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Wachstums-Serie: Fazit: Das Grounding eines Mythos

Viele Experten orakeln seit Jahren den Niedergang unserer Wirtschaft herbei. Eine Untersuchung zeigt aber: Schweizer Firmen haben eine exzellente Ausgangslage – nur gilt es, diese auch zu nutzen.

Harald Fritschi

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Die Schweizer Wirtschaft ist allen Unkenrufen zum Trotz international super positioniertΒ», sagt Karl J. Deutsch, Vice President der internationalen Beratungsfirma A.T. Kearney. Rund um den Globus seien die Schweizer Firmen in den MΓ€rkten topprΓ€sent. Ein dickes Lob fΓΌr eine Wirtschaft, der von allen Seiten nur WachstumsschwΓ€che, ProduktivitΓ€ts- und Innovationsdefizite nachgesagt werden. Β«Verglichen mit Konkurrenten wie Belgien, Holland, Γ–sterreich oder SchwedenΒ», legt Deutsch noch eins drauf, Β«ist die Schweizer Firmenlandschaft stabil und solid.Β»
Die GlΓΌckwΓΌnsche des Unternehmensberaters kommen nicht von ungefΓ€hr. A.T. Kearney hat in den letzten Monaten die Schweizer Unternehmenslandschaft durchleuchtet. Die zehn wichtigsten Branchen wurden dabei auf ihre LeistungsfΓ€higkeit hin untersucht. Resultat der EnquΓͺte: Die Schweizer Wirtschaft verfΓΌgt nicht nur ΓΌber eine Reihe von leistungsstarken Firmen, die derzeit im Weltkonzert der Multinationalen mitspielen, sondern sie werden dies auch kΓΌnftig tun.
Von den 50 untersuchten Firmen gehΓΆren 17 zu den erfolgreichen Value Growers. Was bedeutet, dass sie, verglichen mit ihrer internationalen Peer Group, sowohl beim Umsatz- wie auch beim Gewinnwachstum (auf Ebit-Basis) ΓΌberdurchschnittlich abgeschnitten haben. Die Schweizer Unternehmenslandschaft ist akkurat dreigeteilt. Neben den 17 Siegern finden sich 17 Verlierer, die gegenΓΌber dem internationalen Branchendurchschnitt zum Teil deutlich schlechter abschnitten, darunter die beiden Grossbanken UBS und Credit Suisse. Dabei ist anzumerken: Offenbar schΓ€tzt die BΓΆrse zwei Verliererfirmen positiv ein. So schlossen der Maschinenbauer Schindler und die UBS im untersuchten Zeitraum mit Kursgewinnen ab. Das mittlere Drittel, 16 bΓΆrsenkotierte Firmen, ist entweder den Umsatzstrebern, die Volumenwachstum vor Gewinn favorisierten – darunter der Versicherungsriese Zurich Financial Services –, oder umgekehrt den Gewinnstrebern, unter denen Schweizer Edelfirmen wie NestlΓ© und Roche figurieren, zuzuordnen. Die Korrelation zwischen Erfolg und Misserfolg lΓ€sst sich auch an den BΓΆrsenkursen ablesen. Firmen, die zwischen 1999 und 2004 satte UmsΓ€tze und Gewinne einfuhren, konnten auch an der BΓΆrse reiche Ernte einfahren (siehe Β«Die Sieger: von Anlegern bevorzugtΒ»).

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Β«Die Value Growers haben nicht nur eine ΓΌberzeugende StrategieΒ», so Karl J. Deutsch, Β«sie haben diese auch konsequent durchgesetzt.Β» Deutsch hat sΓ€mtliche Firmen nach sechs Kriterien untersucht (siehe Β«Umsetzung der globalen ErfolgsstrategieΒ»). Er verweist gerne auf KΓΌhne + Nagel, die alles richtig gemacht habe. Der Schwyzer Logistikkonzern hat sich rechtzeitig international ausgerichtet, Akquisitionen zur ErgΓ€nzung seiner GeschΓ€ftsfelder getΓ€tigt, schnell auf geΓ€nderte Marktsituationen reagiert und neue wachsende MΓ€rkte besetzt. Die Performance ist denn auch eindrΓΌcklich. Umsatz- und Gewinnwachstum von KΓΌhne + Nagel liegen deutlich ΓΌber dem Branchendurchschnitt, in allen Segmenten mischt die Firma vorne mit, und ihre Finanzkraft ist einmalig.
In fast sΓ€mtlichen Bewertungen erhΓ€lt KΓΌhne + Nagel die besten Noten, so bei der Globalisierung, in der Innovation, als Big Player und bei der Schnelligkeit. Nur bei der Durchdringung in den Emerging Markets ist KΓΌhne + Nagel nicht zuoberst platziert. Bei sechs Bewertungen mit einer Skala von je 1 bis 5 kommt der Logistiker auf 29 Punkte. Fast so hoch hinaus schaffen es nur die vier Schweizer Medtechunternehmen, die auf je 27 Punkte kommen. Β«Die Medtechfirmen wachsen so schnellΒ», sagt Deutsch, Β«dass sie ihren Umsatz in drei Jahren verdoppeln.Β»

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FΓΌr KΓΌhne + Nagel zahlte sich die kohΓ€rente Firmenstrategie aus. In den Jahren 1999 bis 2004 stieg ihr Aktienkurs um 32 Prozent. Erstplatzierte bei den Value Growers ist sie indessen nicht. An der Spitze stehen die Medtechfirmen Ypsomed und Straumann vor der ElektrizitΓ€tsgesellschaft Laufenburg (EGL). Dann folgen KΓΌhne + Nagel sowie Schokoladehersteller Lindt & SprΓΌngli. Insgesamt bringen es die 17 Sieger im betrachteten Zeitraum auf eine Aktienperformance von 17,6 Prozent. Sie schlagen damit ihre internationale Peer Group, die nur auf total 15,1 Prozent Kurswachstum kommt. Der Vergleich mit dem Swiss Market Index fΓ€llt noch deutlicher zu Gunsten der Value Growers aus. Zwischen 1999 und 2004 hat der SMI 6,9 Prozent verloren – eine Differenz von 24,5 Prozentpunkten.
Sind die Schweizer Unternehmen also auf der Siegerstrasse? In der eigenen Wahrnehmung zumindest sieht es danach aus. GemΓ€ss dem neusten UBS-Branchenspiegel schΓ€tzt die Mehrheit der Schweizer Firmen ihre Zukunft positiv ein – zumindest was die kurze Frist angeht. Die UBS hat mehr als 4700 Unternehmen nach der EinschΓ€tzung ihrer Zukunft befragt. Dabei gehen fΓΌr das laufende Jahr alle Β«von einem ungebremsten WachstumstrendΒ» aus, wobei die Banken-, die Pharma-, die Uhren- und die Elektroindustrie am meisten Optimismus zeigten. Laut den Auguren schaltet die Konjunktur gegenΓΌber den glΓ€nzenden Jahren 2004/05 einen Gang zurΓΌck, doch nur wenige Unternehmen rechnen mit einem schwΓ€cheren Volumen- und Gewinnwachstum. Das Umfeld fΓΌr die in hohem Mass exportorientierte Schweizer Wirtschaft ist in der Tat vorzΓΌglich. Der Welthandel wΓ€chst mit vier bis fΓΌnf Prozent, die amerikanische Wirtschaft lΓ€uft weiterhin rund, und die Lokomotiven der Weltkonjunktur, China und Indien, legen zwischen sechs und zehn Prozent zu. Japan erholt sich zusehends im Schlepptau der boomenden SchwellenlΓ€nder, und in Europa dΓΌrfte der exportgetriebene Aufschwung durch ein breites Binnen- und Konsumwachstum abgelΓΆst werden.

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Zieht Helvetiens Konjunktur fΓΌr einmal mit, oder bleibt die Schweiz wie in den letzten Jahren das Schlusslicht in Europa? Die Auguren der UBS sind durchwegs optimistisch. FΓΌr dieses und das kommende Jahr wird das Schweizer Inlandprodukt gemΓ€ss ihren Prognosen um rund zwei Prozent wachsen – einen halben Prozentpunkt ΓΌber Potenzial. Die Exporte dΓΌrften um 5 bis 6 Prozent zulegen und der Konsum um 1,5 bis 2 Prozent. Die Konsumentenstimmung hellt sich zusehends auf, insbesondere weil die Arbeitslosigkeit leicht zurΓΌckgeht, die Inflation und Zinsen moderat bleiben und der Franken nur leicht hΓΆher tendiert.
Rosige Aussichten fΓΌr die Unternehmen, die in den letzten beiden Jahren fette Gewinne einfuhren. Doch der nΓ€chste Abschwung kommt bestimmt. Was im Jahr 2007 und danach sein wird, ist derzeit hΓΆchst ungewiss. Nicht von der Hand zu weisen ist auch dies: Die Schweizer Firmen haben ausgeprΓ€gte SchwΓ€chen, die in der BILANZ-Serie ausfΓΌhrlich zur Sprache gekommen sind. Die Wachstumsdefizite der Schweizer Firmen lassen sich auf drei Typen reduzieren:
– Erstens stehen sie bei den Akquisitionen oft hintan. Die Analyse von A.T. Kearney hat gezeigt, dass Helvetiens Multinationale bei den internationalen Grossakquisitionen keine glΓΌckliche Hand haben. Entweder geht die Strategie nicht auf wie bei der missratenen Übernahme der Pharmafirma Aventis durch Novartis. Oder die Firmenchefs erklΓ€ren von vornherein, dass grosse Übernahmen derzeit kein strategisches Ziel seien, wie dies Credit Suisse, Roche oder auch Panalpina explizit tun. Die Strategieanalyse von A.T. Kearney erhellt aber auch, dass die Schweizer Unternehmen generell eine AkquisitionsschwΓ€che haben. Von allen bewerteten Strategiekriterien – Globalisierung, Innovation, PrΓ€senz in Emerging Markets, Big Player und Schnelligkeit – schneiden die untersuchten Firmen bei den Akquisitionen am schlechtesten ab. Β«LΓ€ngerfristigΒ», sagt Deutsch, Β«kann man indessen nur mit Übernahmen nachhaltig wachsen.Β»

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– Die international agierenden Schweizer Unternehmen sind zweitens zu zΓΆgerlich in der Umsetzung fundamentaler Wachstumsstrategien. Deshalb fallen sie international oft zurΓΌck, besonders gravierend die Maschinenindustrie. Β«Die Schweizer Maschinenbauer sind grundsΓ€tzlich gesundΒ», so Deutsch, Β«aber sie sind zu langsam.Β» FΓΌr ihn fehlen in der Branche die proaktiven Elemente. Die Firmen hΓ€tten nur unter dem Druck der Rezession gehandelt. So mangelt es beispielsweise an einer ΓΌberzeugenden Antwort der Schweizer Textilmaschinenbranche auf den Vorstoss der beiden asiatischen Riesen Jingwei Textile Machinery aus China und Lakshmi Machine Works aus Indien. Die BΓΆrse jedenfalls hat die beiden Value Growers unter den Maschinenbauern, die Schaffhauser Georg Fischer und Rieter aus Winterthur, mit AbschlΓ€gen von 11,4 und 6,8 Prozent gestraft.
Wie eine Firma ganz gewiss nicht agieren sollte, hat die Basler Ciba demonstriert und sich damit selber demontiert: Seit Herbst 2004 besteht bei der Textilfarbensparte Handlungsbedarf. In den europÀischen Werken herrschen ÜberkapazitÀten, das GeschÀft hat sich nach Asien verschoben. Passiert ist bis dato nichts, das Management zâgert einen Entscheid über das Schicksal der Division hinaus, und die Firma findet nicht aus ihrem Tief heraus. Nicht schlecht agiert haben dagegen einige Firmen, die nicht unbedingt zu den Value Growers gehâren, aber auf der Aufholjagd in die vorderen RÀnge sind. Die Luxuskonzerne Richemont und Swatch haben sich bestens in Position gebracht: Der Richemont-Konzern hat eine Reihe von Luxusuhrenmarken übernommen und damit ihre Stellung in diesem Bereich gestÀrkt. Swatch wiederum gelang es, sich mit Omega erfolgreich in einem hâheren Preissegment zu implementieren.

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– Drittens sind die Schweizer Konzerne in den neuen MΓ€rkten vielfach nur sehr rudimentΓ€r vertreten, Ausnahmen wie ABB oder UBS in China vorbehalten. Selbst Value Growers haben in ihrer geografischen Ausrichtung ausgeprΓ€gte SchwΓ€chen. Die Ems-Chemie etwa, die in den Jahren 1999 bis 2004 markant zugelegt hat, ist in den SchwellenlΓ€ndern in Asien, Osteuropa und SΓΌdamerika praktisch absent. Der BΓΆrse ist diese SchwΓ€che nicht entgangen, sie hat die Siegerin im selben Zeitraum mit einem Minus von 6,9 Prozent zur Verliererin gestempelt. Wie vorzugehen wΓ€re, hat die ΓΆsterreichische Raiffeisenbank den Schweizern vorexerziert. Das Management der Provinzbank hat seine Chancen in Osteuropa frΓΌhzeitig erkannt, eine neue Aktiengesellschaft, die Raiffeisen International, gegrΓΌndet, und die Bank ist heute in ganz Osteuropa trefflich verankert. In RumΓ€nien ist sie die Nummer eins, und sie hat auch im russischen Bankensektor eine enorm starke Stellung. Anders die Schweizer Finanzbranche: Auf Europa fixiert und gesΓ€ttigten MΓ€rkten verhaftet, hat insbesondere die Versicherungsbranche wichtige Wachstumschancen verpasst. In den stark wachsenden SchwellenlΓ€ndern sind die Schweizer Versicherer praktisch nicht prΓ€sent.

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TrΓΆstlich ist, dass eine erhebliche Zahl von Schweizer Firmen – gerade auch unter den Verlierern – eine GrΓΆsse erreicht haben, die sie kaum zu einem Übernahmeziel werden lΓ€sst, sofern sich die Firmen selbst am Merger-Poker beteiligen. ABB, Credit Suisse, NestlΓ©, Novartis, Roche, Swiss Re, Swatch, Syngenta, Synthes, UBS oder Β«ZΓΌrichΒ» dΓΌrften lΓ€ngerfristig eher zu den Siegern im internationalen Konkurrenzkampf gehΓΆren. Eine Garantie dafΓΌr gibt es allerdings nicht.

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