Bis Mitte 2004 bewegte sich praktisch nichts. Nun ist die europäische Energieversorgungslandschaft wieder in Bewegung geraten. In der Branche steigt das Akquisitionsfieber. Von der Iberischen Halbinsel bis in den hohen Norden folgte eine Übernahme der anderen. Das Transaktionsvolumen verdoppelte sich auf 33 Milliarden Dollar.

Die Übernahmewelle in der europäischen Gas- und Strombranche ist auch in diesem Jahr nicht abgeebbt. «Die Konsolidierung des Energiesektors war in den letzten drei Monaten das meistdiskutierte Thema», sagt Klaus-Dieter Maier, Energie-Spezialist bei der Beratungsfirma A.T. Kearney (ATK) und Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft im deutschen Aalen. Eine ganze Reihe von Deals sei erfolgt – etwa die feindliche Übernahme von Endesa durch Gas Natural in Spanien oder die Zukäufe der E.ON in England und Deutschland.

In der Schweiz geht es betulicher zu und her als im liberalisierten spanischen, englischen oder deutschen Markt. Der Stromsektor ist mehr oder minder zwischen den sechs grossen Überlandwerken aufgeteilt, die sich um die Ostschweizer Axpo, die Berner BKW FMB Energie und die Westschweizer Atel/EOS (Energie Ouest Suisse) gruppieren. Die Feinverteilung des Stroms dagegen ist fast ausschliesslich in den Händen der 900 Gemeindewerke. Einigen Wirbel gab es in jüngster Zeit nur um die Aare-Tessin AG (Atel), die Ende September von der Grossbank UBS an die Westgruppe rund um die EOS und die französische EDF abgetreten wurde. «Beim Atel-Deal», sagt Energiespezialist Maier, «hat sich ein neuer Trend zur Verstaatlichung privater Energiefirmen herauskristallisiert.»

Ist dies nur ein Marschhalt oder der Weg zurück zu Väterchen Staat? Letzteres wohl kaum. In Europa wird auf Geheiss der EU fleissig privatisiert. Von den fünf grössten Energiefirmen werden nur noch die Nummern drei und vier, die deutsche RWE und die italienische Enel, von der öffentlichen Hand dominiert. Die EDF, mit 48 Milliarden Euro Umsatz in Europa Nummer 1, soll bald privat werden. Die nächstplatzierte, die E.ON, ist längst nicht mehr Staatseigentum, auch nicht die spanischen Konzerne Endesa und Iberdrola.

Quer durch Europa verabschiedet sich der Staat aus der Energieversorgung. Und der Markt ist äusserst attraktiv. Der Heisshunger nach Energie beschert der Branche stetiges Umsatzwachstum. Bis 2030 soll sich der weltweite Stromkonsum verdoppeln. Die Ausdehnung des europäischen Energiemarkts nach Osten und auf den Balkan führt zu einem Anschwellen der Handelsströme und zu wachsenden Erträgen der Konzerne.

Der globale Investitionsbedarf beläuft sich derzeit auf rund 355 Milliarden Dollar – zu einem grossen Teil für den Ersatz veralteter Anlagen. Der mit der Stilllegung verbundene Rückgang der Produktion dürfte die Preise nach oben treiben. Energie wird in Europa längerfristig zu einem knappen Gut. Die Versorgungssicherheit ist darum die grösste Sorge der Branche. Der Stromhandel hat in den letzten Jahren markant zugenommen, ein Abflauen ist nicht zu erwarten. Aber auch Neuinvestitionen sind zwingend. Alternative Energien sollen längerfristig die Kohlezentralen und den Atomstrom ersetzen. Weltweit wird sich die Stromproduktion aus diesen Quellen – Biogas, Windenergie, Erdwärme – verdoppeln und rund 26 Prozent der Produktion ausmachen.

Die Schweizer Energiefirmen haben in diesem sich rasant verändernden Markt keine schlechten Karten. «Sofern sie sich weiter wandeln und sich den liberalisierten Märkten stellen», sagt Karl J. Deutsch, Vice President von A.T. Kearney. Die Schweizer Elektrizitätsfirmen seien nach der Ablehnung des Elektrizitätsmarktgesetzes auf halbem Weg stehen geblieben. Dazu kommt, dass sie im europäischen Vergleich bloss Zwerge sind, wie eine Untersuchung von ATK zeigt, die der BILANZ exklusiv vorliegt. Diese hat die wichtigsten europäischen Firmen des Energiesektors auf die Wachstums- und Gewinnentwicklung der letzten fünf Jahre hin untersucht (siehe unten, Grafik als PDF zum Dowload). Fazit: Nur zwei Firmen aus der Schweiz können ganz vorne bei den Gewinnern mit einem überdurchschnittlichen Wachstum mithalten.

Die neue Atel, die Nummer 15 in Europa, ist breit diversifiziert – von der Stromproduktion bis zum internationalen Handel. Sie betreibt Energiezentralen in Italien und Osteuropa, besitzt 40 Prozent des Schweizer Verteilnetzes und ist an allen Strombörsen präsent. «Die Atel», so Deutsch, «ist in ihrer Internationalisierungsstrategie weiter fortgeschritten als ihre hiesigen Konkurrenten.»

Die EG Laufenburg (EGL), die 3,2 Milliarden Franken umsetzt, ist zwar profitabler als die Atel. Sie ist aber Teil der Axpo-Gruppe, eines Staatskonzerns, der von den Ostschweizer Kantonen kontrolliert wird. Sie hat den Bau von Gas-Kombikraftwerken in Italien weit vorangetrieben, und der Einstieg ins Gasgeschäft ist mit dem Bau einer Pipeline durch das Mittelmeer beschlossene Sache. «Die europäisch ausgerichtete EGL», sagt Maier, «ist ein Fremdkörper in der Axpo-Gruppe.»

Die Bernischen Kraftwerke (BKW) und Rätia Energie sind als integrierte Energieproduzenten ebenfalls im internationalen Stromhandel tätig, planen den Bau von Stromzentralen in Italien und bauten mit der neuen Bernina-Linie ihre Übertragungskapazitäten nach Süden weiter aus. «Die BKW haben vom starken Wachstum im Energiehandel profitiert, haben es aber nicht geschafft, die Kosten herunterzufahren», sagt Karl J. Deutsch.

Die meisten Schweizer Energieversorger sind zu klein und noch zu stark im
Politfilz verhaftet, um im grossen europäischen Energiekonzert mitzutun. Die neue Atel ist zu 70 Prozent unter staatlichem Einfluss, Axpo zu 100 Prozent und die BKW sowie die Rätia Energie zu deutlich mehr als der Hälfte. Schnelligkeit und Beweglichkeit sind aber Schlüsselfaktoren für den Erfolg im sich wandelnden Markt. Die gesamte Branche wird sich den drei Haupttrends stellen müssen:

– Fokussierung aufs Kerngeschäft: Nach den grossen Diversifikationsübungen der neunziger Jahre besinnen sich die Strommanager wieder auf ihr Core-Business. Die italienische Edison etwa setzte 2001 noch 25 Prozent Energie um, mittlerweile ist sie wieder bei 87 Prozent.

– Vertikale Integration: Dieser Trend hat sich in den letzten drei Jahren akzentuiert. Die Energiefirmen wollen die Kontrolle über die ganze Wertschöpfungskette vom Kraftwerk bis zur Steckdose. Zugleich drängen sie ins internationale Gasgeschäft. «Die Stromkonzerne wollen sich die Gasversorgung sichern», sagt Energie-Analyst Sven Bucher von der ZKB. Das Gasgeschäft, so heisst es in der Branche, sei dem Strombusiness sehr ähnlich. Die deutsche E.ON ist derzeit auch daran, in ganz Europa regionale Gasfirmen einzukaufen.

– Europäisierung statt Globalisierung: Für die Energiekonzerne sind aussereuropäische Übernahmen und Fusionen kein Thema mehr. «Regionalisierung, nicht Globalisierung war die dominante Strategie der Energiekonzerne», schrieb PricewaterhouseCoopers in ihrem Report «Power Deals 2004». Die grossen europäischen Energiekonzerne wollen den europäischen Markt besetzen, nichts weiter. Erst später dürfte Asien wieder aufs Tapet kommen.

Die Schweiz ist für Ausländer deshalb in dreierlei Hinsicht interessant. Sie ist erstens Europas Stromdrehscheibe, das heisst, sie besitzt die grossen Höchstspannungsnetze von Nord nach Süd. Sie besetzt zweitens mit Atel und EGL im internationalen Stromhandel eine Spitzenposition und kontrolliert drittens einen Grossteil der knappen Speicherenergie, die künftig eine noch bedeutendere Rolle spielen wird.

Seit den neunziger Jahren leidet die Schweiz an einer chronischen Wachstumsschwäche, eine Besserung ist nicht in Sicht. Liegt es an den sich verschlechternden staatlichen Rahmenbedingungen, oder ist die Schweizer Wirtschaft im internationalen Vergleich zu wenig agil? In Zusammenarbeit mit der internationalen Beratungsfirma A.T. Kearney hat BILANZ eine Diagnose zu den Schweizer Schlüsselbranchen vorgenommen.

In den letzten Ausgaben:

Versicherungen (BILANZ 16/05)
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Chemische Industrie (BILANZ 20/05)

In der nächsten Ausgabe: Die Schweizer Nahrungsmittelindustrie behauptet sich in schwierigen Märkten.

Europäischer Energiemarkt: Zwei Schweizer mischen an der Spitze mit

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