Verbraucher bei unverändertem Fahrverhalten in diesem Jahr rund 95 Milliarden Dollar mehr für Benzin ausgeben als im Vorjahr – das entspricht rund einem Prozent ihres verfügbaren Einkommens. Was sie für Energie mehr zahlen müssen, mindert jedoch ihren Konsum von anderen Gütern und Dienstleistungen. Für Europa droht somit nach dem Benzinpreisschock noch die Exportflaute, weil die Amerikaner weniger Geld für Importe haben.

Nach Berechnungen der Investment-Bank Goldman Sachs haben die Amerikaner bei Ölpreisschocks in der Vergangenheit für jeden Dollar, den sie mehr für Energie aufwenden mussten, ihre Konsumausgaben für andere Waren und Dienstleistungen um 50 Cent reduziert und ansonsten weniger als sonst gespart. Das geht heute nicht mehr. Denn schon jetzt geben die Amerikaner mehr Geld aus, als sie einnehmen: Ihre Sparquote liegt bei minus 0,6 Prozent. Dies ist nur dank niedrigen Hypothekenzinsen und Immobilienboom möglich. Mit den Wertsteigerungen des Hausbesitzes wird ein Teil des Konsums finanziert.

Doch die Zinsen sind seit dem Tiefpunkt im Frühsommer 2004 spürbar gestiegen, und die Immobilienblase droht zu platzen. Schränken nun die Amerikaner ihren Konsum ein, würde das die amerikanische Wirtschaft spürbar belasten. Die Investment-Bank JP Morgan hat ihre Wachstumsprognose für das zweite Halbjahr bereits von 4,0 auf 3,25 Prozent reduziert. Energieexperte Medlock erwartet, dass sich die Wachstumsrate im nächsten Jahr auf zwei Prozent halbiert. Auch Stephen Roach, Chefvolkswirt der Investment-Bank Morgan Stanley, sieht im Ölpreisschock eine akute Gefahr für die US-Konjunktur und die Weltwirtschaft. An den Finanzmärkten spekulieren Händler und Analysten inzwischen darauf, dass die US-Notenbank Fed ihren Kurs der geldpolitischen Straffung aussetzen könnte, um die Konjunktur nicht noch weiter zu belasten.

Denn wenn nun auch noch die Amerikaner sparen, dann hätte Hafenmanager Gary LaGrange in New Orleans unter Umständen in ein paar Monaten einen mit öffentlichen Mitteln wieder aufgebauten Hafen, in dem sich aber wegen der Konsumflaute weniger tut als in den Tagen vor der Katastrophe.

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