Abo

Uni-Absolventiinnen auf Jobsuche: «Frauen müssen selbstbewusster auftreten und dreister verhandeln»

Nelly Riggenbach, Schweiz-Chefin von Universum Communications, über weibliche Prioritäten bei der Auswahl des Arbeitgebers.

Werbung

BILANZ: Wie kamen Sie zu Ihrem ersten Job?

Nelly Riggenbach: Mit einer Referenz. Eine Bekannte hat mich empfohlen, wie das bei drei Vierteln der Leute der Fall ist.

Was hat Sie von jenem Arbeitgeber überzeugt?

Weniger der Name als vielmehr der Stellenbeschrieb. Wie sieht mein Berufsalltag aus? Was kann ich bewegen, wie sichtbar ist das Ergebnis meiner Arbeit? Ich wollte Verantwortung übernehmen, nicht einfach ein kleines Rädchen in einer Firma sein.

Führen, Verantwortung tragen – das tönt eher nach männlichen Ansprüchen.

Das stimmt, diese Kriterien werden von Männern in der Regel höher gewichtet. Es gibt aber auch da Ausnahmen.

Hingegen hat die Work-Life-Balance bei Frauen eine höhere Relevanz, der Abstand zu den Männern beträgt zehn Prozentpunkte. Hat sich die Differenz über die Jahre verändert?

Nein. Aber die Work-Life-Balance ist für beide Geschlechter wichtiger geworden. Dies stellen wir nicht nur in der Schweiz fest, sondern auch in Deutschland, Österreich oder in Schweden, wo die Geschlechterfrage fortschrittlicher diskutiert wird als bei uns. Ich vermute, dass die Differenz eher genetischer und weniger kultureller Natur ist.

Müssen Firmen anders kommunizieren, um junge Frauen anzusprechen?

Partner-Inhalte

Ja. Unsere Umfragen zeigen, dass Frauen stärker auf Wirtschaftskrisen reagieren. Dann wird der Aspekt Sicherheit für sie wichtiger. Auf das Verhalten der Männer hat eine Krise weniger Einfluss. Wer also aktuell Frauen ansprechen will, muss auch über Jobsicherheit diskutieren. Und über Work-Life-Balance, das heisst über Modelle, die Karriere und Familie unter einen Hut bringen.

Machen das die Firmen?

Immer mehr. Es gibt heute kaum noch Grossfirmen, die nicht auf spezifische Bedürfnisse von Frauen eingehen. Das gilt vor allem, wenn man auf der Suche nach High Potentials ist. Spannend sind sicher die Deutsche Telekom und ihre Tochter T-Systems, die kürzlich eine Frauenquote eingeführt haben: Bis Ende 2015 sollen bei ihnen weltweit 30 Prozent Frauen Führungspositionen innehaben.

Ist Frauenförderung nicht auch ein publikumswirksames Trendthema?

Bei jenen Firmen, die mit uns zusammenarbeiten, sicher nicht. Ich entdecke immer wieder Unternehmen, die einen Fokus auf Frauenförderung legen. Gerade die Grossbanken arbeiten stark an ihrer Marke als Arbeitgeber, dies gilt aber auch für Industriefirmen.

Frauen rechnen beim ersten Job nach dem Studium mit 9000 Franken weniger Lohn als die Männer. Warum wohl?

Werbung

Es trifft zu: Frauen haben tiefere Lohnerwartungen als Männer. Das ist fatal, weil sie am Schluss dann auch weniger verdienen. Männer dagegen gehen mit höheren Erwartungen und Forderungen ins Lohngespräch und verhandeln entsprechend härter. Grundsätzlich glaube ich, dass Frauen einen Arbeitsplatz umfassender beurteilen als über Lohn oder Aufstiegsmöglichkeiten.

Männer treten selbstbewusster und fordernder auf?

Tendenziell trifft das tatsächlich zu. Bei Stellenanforderungen gibt es vielleicht fünf Kann- und fünf Muss-Kritierien. Wenn Männer je drei oder vier erfüllen, sind sie bereit, sich zu bewerben. Frauen wollen mehr Sicherheit und möchten am liebsten alle Kriterien erfüllen.

Was schliessen Sie daraus?

Frauen müssen sich mehr Selbstbewusstsein und mehr Dreistigkeit im Verhandeln zulegen.

Was auch auffällt: UBS und CS sind weiter sehr gefragte Arbeitgeber unter den Jungen. Die Reputation der Banken hat offenbar gar nicht gelitten.

Da muss man unterscheiden: hier die Reputation unter der Kundschaft, dort die Reputation als Arbeitgeber. Es trifft tatsächlich zu, dass die Banken unter Wirtschaftsstudenten weiterhin die attraktivste Branche sind. Das hängt wohl mit der Tradition des Finanzplatzes Schweiz zusammen. In Deutschland jedenfalls findet man kaum eine Bank unter den Top Ten.

Werbung

Weshalb gelten die Banken unter den Jungen denn nach wie vor als attraktiv?

Banken haben nie damit aufgehört, Direkteinsteiger einzustellen, und bieten tolle Graduate-Trainee-Programme an. Zudem haben sich die Konditionen trotz Krise nicht verschlechtert. Ein ähnliches Phänomen zeigt sich übrigens auch in der deutschen Autoindustrie: Obwohl Porsche viele negative Schlagzeilen hinnehmen musste, ist die Firma unter Studenten weiterhin sehr begehrt.

Werbung