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Interview

HSBC-Skandal: «Vorerst alles nur Behauptungen»

Die Schweizer HSBC-Tochter soll im grossen Stil Geschäfte mit Steuerhinterziehern gemacht haben. Bankenexperte Martin Janssen warnt jedoch vor voreiligen Schlüssen und Stimmungsmache gegen die Schweiz

Dominic Benz

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Eine schweizer Tochter der HSBC-Bank soll für Kunden Schwarzgeld gehortet haben.Keystone RMS

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Wie schätzen sie den Skandal um die HSBC Schweiz ein?
Martin Janssen*: Sollte es sich so zugetragen haben, wie es in den Medien beschrieben wird, ist es unhaltbar und nicht akzeptabel. Doch was wir bisher erfahren haben, sind lediglich Vermutungen und Behauptungen. Ich bin überrascht, was angesichts der wenigen Informationen für ein Aufschrei gemacht wird.

Die Vorwürfe wiegen aber schwer, vor allem gegen die Bank selber.
Ich habe nichts von einer Anklage gehört, nichts von einer Verteidigung und schon gar nichts von einem Gerichtsurteil, wie das in einem Rechtsstaat üblich ist. Das sind vorerst alles nur Vermutungen und Behauptungen. Ich bin mir aber bewusst, dass es auf der Welt Leute gibt, die mit illegalen und moralisch verwerflichen Methoden Geld verdienen. Auch diese Leute lagern ihre Vermögen bei irgendwelchen Banken rund um den Globus. Man muss daher davon ausgehen, dass solche Gelder auch auf einem grossen und erfolgreichen Finanzplatz wie jenem der Schweizer landen – trotz aller Vorsichtsmassnahmen und obwohl wir international gesehen wahrscheinlich die höchsten Geldwäschereistandards haben.

Was bedeutet der Fall HSBC Schweiz für den hiesigen Finanzplatz?
In der jetzigen Situation sollte man mit Rückschlüssen auf den Finanzplatz Schweiz vorsichtig sein. Die Daten sind ja schon 2007 gestohlen worden. Wollte man Rückschlüsse auf die Schweiz ziehen, müssten vergleichbare Informationen anderer Finanzplätze – ich denke insbesondere an Frankfurt, Miami und London – zur Verfügung stehen. Ich bin überzeugt, dass die Schweiz schon damals im Bereich Geldwäsche eine viel höhere Qualität erreicht hat als die genannten Finanzzentren.

Dennoch wirft die Affäre einmal mehr ein schlechtes Licht auf die Schweizer Banken.
Diesen Schluss ziehe ich nicht. Wir stehen sicher besser da als beispielsweise Deutschland, wo das deutsche Parlament 2013 auf der eigenen Internetseite Vorwürfe eines italienischen Mafiajägers publizierte, dass sich Deutschland nicht an die internationalen Regeln hält und ein Paradies für Geldwäscher sei. Wir dürfen nicht vergessen, dass grosse und weniger erfolgreiche Finanzplätze gerne auf dem kleinen und erfolgreichen Finanzplatz Schweiz herumtrampeln. Mich wundert höchstens, dass auch schweizerische Zeitungen an dieser Stimmungsmache mitwirken, statt – mit mindesten so guten Argumenten – Gegensteuer zu geben.

Unter den Kunden sind viele berühmte Namen. Geben diese dem Skandal mehr Gewicht, als er eigentlich hat?
Ich möchte nochmals betonen: Derzeit wissen wir praktisch nichts, was wirklich geschehen ist. Ich erinnere mich an die ersten Untersuchungen dieses Internationalen Konsortiums investigativer Journalisten, die nun die HSBC-Daten ausgewertet haben. Damals hat man dem verstorbenen Gunter Sachs Steuerhinterziehung vorgeworfen. Am Ende ist von den Anschuldigungen nichts übriggeblieben. Und jetzt kommen die gleichen Medien und machen wieder Stimmung gegen die Schweiz und ihren Finanzplatz. Der Verdacht liegt nahe, dass es wieder falsche Behauptungen sind.

Die HSBC Schweiz selber sagt, sie habe seit 2012 zwei Drittel der Konten seine geschlossen worden, Bargeldbezüge von über 10'000 Dollar unterlägen jetzt eine «strikten Kontrolle». Zudem habe HSBC sich in den letzten Jahren von 70 Prozent ihrer Kundenbasis verabschiedet. Ist nun alles wieder gut?
Das weiss ich nicht. Früher haben Schweizer Banken teilweise Hand geboten zur Steuerhinterziehung, was ein grosser Fehler war. Heute übertreiben viele Banken auf die andere Seite und machen sich selber zum verlängerten Arm der ausländischen Steuerämter. Das ist noch der grössere Fehler. Es ist richtig, dass die Banken bei der Entgegennahme von Geldern die notwendigen Vorsichtsmassnahmen walten lassen. Aber es geht meiner Ansicht nach nicht an, dass eine Bank bei den Auszahlungen Schwierigkeiten macht. Warum die HSBC Schweiz angeblich 70 Prozent ihrer Kundenbasis verloren hat, weiss ich nicht. Vielleicht auch ganz einfach deshalb, weil es sich bei den kleineren Kunden nicht mehr lohnt, alle die neuen bürokratischen Kontrollen durchzuführen.

Wenn sich nun aber die aktuellen Vorwürfe bei der HSBC Schweiz bewahrheiten sollten, dann ist das ein schwerwiegender Skandal.
Wenn jemand wirklich etwas Falsches gemacht hat, dann will ich das nicht entschuldigen. Man muss aber die jetzigen Informationen mit Augenmass betrachten. Wir wissen ja nicht einmal genau, wie alt die Zahlen sind und ob sie wirklich stimmen.

*Martin Janssen ist Bankenexperte und emeritierter Professor am Institut für Banking und Finance der Universität Zürich und ist Inhaber der Software- und Beratungsfirma Ecofin.




















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Verschiedene Stars und politische Berühmtheiten parkten Geld bei der HSBC Schweiz. Hier eine kleine Auswahl. Der uruguayische Fussballspieler feierte zahlreiche Erfolge und Auszeichnungen. Diego Forlán ist Rekordnationalspieler von Uruguay. Fortan besass zwei Kundenkonten bei der HSBC seit dem Jahr 2006.Bilder: Keystone
Flavio Briatore zählt durch seine Beziehungen und Affären mit bekannten Models zu den schillernden Persönlichkeiten. Ein Sohn ging aus der Beziehung des ehemaligen Formel-1-Managers mit dem deutschen Model Heidi Klum hervor. Flavio Briatore hatte neun Kundenkonten bei der HSBC, denen insgesamt 38 Bankkonten zugeordnet werden. Er parkte 73 Millionen Dollar bei der Bank.
Der jordanische König Abdullah II Ibn Al-Hussein genoss eine Ausbildung an der Kadettenschule der Militärakademie Sandhurst. König Abdullah II bin Al-Hussein gehörte seit 2006 zum Kundenstamm der HSBC. Er hatte dort drei Bankkonten mit einem Guthaben von 42 Millionen Dollar.
Der amerikanische Schauspieler Christian Slater ist bekannt durch zahlreiche TV-Serien und Filme wie «Robin Hood - König der Diebe» oder «Interview mit einem Vampir». Christian Slater führte von 1996 bis 1997 ein Kundenkonto bei der HSBC. Seine genauen Aktivitäten sind nicht bekannt.
Bahrains Scheich Salman bin Hamad Al-Khalifa nutze ebenfalls die Dienstleistungen der HSBC Schweiz. Er war seit 2001 Kunde bei der HSBC und hielt dort auf diversen Konten ein Vermögen von knapp 21 Millionen Dollar. Steuerhinterziehung ist ihm nicht nachgewiesen.
Der Sultan von Oman, Qaboos bin Said, figuriert ebenfalls auf der Kundenliste. In den 70er-Jahren vereinte er zwar den Golfstaat und schlug den Weg der Modernisierung ein. Er gilt aber als absoluter Monarch. Er sammelte zu 45 Millionen Dollar bei der HSBC. Der Sultan wollte sich zu den Konten nicht äussern. Gesetzesbruch kann ihm nicht nachgewiesen werden.
Der libanesisch-brasilianischer Bankier Edmond J. Safra arbeitete bis kurz vor seinem Tod für das Familienunternehmen. 26 Tage nach seinem Tod im Jahr 1999 wurde ein Bankkonto mit 4,6 Millionen Dollar von seiner Frau eröffnet. Dies ist nur eines von vielen Konten, welche die Safras bei der HSBC hatten.
Elias Murr ist der Verteidigungsminister von Libanon und setzt sich für eine sichere Welt ein. Sein Name wird ebenfalls mit einem Bankkonto bei der Schweizer HSBC in Verbindung gebracht.
Russland sucht den 47 jährigen belgisch amerikanischen Doppelbürger Kenneth Lee Akselrod wegen Diamantenhandel und Steuerflucht. Seine Spur führt auch zu einem Bankkonto in der Schweiz.
Ebenfalls gesucht wird der Belgier Mozes Victor Konig wegen grossangelegten Raubzügen und Waffenhandel. Auch er verfügte in der Vergangenheit über ein Bankkonto bei der HSBC.
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RMS

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