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Public Affairs: Mehr als Lobbying

Georg Hess, Ex-Finanzchef des Kantons Schwyz

Durch die Krise suchen immer mehr Firmen den direkten Draht zur Politik. Die Branche der Einflüsterer boomt.

Veröffentlicht 03.03.2010

«Als Public und Government Affairs-Verantwortliche(r) gehören die Führung der Beziehungen zu den Bundesbehörden, zum nationalen Parlament, zu politischen Parteien und die Interessenvertretung der SBB gegenüber diesen zu Ihren Kernaufgaben.» Mit dieser Stellenbeschreibung suchen die SBB einen Chef für den frisch geschaffenen Bereich Public Affairs.

Die Bundesbahnen haben mit dieser neuen Stelle einen altbekannten Job professionalisiert – den des Lobbyisten. Denn klassisches Lobbying wird zunehmend verdrängt durch Spezialisten, die nicht im Halbdunkel durch Bundeshausgänge streichen, sondern als hochoffizielle Vertreter ihrer Organisation amten, und die nicht nur über ein exzellentes Beziehungsnetz, sondern auch über fundierte Dossierkenntnisse verfügen.

So hat jüngst die Bank Julius Bär einen Experten mit politischem Background an Bord geholt: Georg Hess amtet nun als Head Public Affairs. Hess hat sich im Kanton Schwyz als Leiter des Finanzdepartements intime Kenntnisse der Schnittstellen von Politik und Wirtschaft erworben.

Die Branche boomt. Schon 190 Mitglieder zählt die Schweizerische Public Affairs Gesellschaft. «Immer mehr Institutionen und Unternehmen realisieren, wie sich durch eine gute Interessenvertretung Mehrwert schaffen lässt», begründet Fredy Müller, Präsident des Verbandes, die Dynamik.

«Gerade während der Finanz- und Wirtschaftskrise hat sich gezeigt, wie stark politische Entscheide die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen prägen können und wie wichtig ein konstruktiver Dialog zwischen Wirtschaft und Politik ist», begründet René Buholzer, Leiter Public Policy Credit ­Suisse, die gestiegene Bedeutung von Public Affairs. Dienste dieser neuen Generation von Lobbyisten sind auch innerhalb der Firmen gesucht: Buholzer hat im Herbst 2009 unter dem Titel «Finanzplatz Schweiz: Auch in Zukunft wettbewerbsfähig?» eine Schrift verfasst, die bankintern als Gebetbuch für den Umgang in der Regulierungsdebatte gilt.

Allein die Credit Suisse beschäftigt gruppenweit zwölf Experten für «Public Policy». Vier davon bearbeiten ausschliesslich die politischen und regulatorischen Zirkel in Washington. Bei der UBS wird die gleiche Tätigkeit mit Governmental Affairs umschrieben, Steve Hottiger verantwortet diesen Bereich. Er hat sich in jenen Wirtschaftszweigen etabliert, die starker Regulierung durch die Politik ausgesetzt sind: Gesundheit, Pharma, Umwelt, Infrastruktur. Die Flughafen Zürich AG hat dafür Joana Filippi geholt, frühere Wirtschaftsförderbeauftragte des Kantons Schwyz.

Die Grossbanken sind in der Schweiz Vorreiter. Sie lernten diese neue Art von Lobbying kennen, als sie in den USA Akquisitionen tätigten. Dort ist Public Affairs längst etabliert. Versicherer haben nachgezogen: Sandra Hedinger weibelt für die Swiss Life, Regula Schenkel bei der Axa Winterthur. Die Mobiliar lässt sich vom Berner Ständerat Werner Luginbühl helfen.

«Bei den Public Affairs hat es über die letzten fünfzehn Jahre eine gewaltige qualitative und quantitative Entwicklung gegeben», sagt Franz Egle, Senior Partner Dynamics Group und einer der bekanntesten Public-Affairs-Spezialisten der Schweiz – einer der etablierten Freien am Markt. Zu ihnen gehören grössere Anbieter wie Burson-Marsteller, Hirzel.Neef.Schmid.Konsulenten oder Farner, dazu Dutzende von kleineren Firmen, die den KMU ihre Dienste für Public Affairs andienen.

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