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Warum Versicherungen den Banken den Rang ablaufen

In der Schweiz kündigt sich ein Wandel an. Denn in puncto volkswirtschaftlicher Bedeutung werden die Versicherungen immer mächtiger - noch mächtiger als die hiesigen Grossbanken. Woran das liegt.

«Bilanz» hat das «Who is who» der Schweizer Wirtschaft ermittelt. Die wichtigsten Personen im Bereich Finanzen:Mark Branson:Direktor FinmaSeit 2014 ist der gebürtige Brite der oberste Aufseher aller Schweizer Finanzinstitute. Im Gegensatz zu seinem eher verbissen wirkenden Vorgänger Patrick Raaflaub eckt Branson weniger an, obwohl er zuletzt demonstrativ Härte markiert hat.
Boris Collardi:CEO Julius BärDie Bank Julius Bär – das ist je länger, je mehr eine Person: Boris Collardi. Seit 2009 als CEO an der Spitze der Privatbank, hat er seine Macht stetig ausgebaut und gilt heute angesichts des eher schwachen Verwaltungsrats als unbestrittener starker Mann im Haus. Mit seinem Wachstumskurs hat er die Bank schnell vorangebracht.
Sergio ErmottiCEO UBSVon der Grosskrise vieler europäischer Bankhäuser blieb die UBS zwar verschont, doch aus Anlegersicht war der Jahrgang 2016 für den Chef der grössten Schweizer Bank dennoch der schlechteste seiner fünfjährigen Amtszeit: Der Aktienkurs brach zeitweise um mehr als 25 Prozent ein. Ermotti nutzte den selbst deklarierten «Beginn des Rückspiels» seiner Amtszeit für den bisher grössten Umbau der Konzernleitung.
Patrik GiselCEO RaiffeisenSeit über einem Jahr ist er nun CEO der Raiffeisen Gruppe. Und hat überraschend deutlich eigene Zeichen gesetzt. Lange im Schatten von Pierin Vincenz, unter dem er bei Raiffeisen zwölf Jahre als Vize wirkte, hat Patrik Gisel gewichtige Weichenstellungen seines Vorgängers rückgängig gemacht.
Thomas GottsteinCEO Schweizer Universalbank Credit SuisseMit Thomas Gottstein steht und fällt die Credit Suisse, wurde ihm doch das Herzstück der Grossbank, die Schweizer Einheit, anvertraut. 2017 soll die Swiss Universal Bank teilweise an die Börse gebracht werden, wodurch Milliarden an neuem Kapital einfliessen sollen. An ihm ist es nun, den Markt davon zu überzeugen, welch grosser innerer Wert in der Bank schlummert.
Mario GrecoCEO Zurich Insurance Group Greco trat im März an und es gelang ihm erstaunlich schnell, den grössten Schweizer Versicherungskonzern von den Schrecken des Jahres 2015 zu befreien. Mit wenig Worten und viel Taten brachte er den gebeutelten Riesen wieder in die Spur. Als Endpunkt der Startphase schwor er sein Team auf die nächsten harten Jahre ein: Kostensenkungen von 1,5 Milliarden bis 2019, Entschlackung des Konzerns, niedrige Anlageerträge.
Thomas JordanPräsident Schweizerische Nationalbank (SNB)Er ist einer der meistkritisierten Männer des Landes: Die Exportindustrie wirft ihm die Aufhebung des Mindestkurses vor, die Bankenbranche die Einführung von Negativzinsen. Doch Kritik lässt der Ökonom abprallen und verweist auf die absolute Unabhängigkeit der Nationalbank. Auch intern ist Jordan so mächtig wie kaum ein anderer Nationalbankchef vor ihm, ist er doch der einzige wahre Fachspezialist im Direktorium.
Patrick OdierSenior Partner Lombard OdierAm 15. September trat Patrick Odier nach sieben Jahren als Präsident der Bankiervereinigung zurück. Nun hat er mehr Zeit für seine eigentliche Aufgabe, jene des Senior Partners bei Lombard Odier. Die Bank ist stark gewachsen: Arbeiteten 2005 noch 1700 Personen für die Bank, sind es heute bereits 2200. Die Assets sind in den letzten fünf Jahren um 40 Prozent gestiegen.
Herbert ScheidtPräsident Vontobel und Präsident BankiervereinigungMit der Übernahme des Präsidiums bei der Schweizerischen Bankiervereinigung (SBVg) dreht der Banker nochmals richtig auf. Angesichts der schwierigen Aufgaben, die für ihn dort anstehen, ist es gut, dass wenigstens bei seinem eigentlichen Job als Präsident der Privatbank Vontobel Ruhe herrscht. Die Bank läuft gut, die Gewinne sprudeln, CEO Zeno Staub treibt das Geschäft vorsichtig, aber gezielt weiter voran.
Nicolas PictetSenior Partner PictetBei der altehrwürdigen Genfer Privatbank übernahm im Juni Nicolas Pictet die Rolle des Senior Partners. Er ersetzte Jacques de Saussure, der altershalber zurücktrat. Mit Nicolas Pictet ist die Familie, die der Bank den Namen gab, nun ganz oben präsent. Der Jurist ist schon seit 1984 bei der Bank, 1991 wurde er Partner. Keystone/zvg
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Die Schweiz ist bekannt für Berge, Käse, Schokolade - und für ihre Banken. Doch dieses Klischee könnte sich als Auslaufmodell erweisen. Die Versicherungsbranche ist einer jüngst veröffentlichten Statistik zufolge auf dem besten Weg, den Geldhäusern in puncto volkswirtschaftlicher Bedeutung den Rang abzulaufen. Bereits im kommenden Jahr könnte es soweit sei, wenn sich der Trend der vergangenen Jahre fortsetzt.
Zahlen des Staatssekretariats für Wirtschaft (SIF) zufolge nahm der Beitrag der Banken zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den letzten zehn Jahren mit einer Ausnahme stetig ab - von 8,2 Prozent im Jahr 2007 auf 4,9 Prozent im vorigen Jahr. Der BIP-Anteil der Versicherer blieb dagegen in diesem Zeitraum weitgehend stabil und betrug zuletzt 4,5 Prozent.

Umwälzungen in der Branche

Zu schaffen machten den Grossbanken UBS und Credit Suisse und den für ihre Diskretion bekannten Privatbanken in Zürich und Genf die Folgen der Finanzkrise und die Umwälzungen in der Branche. «Sie haben in den letzten Jahren natürlich einen grossen Strukturumbruch erlebt», sagte Martin Eling, Professor am Institut für Versicherungswirtschaft der Universität St. Gallen. «Der findet in der Assekuranz sicherlich auch ein Stück weit statt, aber nicht im gleichen Ausmass, wie er bei den Banken zu beobachten ist.»

Die Digitalisierung etwa hat bei den Banken tiefere Spuren hinterlassen als bei den Versicherern. Das Umfeld für Investitionen ist heute transparenter, die Anlageberatung weniger gefragt, was die Gebühreneinnahmen schmälert. Auch Niedrigzinsen, die Handelsflaute bei den Kunden und die Konkurrenz durch neue Anbieter drücken auf die Erträge. Nicht zu vergessen der Reputationsverlust durch die weltweite Jagd auf Steuersünder.

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Steigende Nachfrage nach Risikoschutz

Das Geschäftsmodell der Versicherer ist dazu auf längere Frist ausgelegt und folgt stärker makroökonomischen Entwicklungen. Denn mit zunehmendem Wohlstand steigt die Nachfrage nach Risikoschutz. «Es gibt drei Haupttreiber für die Versicherungsprämien: BIP-Wachstum, Bevölkerungswachstum und die Zunahme versicherbarer Risiken», sagte Yamin Gröninger vom Beratungsunternehmen EY. Das BIP ist in den letzten zehn Jahren um rund 20 Prozent gewachsen und die Bevölkerung hat rund elf Prozent zugenommen.

Insgesamt trug der Finanzdienstleistungssektor im vorigen Jahr etwas mehr als neun Prozent zum BIP von 650 Milliarden Franken bei. Zum Vergleich: In Deutschland beträgt der Anteil knapp vier Prozent, in Luxemburg sind es fast 28 Prozent. Neben Credit Suisse und UBS haben die beiden global tätigen Versicherungskonzerne Zurich Insurance und Swiss Re ihren Sitz in Zürich.

Krankenversicherung und Rückversicherer schieben an

Schweiz-spezifisch profitiert die Versicherungsbranche von zwei weiteren Faktoren. Das ist einerseits die Krankenversicherung, die weitgehend Privatsache ist. In den vergangenen zehn Jahren sind die Gesundheitskosten und Prämien kräftig gestiegen. Und zweitens ist die Schweiz zum Drehkreuz für die Rückversicherungsbranche geworden. Der einstige Hub, die Bermudas, büssten nach einer OECD-Steuerreform ihren Standortvorteil zu einem guten Teil ein.

Viele Rückversicherer wollen dazu in Europa präsent sein - sie zieht es nach Zürich, jüngst etwa die in Hongkong beheimatete Peak Reinsurance. «Der Standort Zürich hat sich gerade im Bereich Rückversicherung in den letzten Jahren sehr stark entwickelt», sagt auch Professor Eling.

Die Geschäftsaussichten für die Assekuranz dürften nach Einschätzung von EY-Expertin Gröninger gut bleiben. Schub bringen könnte zudem das Ausscheiden Grossbritanniens aus der EU. «Wir haben zwar noch keine Wellen gesehen, aber tatsächlich haben sich einige unserer Kunden überlegt, ihr europäisches Headquarter in die Schweiz umzusiedeln», sagte Gröninger.



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(reuters/ccr)
Wer 2017 die besten im Private-Banking sind, sehen Sie in der Bildergalerie unten:
Zum neunten Mal testete «Bilanz» mit einer ausgefeilten Methodik die Leistungen im Private Banking. Das sind die besten Banken 2017:
GesamtsiegerZum ersten Mal holt sich mit der Rothschild Bank eine Auslandbank den Gesamtsieg. Wo sich die Bank Rothschild wirklich von den anderen zwei Finalisten absetzen kann, ist bei der Erklärung der Risiken. Die Berater der Bank simulieren an der Präsentation live, wie sich das vorgeschlagene Portfolio der Kunden in der Vergangenheit verhalten hätte. Insbesondere gehen sie auf den maximalen Verlust des Portfolios ein, der in der Vergangenheit 31,8 Prozent betragen hätte.
Banken nationalIn der Kategorie Banken national hat das VZ VermögensZentrum zum wiederholten Mal gewonnen. Für das Finale um den Gesamtsieg reichte es unter anderem nicht, weil der Beratungsprozess der Jury bürokratisch erschien und die Kunden mit einem Anlagevorschlag im Umfang von mehreren 100 Seiten überfordert wurden.
Knapp hinter dem VZ Vermögenszentrum landete in der Kategorie Banken national die Bank Raiffeisen. Raiffeisen erhielt unter anderem Punktabzüge, weil sie viele hauseigene aktive Fonds einsetzte.
Banken regionalDen ersten Platz in der Kategorie Regionalbanken sichert sich die Valiant. Die Berner präsentieren sympathisch und bieten günstige Konditionen. Auf 0,65 Prozent beläuft sich die geschätzte Gesamtkostenquote. Das erstaunt die Jury, weil die Bank im Internet 1,25 Prozent für ein Standardportfolio verlangt.
Den zweiten Platz der besten Regionalbanken - und damit knapp hinter der Valiant - sichert sich die Berner Kantonalbank. Diese schlug das aggressivste Portfolio von allen Banken vor und investierte fast 90 Prozent des Geldes in Aktien.
PrivatbankenIn der Kategorie Privatbanken liegt Maerki Baumann vorne. Die Privatbank unterbreitete zum Erstaunen der Jury das günstigste Angebot.
Auf den zweiten Platz direkt hinter Maerki Baumann positionierte sich die Bank Vontobel in der Kategorie Privatbanken. Die Bank reichte einen guten Anlagevorschlag ein, die Jury wunderte sich einzig über ein strukturiertes Produkt, das eher in das Portfolio von weniger vermögenden Kunden gepasst hätte.
Die Jury, die die besten Beraterteams kürten, bestand aus sieben Experten.
Thorsten Hens ist Präsident der Jury des Private-Banking-Ratings von «Bilanz». Er ist «Swiss Finance Institute Professor» an der Universität Zürich und wissenschaftlicher Beirat des IVA. Auf Anfrage bietet er den Banken Erklärungen zum Rating an (früher gratis, wegen der hohen Nachfrage inzwischen kostenpfichtig).
Christian Dreyer (l.) ist Geschäftsführer der CFA Society Switzerland, der führenden Vereinigung von Anlageprofis mit dem international renommierten Abschluss als CFA Charterholder. Seine Organisation setzt sich unter anderem für ethische Standards in der Finanzbranche ein. Kurt Haug (mitte) ist Senior Partner bei der unabhängigen Vermögensverwaltung Huber & Partner. Rudolf Strahm (r.), Ökonom, ist Kolumnist sowie ehemaliger Nationalrat und Preisüberwacher.
Marco Infanger (l.) ist Leiter der Vermögensverwaltung beim unabhängigen Vermögens- und Vorsorgeberatungsunternehmen Weibel Hess & Partner. Andreas Beck ist Leiter des Instituts für Vermögensaufbau (IVA) in München. Die Firma hat sich auf die Qualitätssicherung im Banking spezialisiert und prüft auch die Portfolios von Schweizer Banken.
Ebenfalls Mitglied der Jury ist Harry Büsser, Leiter der Finanzredaktion von «Bilanz». Bilder: Holger Salach/Keystone
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