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Präsidentenwahl 
Showdown im Turm: Wer wird Migros-Präsidentin?

Jeannine Pilloud und Ursula Nold
Kontrahentinnen: Jeannine Pilloud (l.) und Ursula Nold.Quelle: Bilanz

Die Migros erhält erstmals eine Präsidentin. Die interne Kandidatin passt vielen im Konzern nicht. Die Wahl wird aber woanders entschieden.

Philipp Albrecht
Von Philipp Albrecht
09.03.2019

Eine Frau solls sein, da sind sich alle einig. Die führungserfahrene Digitalexpertin von der Staatsbahn oder die gut vernetzte Dozentin und Migros-Expertin: Jeannine Pilloud oder Ursula Nold. Eine der beiden wird am 23. März neue Präsidentin des Migros-Genossenschafts-Bundes (MGB). Es wird ein Showdown. Das Rennen ist völlig offen.
Die Ausgangslage ist schwieriger als bei früheren Wahlen. Die Migros steht unter Druck. Die grosse Frage: Wie reagiert der 28-Milliarden-Konzern auf die Herausforderungen des digitalen Zeitalters? Seit vier Jahren schrumpft der Profit. Die Konkurrenz zieht langsam vorbei.

Und es geht um Macht. Drei Parteien sind involviert. Oben die Holding: der MGB mit Sitz in Zürich. Er besteht aus der siebenköpfigen Generaldirektion und dem Verwaltungsrat mit 23 Mitgliedern, Verwaltung genannt. Unten das 111-köpfige Migros-Parlament: die Delegiertenversammlung (DV). Sie vertritt die 2,2 Millionen Genossenschafter. In der Mitte die regionalen Genossenschaften, die sich die Schweiz in zehn Gebiete aufteilen. Jede hat wiederum eine eigene Geschäftsführung, einen Verwaltungsrat und einen Genossenschaftsrat. Der MGB gehört den zehn Gesellschaften. Er liefert Marketingleistungen und führt die Produktionsbetriebe.
Fünf Jahre etwa brauche man, um die Migros-Struktur zu verstehen, soll Ex-CEO Herbert Bolliger einmal gesagt haben.

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Unterschiedliche Kandidatinnen

Die zwei Kandidatinnen, die dieses Haus jetzt präsidieren wollen, könnten kaum unterschiedlicher sein. Ursula Nold (49) führt seit zehn Jahren die Delegiertenversammlung und zögert mit öffentlichen Statements. Für sie ist das Wahlverfahren eine interne Sache, die ohne mediale Berichterstattung verlaufen soll. Jeannine Pilloud (54), die sieben Jahre lang die Nummer zwei bei den SBB war und im vergangenen Jahr eine Verwaltungsratskarriere lancierte, spricht offen und ausführlich. Gegenüber den Medien zeigte sie sich bereits siegessicher: «Ich bin ein Migros-Kind und freue mich sehr auf die Aufgabe», sagte sie kürzlich der «NZZ am Sonntag».

Das mag auf den ersten Blick einleuchten, schliesslich empfehlen gleich drei Migros-Gremien ihre Wahl: die Verwaltung, das Büro der Delegiertenversammlung sowie ein paritätisches Evaluationsgremium, bestehend aus je drei Vertretern der ersten beiden Gremien. Über einen möglichen Ausgang der historischen Wahl am Hauptsitz des MGB in Zürich sagt das noch wenig aus. Denn am Ende wählt das Migros-Parlament.

Migros Organisation

Doch im Vorfeld der Wahl sind die Regeln moderner Corporate Governance im MGB etwas eigensinnig interpretiert worden. Die Rede ist von einem «Systemversagen» in der Migros-Spitze.

Als die Verwaltung am 31. Januar tagte, musste am Nachmittag unter anderem entschieden werden, wen man der DV als Nachfolge von Präsident Andrea Broggini vorschlägt. Doch erst zwei Stunden vor der Wahl sollen die Mitglieder erfahren haben, dass Headhunter im Vorfeld eine externe Kandidatin gesucht hatten und dass es sich dabei um Jeannine Pilloud handelt. Diese präsentierte sich dann, zusammen mit den anderen Kandidatinnen Nold und Vizepräsidentin Doris Aebi, in einem Kurzvortrag. Danach wurde abgestimmt. Ein ausführliches Bild über die Personen konnte oder wollte man sich nach stundenlangen Sitzungen nicht mehr machen. Einige Mitglieder hätten sich überrumpelt gefühlt, heisst es. Man sprach im Nachhinein von einem «Überraschungscoup».

Es war das Kalkül des Evaluationsgremiums unter der Leitung von Roger Baillod, einem externen Mitglied, das seit zehn Jahren in der Migros-Verwaltung sitzt. Das Ziel des Gremiums: Ursula Nold verhindern. Gegenüber den Verwaltungsmitgliedern habe man die Geheimhaltung mit früheren Leaks gerechtfertigt. Man wollte verhindern, dass die Migros-Angestellten – wie zuvor bei intern beschlossenen Sparmassnahmen – aus den Medien von der Neuigkeit erfahren.

Tiefer Graben

Der Plan des Gremiums ging nur teilweise auf. Zwar stimmte eine Mehrheit von zehn Leuten für Pilloud, allerdings erhielt Nold mit sechs Stimmen noch doppelt so viele wie Aebi. Letztere galt zuvor unter Beobachtern als Favoritin, zog ihre Kandidatur nach der Wahl aber zurück. «Ich hätte das Präsidium nur mit einer klaren Rückendeckung für meine Vorstellungen, wohin sich die Migros entwickeln muss, übernommen», sagt Aebi auf Anfrage.

Die Hoffnung des Evaluationsgremiums war, dass sich Nold zurückziehen würde. Doch sie machte von Anfang an klar, dass sie es bis zum Schluss durchziehen werde. Und fühlte sich durch die sechs Stimmen wohl noch bestärkt, gegen Jeannine Pilloud gewinnen zu können. Gerüchteweise sei Ursula Nold auch noch direkt gebeten worden, ihre Kandidatur zurückzuziehen. Sie selber sagt dazu nur: «No comment.»

Die Migros verzichtet darauf, «anonyme Aussagen oder Diskussionen innerhalb der Gremien zu kommentieren», wie ein Sprecher schreibt. Die Gremien hätten sich intensiv mit den Kandidaturen befasst. Das Verfahren inklusive Wahl durch die DV «entspricht nicht nur einer Good Governance, sondern ist auch demokratisch».

Der Fall zeigt, wie tief der Graben zwischen Migros-Führung und -Delegierten ist. Man will ganz oben keine Dozentin ohne operative Erfahrung. Darum gab das Evaluationsgremium den Headhuntern von Boyden auch ein Anforderungsprofil mit auf den Weg, in dem «Führungserfahrung in einem Grossunternehmen» verlangt wurde. Etwas, das man noch vom Vorgänger nicht erwartet hatte. Klar war auch, dass es eine Frau sein muss. Die Zeit für eine Präsidentin ist bei der Migros überreif.

«Stellen Sie sich vor, Sie würden einen Uni-Abgänger zum VR-Präsidenten ernennen. Es käme etwa aufs Gleiche hinaus.»

früherer Migros-Manager

Aber es stand auch etwas von «Migros-Identität» im Profil. Das Spezialgebiet von Nold, die ihre Migros-Laufbahn 1996 im Aare-Genossenschafts-Rat begann. Die Mutter von vier Kindern war früher Lehrerin und doziert seit bald 15 Jahren an der Pädagogischen Hochschule Bern. Sie sitzt in mehreren Stiftungs- und Verwaltungsräten von Bildungs- und Kultureinrichtungen. Seit letztem Jahr präsidiert sie die Be-advanced AG, die Berner Startups und Kleinbetriebe zu Innovationen inspiriert.

Vor sechs Jahren holte sie an der Universität St. Gallen das Management-Diplom nach. Ihre Fallstudie über die Führungsstruktur des MGB wurde von der «NZZ» als beste HSG-Projektarbeit des Jahres ausgezeichnet. Die Vorstellung, dass dies für den Präsidentenposten reiche, sei «bizarr», meint ein früherer Migros-Manager: «Stellen Sie sich vor, Sie würden einen Uni-Abgänger zum VR-Präsidenten ernennen. Es käme etwa aufs Gleiche hinaus.»

ZUERICH 25MAR17- Migros Genossenschaftsbund 182. Delegiertenversammlung. Zuerich, Samstag 25. Maerz 2017.© SEVERIN NOWACKI Fotograf BR Postfach CH-3001 Bern Switzerland +41 79 761 33 46 PC 30-455681-8 info@nowacki.ch www.nowacki.ch
Das Migros-Parlament: Eigentlich kann die Delegiertenversammlung mit ihrer Präsidentin Ursula Nold wenig ausrichten. Spannend wirds aber, wenn die Wahl des MGB-Präsidiums ansteht. So wie am 23. März.
Quelle: Severin Nowacki PoBox CH-3001 Bern info@nowacki.ch

Nold stehe für einen bewahrenden Kurs, hiess es zuletzt in der Presse. Sie widerspricht: «Ich stehe für die Einzigartigkeit der Migros.» Die grosse Herausforderung sei, «effizienter und agiler» zu werden. Dafür müssten alle Interessengruppen in der Migros eingebunden werden. Das ist exakt die Linie von CEO Fabrice Zumbrunnen, den sie seit vielen Jahren kennt und der angeblich auch zu ihren Unterstützern zählt.

Nold wird im MGB als «ultraehrgeizig», aber auch als «herzlich», «kontaktfreudig» und «souverän» beschrieben. In der DV mache sie einen grossartigen Job. Dort wünschen sich nicht wenige, dass nun eine von ihnen in der Verwaltung Platz nimmt. Doch das Migros-Parlament ist eine Blackbox. Seine Mitglieder werden angehalten, nicht mit Journalisten zu sprechen.

Digitalturbo Pilloud

Derweil räumen frühere Delegierte ihrer Präsidentin grosse Chancen ein. «Frau Nold hat einen sehr starken Rückhalt in der DV», sagt einer, der anonym bleiben will. Ihre Wahlchancen seien «absolut intakt». Dass allerdings das Büro der Delegiertenversammlung Pilloud zur Wahl empfiehlt, spricht ganz und gar nicht für sie. «Als würde eine Bundesratskandidatin von der eigenen Fraktion abgelehnt», hält Nicolas Bürgisser fest, der bis 2016 mit Nold im DV-Büro sass.

Pilloud wiederum brächte nationale Ausstrahlung und Führungserfahrung mit. 14 000 Leute hatte sie bei den SBB unter sich. Die relativ reibungslose Einführung des SwissPass und der Aufbau der digitalen ÖV-Plattform Nova lagen in ihrer Verantwortung. Zuvor war die Mutter von zwei Kindern sechs Jahre bei IBM und fünf bei T-Systems tätig, einer ICT-Tochter der Deutschen Telekom. Pilloud wird hohe Sozialkompetenz zugesprochen. Selber fühlt sich die Zürcherin vor allem im Thema Digitalisierung zu Hause. «Es geht heute im Detailhandel nicht mehr nur um Produkte, sondern um Dienstleistungen», sagt sie. Als sie sich Ende 2017 aus der SBB-Konzernleitung verabschiedete, sahen sie einige Beobachter als Verliererin im Machtkampf gegen Langzeit-CEO Andreas Meyer. Doch das bestreiten beide. Pilloud bekräftigt, nie den Chefposten bei der Bundesbahn angestrebt zu haben.

Das 50-Prozent-Amt bringt wenig Macht mit sich, ist aber mit 420 000 Franken sehr gut bezahlt.

Dass sich überhaupt Externe für das Amt interessieren, ist neu. Besonders prestigeträchtig war es nie. Früher erhielten ausgediente Migros-CEOs das Mandat. Heute wirkt wohl das makellose Image des Unternehmens anziehend. Oder die üppige Vergütung: Für das 50-Prozent-Amt bezog Andrea Broggini zuletzt 420 000 Franken.

Der Einflussbereich hält sich dabei in Grenzen. Der Präsident agiert bestenfalls als Sparringspartner des CEO. Seine Verwaltung setzt sich aus ihm, zehn Gesandten der Genossenschaften, neun Externen, zwei Mitarbeitervertretern und dem Migros-Chef zusammen. Die Genossenschaftsleute kämen oft mit einer zuvor abgesprochenen Haltung in die jährlich sechs bis acht Sitzungen, heisst es. Nicht selten würden sie die Treffen nutzen, um den MGB zu kritisieren. Beteiligte sprechen von einem Kulturkampf.

Frauen in der Überzahl

Die Generaldirektion hat unterdessen freie Hand im Tagesgeschäft. Obwohl sämtliche Investitionen über 20 Millionen Franken der Verwaltung vorgelegt werden müssen, hat der Migros-CEO kaum Gegenwehr zu befürchten. In den letzten zwei Jahrzehnten soll es kein einziges Veto aus der Verwaltung gegeben haben. «Schönwetterkonstrukt», nennt es ein Migros-Kadermann.

Die DV ist offiziell das «oberste Organ» des MGB. Faktisch hat das Migros-Parlament aber wenig zu melden. Es darf den Migros-Chef als Mitglied der Verwaltung bestätigen sowie die Arbeitnehmervertreter und die externen Mitglieder wählen. An ihren zwei Sitzungen pro Jahr winken die Delegierten Jahresberichte, Organisationsreglement und Statuten durch oder bestätigen, wie zuletzt vor 20 Jahren, die Fusion von Genossenschaften. Ernannt werden sie von den regionalen Genossenschaftsräten.

«Die Aare-Leute lassen die anderen spüren, dass sie gross und einflussreich sind.»

früherer Migros-Delegierter

Es sind je nach Region zwischen 7 (Wallis und Tessin) und 17 (Aare) Mitglieder. Zu den fixen 101 Delegierten kommen 10 variierende Vertreter aus den Verwaltungen der regionalen Genossenschaften dazu. Bei den fixen Delegierten dominieren die Frauen knapp mit derzeit 56 Vertreterinnen. Die Genossenschaften würden ihre Delegierten oft «orchestrieren», sagt ein früherer Kadermann. Deren Stimmverhalten sei meist mit den Regionalfürsten abgestimmt. Der Vorschlag, Vorstösse wie in politischen Parlamenten einzuführen, schaffte es gar nicht erst zur Abstimmung, angeblich weil sich mehrere Genossenschaften sperrten.

Doch das Migros-Parlament ist alles andere als homogen. Während die einen ihre Existenzberechtigung darin sehen, den MGB in Zürich in die Schranken zu weisen, eint der Hass auf die riesige Migros Aare die Vertreter der kleineren Genossenschaften. «Die Aare-Leute lassen die anderen spüren, dass sie gross und einflussreich sind», erzählt ein früherer Delegierter. 2012 hätten sie um ein Haar CEO Herbert Bolliger aus der Verwaltung abgewählt. Der frühere Migros-Aare-Chef erhielt nur knapp das nötige Mehr, weil er Delegierte zurechtgewiesen und deren Dossierkenntnisse in Frage gestellt hatte. «Die Migros ist immer für Überraschungen gut», sagt Ex-Delegierter Bürgisser.

Dieser Text erschien in der März-Ausgabe 03/2019 der BILANZ.