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Uhren: Vornehmer gehts nicht

Der wahre Luxus ist nicht auf den ersten Blick erkennbar. Bestes Beispiel: eine Uhr mit Tourbillon von Patek Philippe, bei der man das Tourbillon nicht sieht. Das perfekte Understatement.

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Dem Tourbillon gebΓΌhrt der Ehrenplatz auf dem Zifferblatt einer edlen Uhr. Wenn schon ein Zeitmesser mit diesem teuren, mysteriΓΆsen Drehgestell ausgerΓΌstet wird, so soll es der UhrentrΓ€ger auch jederzeit durch einen verglasten Ausschnitt im Zifferblatt bewundern kΓΆnnen. Denn der Anblick der vibrierenden, gangbestimmenden Teile der Uhr, die in einem filigranen KΓ€fig innerhalb einer Minute um die eigene Achse rotieren, gehΓΆrt zweifellos zum Faszinierendsten, was ein kostbarer Zeitmesser zu bieten hat.

 
Unsichtbarer Luxus
Dreimal Understatement



Was wir sehen: Ein total funktional gestaltetes Zifferblatt. Schwarz. Drei Zeiger, Stunde, Minute, Sekunde. Markante, sachliche 5-Minuten-Indexe.


Folgerung: Zweifellos eine sportliche Uhr, und solche stecken in der Regel in einem StahlgehΓ€use.


Richtig ist: Das GehΓ€use der Uhr ist aus teurem Platin gefertigt.


Das Modell: Die Grosse Fliegeruhr von IWC. Der Preis der Platinuhr ist mit rund 50 000 Franken etwa dreimal hΓΆher als von jener in Stahl.



Was wir sehen: Keine Mondphase, kein Tourbillon, keine Gangreserve, keinen ewigen Kalender, nicht mal ein Datum. Bloss zwei Zeiger.


Folgerung: Wahrscheinlich Vaters Konfirmationsuhr aus den FΓΌnfzigerjahren.


Richtig ist: Im unscheinbaren GehΓ€use steckt eine uhrmacherische Kostbarkeit, die allein mehrere Zehntausend Franken kostet.


Das Modell: Die Minutenrepetition Patrimony von Vacheron Constantin. AusgelΓΆst durch den unscheinbaren DrΓΌcker am linken GehΓ€userand, schlagen zwei winzige HΓ€mmerchen an den Tonfedern die Minuten, Viertelstunden und Stunden in unterschiedlichen KlΓ€ngen an.



Was wir sehen: Ein konventionelles Zifferblatt, zwei klassische Zeiger, eine schlichte kleine Sekunde – und einen Markennamen, der in keiner Edelgazette auftaucht.


Folgerung: Eine unbedeutende Uhr von zweifelhafter Herkunft.


Richtig ist: Die Uhr ist ein EinzelstΓΌck oder wird in kleinster Serie von Hand hergestellt.


Das Modell: Die Simplicity von Philippe Dufour. Der Uhrenkreateur aus dem VallΓ©e de Joux, ein Meister der Komplikationen, hat sich mit dieser Uhr auf das Einfache zurΓΌckbesonnen. Seine EinzelstΓΌcke kosten die Interessenten neben Geld viel Geduld, wΓ€hrend sie langsam auf der Warteliste aufwΓ€rts rΓΌcken.

Erfunden wurde dieser Gangregler-Mechanismus vor ΓΌber zweihundert Jahren vom legendΓ€ren Uhrmacher Abraham-Louis Breguet, um den Einfluss der Schwerkraft auf die Ganggenauigkeit zu kompensieren. Seither gilt diese Bravourleistung der Uhrmacherei als KrΓΆnung aller Komplikationen, mit denen eine Uhr ausgestattet werden kann. Kurz, ein Tourbillon gehΓΆrt in der Horlogerie zum Feinsten, und der Besitzer ist entsprechend stolz darauf.

Es verwundert deshalb nicht, dass gegen Ende der Neunzigerjahre eine wahre Tourbillon-Euphorie ausgebrochen ist. Dank dem Einsatz neuer Techniken ist es mΓΆglich geworden, Tourbillons zu Preisen herzustellen und zu verkaufen, die deutlich unter denen der klassisch gefertigten liegen, sodass sich heute auch Uhrenhersteller mit diesem mechanischen Kleinod eindecken kΓΆnnen, die – wie bΓΆse Zungen genΓΌsslich verbreiten – zehn Jahre zuvor noch nicht einmal gewusst haben, wie man Tourbillon schreibt. Es droht also das Ungeheuerliche: eine Demokratisierung der Uhr mit dem DrehkΓ€fig und damit der Verlust ihrer Aura des AussergewΓΆhnlichen. Die etablierte Uhrenwelt ringt die HΓ€nde.

Ein Haus schert das allerdings wenig. Bei der Genfer Traditionsmarke Patek Philippe, wo man sowohl das Understatement wie auch den Bau von Uhren seit l65 Jahren meisterhaft beherrscht, hatten Tourbillons seit jeher nichts auf dem Zifferblatt einer Armbanduhr verloren und dienten nie als Lockvogel, um KΓ€ufer zu verfΓΌhren. Das hat einerseits mit dem sprichwΓΆrtlichen Hang des Hauses zu tun, in jeder Lage so dezent wie nur irgendwie mΓΆglich aufzutreten. Andererseits argumentiert der noble Uhrenhersteller einleuchtend, dass es sich beim Tourbillon nicht um eine Anzeige handelt und es deshalb – will man nicht einen klassischen Stilbruch begehen – nichts auf einem Zifferblatt zu suchen hat. Ausserdem wird ein technischer Grund angefΓΌhrt. Das zur Schmierung des Tourbillons verwendete Γ–l reagiert empfindlich auf Ultraviolettstrahlen. Wenn es stΓ€ndig dem Tageslicht ausgesetzt wird, kΓΆnne es schon nach wenigen Monaten an Wirksamkeit einbΓΌssen. Dadurch nehmen die Reibungs- und AbnΓΌtzungserscheinungen zu, was sich wiederum negativ auf die Ganggenauigkeit auswirkt. Und dies ist natΓΌrlich absurd bei einem Mechanismus, der ja gerade zum Ziel hat, die PrΓ€zision der Uhr zu erhΓΆhen. Keine Frage also fΓΌr Patek Philippe – der Kunde muss auf den Genuss versprechenden Anblick des Tourbillons verzichten.

Die jΓΌngste Tourbillon-Uhr von Patek Philippe macht deutlich, wie konsequent der Purist unter den Edelmanufakturen seine Prinzipien vertritt. Denn wer vermutet schon hinter dem unscheinbaren Zifferblatt der Referenz 5101P ein Meisterwerk? Da, wo eigentlich das vibrierende HerzstΓΌck prangen mΓΌsste, steht im Rund der kleinen Sekunde mit schnΓΆrkellosen Lettern bloss das Wort Β«TOURBILLONΒ». Und hΓΆchstens ein aufmerksamer Kenner identifiziert die Ziffern der Uhrzeit als Breguet-Zahlen und kommt auf die Idee, darin einen zarten Hinweis auf den Erfinder und seinen versteckten komplexen Mechanismus zu erkennen. Das schlichte Β«10 DAYSΒ» bei der ZwΓΆlf verrΓ€t ausserdem diskret, dass wir es hier mit dem weltweit einzigartigen Zehn-Tage-Werk zu tun haben, das heisst, diese Uhr braucht nur alle 240 Stunden aufgezogen zu werden. Immerhin ringt sich der edle Hersteller dann doch noch dazu durch, wenigstens auf dem Boden der Uhr durch ein Saphirglas einen Blick auf das dekorierte Handaufzugswerk und das Tourbillon zu gestatten.

Angesichts von so viel vornehmer ZurΓΌckhaltung tut es gut, eine kleine SchwΓ€che von Patek Philippe zu kennen: Man weiss in diesem Haus durchaus zwischen nobel und ganz nobel zu unterscheiden. Die Platin-Herrenuhren sind nΓ€mlich mit einem winzigen Diamanten am GehΓ€userand zwischen den BandanstΓΆssen gekennzeichnet und heben sich so, wenigstens fΓΌr die Eingeweihten, von den Stahl- und Weissgoldversionen ab.

Einen fast schon snobistisch anmutenden Umgang mit dem Tourbillon pflegt Patek Philippe bei der Sky Moon, Referenz 5002, der kompliziertesten Armbanduhr, welche die Manufaktur je serienmΓ€ssig gebaut hat. Hier bleibt die besagte uhrmacherische Kostbarkeit total verborgen. Dass man uns den Anblick des DrehkΓ€figs vorenthΓ€lt, kΓΆnnte der Hersteller, hΓ€tte er nicht seine eigene bekannte Philosophie, damit begrΓΌnden, dass bei dieser Uhr der Superlative schlichtweg nirgends mehr Platz war. Auf dem vorderen Zifferblatt lassen sich neben den Stunden und Minuten nach mittlerer Sonnenzeit sechs von den insgesamt zwΓΆlf Komplikationen ablesen: der ewige Kalender, das Datum mit retrograder Anzeige, der Wochentag, der Schaltjahrzyklus, der Monat sowie das Mondalter. Auch auf der RΓΌckseite dieser ultrakomplizierten Uhr gΓ€be es – so man wollte – nirgends eine MΓΆglichkeit, den Blick auf den Wirbelwind zu gestatten. Dort wird der Platz benΓΆtigt, um den (auf unserem Bild nΓΆrdlichen) Nachthimmel abzubilden und neben den Stunden und Minuten nach Sternzeit die Zeiten des Meridiandurchgangs des Sirius und des Mondes sowie die Winkelbewegung des Mondes und die Mondphasen anzuzeigen.

Das Vorhandensein einer Minutenrepetition erkennt man am diskreten Schieber am GehÀuserand links auf der Hâhe der Acht, mit dem der wohlklingende Stunden-, Viertelstunden- und Minutenschlag auf zwei Kathedralen-Tonfedern ausgelâst wird. Über das geheimnisvolle, verborgene Tourbillon sickert durch, dass es aus 69 Bauteilen besteht und lediglich 0,3 Gramm wiegt, und es wird verraten, dass die Contrôle Officiel Suisse des Chronomètres (COSC) die exakte Ganggenauigkeit der Uhr mit dem offiziellen Chronometer-Zertifikat attestiert, wie dies übrigens bei ausnahmslos allen Patek-Philippe-Armbanduhren mit Tourbillon üblich ist.

Tourbillon-Kunden von Patek Philippe mΓΌssen den schmerzhaften Verzicht auf den Anblick des schΓΆnsten Mechanismus, den eine Uhr zu bieten hat, nicht nur gelassen erdulden, er kostet sie auch noch viel Geld. Verpackt in die Platinversion der 10 Days, betrΓ€gt der Preis fΓΌr das Tourbillon rund 300 000 Franken, als zwΓΆlfte Komplikation der Sky Moon sogar bis gegen eine Million Franken. Bleibt den Besitzern immerhin die Genugtuung, zu den wenigen zu gehΓΆren, die wirklich wissen, was wahres Understatement ist.

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