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Heliane Canepa: Der Wirbelwind

Als Heliane Canepa im Sommer 2001 Chefin von Nobel Biocare wurde, hatte der Zahnersatzhersteller schwer zu beissen. Doch innerhalb von vier Jahren polierte die begnadete VerkΓ€uferin die Firma auf Hochglanz. Canepas nΓ€chstes Ziel: ein Umsatz von einer Milliarde Dollar.

Corinne Amacher

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Frau mit Β«unerschΓΆpflichen EnergiereservenΒ»: Heliane Canepa. RMS

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Das MGM Grand Hotel in Las Vegas ist historisches Terrain. Muhammad Ali hat hier geboxt, Madonna gesungen. Mitte Juni mietete Heliane Canepa die zehntausend Zuschauer fassende Arena – nicht fΓΌr einen Abend, sondern fΓΌr fΓΌnf Tage. Die Chefin von Nobel Biocare, mit ausladender Frisur und hohen AbsΓ€tzen, zeigte noch nie Hemmungen, auf sich aufmerksam zu machen. Der laut Eigenwerbung Β«grΓΆsste Event, der je in der Zahnmedizin stattgefunden hatΒ», lockte sechstausend ZahnΓ€rzte und Zahntechniker aus aller Welt an.
Canepa war kein Aufwand zu gross, die Doktoren davon zu ΓΌberzeugen, dass sie ihre Patienten am besten mit Zahnersatz von Nobel Biocare ausstatten, mit Implantaten, BrΓΌcken, Kronen. Auf acht GrossleinwΓ€nden, aufgehΓ€ngt ΓΌber dem Boxring, wurden Live-Operationen aus allen Erdteilen ΓΌbertragen. Wissenschaftler orientierten ΓΌber neuste Erkenntnisse aus der Dentalmedizin. Wer unter Schlaflosigkeit litt, hatte die MΓΆglichkeit, zwischen drei und sechs Uhr in der FrΓΌh Β«Jetlag-SessionsΒ» zu besuchen. Β«Wenn die Teilnehmer nicht schlafen kΓΆnnen, sollen sie Gelegenheit haben, sich auch in der Nacht weiterbilden zu kΓΆnnenΒ», sagt Canepa, die sich mit Jetlag-Syndromen selbst bestens auskennt.
Ganze 560 Neuheiten sollen es gemΓ€ss Canepa gewesen sein, die Nobel Biocare an der Konferenz vorstellte. Nicht alle sind echt revolutionΓ€r, bei den meisten handelt es sich um Weiterentwicklungen bestehender Produkte, die eines gemeinsam haben: Sie klingen weder nach Skalpell noch nach Narkose, sondern wie Frischzellenkuren aus dem SchΓΆnheitsinstitut. NobelSpeedy, Groovy, ZiUnite – solch kokette Namen tragen heute Zahnprothesen. Das passt genau in Canepas Konzept. Sie verspricht schΓΆne ZΓ€hne in kurzer Zeit und ohne Blut. Ihr Ziel ist es, die vielen aufwΓ€ndigen chirurgischen Verfahren durch eine kurze und schmerzlose Einmalmethode zu ersetzen.

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Ein Schritt in diese Richtung ist das Behandlungskonzept Teeth-in-an-Hour, das Canepa in Las Vegas vorgestellt hat. Zielgruppe sind alle zahnlosen Menschen, von denen es gemΓ€ss der Weltgesundheitsorganisation (WHO) allein in den IndustrielΓ€ndern mehr als 30 Millionen gibt. Statt eines klapprigen Gebisses, mit dem sich nicht einmal Fleisch kauen lΓ€sst, werden kΓΌnstliche ZΓ€hne mit Implantaten so eingeschraubt, dass sie ein Leben lang halten, und dies nach nur zwei kurzen Zahnarztbesuchen. Beim ersten Termin wird der Kiefer gerΓΆntgt, damit die KnochenqualitΓ€t analysiert und die entsprechenden Implantate bestellt werden kΓΆnnen. Beim zweiten Besuch werden mit einem Β«minimal invasiven VerfahrenΒ» Implantate und BrΓΌcke eingesetzt, was gemΓ€ss Canepa weniger als eine Stunde dauert. Nachdem Teeth-in-an-Hour vergangenes Jahr von der amerikanischen Food and Drug Administration die Zulassung erhalten hat, wird die Methode derzeit im Markt eingefΓΌhrt.
Canepas Problem ist nur, dass zu wenige ZahnΓ€rzte das Handwerk beherrschen. Nur etwa zehn Prozent der Dentalmediziner weltweit sind Spezialisten fΓΌr Zahnchirurgie oder KieferorthopΓ€die, die grosse Mehrheit besteht aus allgemein praktizierenden ZahnΓ€rzten, die zΓΆgern, Implantate einzusetzen, weil sie der Technik nicht mΓ€chtig sind. In der geringen Marktdurchdringung liegt die grΓΆsste Herausforderung fΓΌr den WeltmarktfΓΌhrer Nobel Biocare und die Konkurrenz, die Schweizer Straumann als Nummer zwei (siehe Nebenartikel Β«Nobel Biocare vs. Straumann: Schweizer Firmen zeigen BissΒ»). Wem es gelingt, in kurzer Zeit die meisten ZahnΓ€rzte auszubilden, der gewinnt. Allein 2004 hat Nobel Biocare an Ausbildungsveranstaltungen 165 000 Fachleute weitergebildet.

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Nicht bloss ZahnΓ€rzte, auch Patienten sind nach Ansicht von Canepa zu wenig mit den MΓΆglichkeiten der modernen Zahnmedizin vertraut. Sie versucht, die Menschen von der Vorstellung zu befreien, der Einbau von Implantaten sei Zeit raubend und schmerzhaft. In den IndustrielΓ€ndern fehlen ΓΌber 240 Millionen Menschen ein oder mehrere ZΓ€hne. Wenn sich nur ein Bruchteil von ihnen aus eigener Initative fΓΌr ein Implantat interessiert, erΓΆffnet sich ein riesiges GeschΓ€ft. In Schweden etwa trat Nobel Biocare mit Teeth-in-an-Hour in der TV-VerschΓΆnerungssendung Β«Total MakeoverΒ» auf. Am Tag nach der Ausstrahlung soll die Telefonzentrale am Sitz in GΓΆteborg zusammengebrochen sein.
FΓΌr die Expansion in den Lifestyle- und SchΓΆnheitsmarkt hat Canepa den Slogan Β«Beautiful Teeth Now for EverybodyΒ» als Markennamen schΓΌtzen lassen. Β«Das beste Lifting nΓΌtzt nichts, wenn man keine schΓΆnen, strahlenden ZΓ€hne hatΒ», lacht sie. Um das den Menschen klar zu machen, geht sie direkt zu ihnen. In verschiedenen LΓ€ndern Europas sowie den USA zirkuliert ein mit einem Konferenzraum ausgestatteter Nobel-Biocare-Lastwagen, der bei Einkaufszentren und Altersheimen vorfΓ€hrt, um Menschen mit Gebissen oder fehlenden ZΓ€hnen Implantate schmackhaft zu machen. In den Praxen der ZahnΓ€rzte liegen weiss glΓ€nzende BroschΓΌren auf, die sich, frei von Fachjargon, direkt an die Patienten richten. Heliane Canepa liess die Internetseite www.nobelsmile.com erstellen, die ΓΌber MΓΆglichkeiten der Zahnrestauration orientiert und ZahnΓ€rzte auflistet, die Implantate anbieten. Manch ein Zahnarzt schreibt heute nicht nur Β«ProthetikΒ», sondern auch «ÄsthetikΒ» auf das Firmenschild.

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Seit Heliane Canepa im Sommer 2001 die FΓΌhrung von Nobel Biocare ΓΌbernommen hat, baut sie das techniklastige Unternehmen zu einer veritablen Marketingmaschine um. Die Weltkonferenz in Las Vegas ist nur ein Beispiel dafΓΌr. Allein die Vertriebskosten verschlingen 132 Millionen Euro oder fast ein Drittel des Konzernumsatzes von 388 Millionen Euro.
Mit Leidenschaft und Vehemenz schwor Canepa von Anfang an die VerkΓ€ufer auf deren Job ein. GenΓΌgte es frΓΌher, Bestellungen abzuwickeln, mussten sie fortan in den Praxen vorstellig werden oder ZahnΓ€rzte auf Kongressen direkt ansprechen. Die Chefin setzte klare Ziele. Gute VerkΓ€ufer sind Β«huntersΒ», schlechte Β«farmersΒ». Da Canepa kompromisslosen Einsatz verlangt, sind viele von selbst gegangen, was ihr nur recht sein konnte.
Auch an der Spitze der LΓ€ndergesellschaften, allen voran des wichtigen US-Markts, sitzen heute viele neue Manager. Anstatt sich von Drittunternehmen vertreten zu lassen, stΓΆsst Canepa mit eigenen Marketing- und Vertriebsorganisationen in neue MΓ€rkte vor. Anfang 2005 wurde in Indien eine Niederlassung erΓΆffnet, dem 29. Land, in dem Nobel Biocare prΓ€sent ist.
Als Canepa die FΓΌhrung ΓΌbernahm, war auch die KomplexitΓ€t der Produkte ein Problem. Wie die meisten Pionierunternehmen war Nobel Biocare schwerfΓ€llig geworden. Canepa strich die Palette von 3400 auf 800 Produkte zusammen und entwickelte Β«LΓΆsungssystemeΒ», wie sie es nennt: Statt einer Vielzahl unterschiedlicher Prothesenkomponenten und Schrauben kann der Zahnarzt nun bei Nobel Biocare die AusrΓΌstung beziehen, die auf die Behandlung eines Patienten zugeschnitten ist.

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Β«Ich wusste, es wird hartΒ», sagt Canepa, Β«aber wir mussten da durch, und jetzt sind wir fit.Β» Das zeigte sich nicht nur Ende Mai, als sie mit Mitarbeitern am Halbmarathon in GΓΆteborg teilnahm und nach 2 Stunden und 31 Minuten durchs Ziel ging. Auch an den Firmensitzen in ZΓΌrich und GΓΆteborg wirbelt die passionierte Joggerin durch die GΓ€nge und verstrΓΆmt Begeisterung: Β«Kardiologie war irre, aber Zahnmedizin ist noch besser!Β» Der Wechsel vom Ballonkatheterhersteller Schneider im zΓΌrcherischen BΓΌlach, den sie in zwanzig Jahren von 5 auf 2200 Mitarbeiter hochzog, zu Nobel Biocare lΓΆste in der 57-JΓ€hrigen einen Energieschub aus. Dies, obschon sie gemΓ€ss Selbstdiagnose bereits von Geburt an ΓΌber Β«unerschΓΆpfliche EnergiereservenΒ» verfΓΌgt.
Wie Canepa das Unternehmen vitalisiert hat, lΓ€sst sich auch an den Zahlen ablesen. Zwischen 2002 und 2004 schnellte der Umsatz von 311 auf 388 Millionen Euro hoch, der Betriebsgewinn nahm von 70 auf 118 Millionen Euro zu, der Reingewinn von 38 auf 96 Millionen. Β«Heliane Canepa hat eine sehr eindrΓΌckliche Leistung vollbrachtΒ», lobt Christoph Gretler, Analyst der Credit Suisse First Boston. Mit ihm applaudieren die meisten Branchenbeobachter, was sich in einer nachgerade spektakulΓ€ren Entwicklung des Aktienkurses niederschlΓ€gt: Der Kurs von Nobel Biocare ist seit der Kotierung an der Schweizer BΓΆrse im Juni 2002 von 106 auf ΓΌber 260 Franken gestiegen. HΓΆchste Weihen werden Nobel Biocare voraussichtlich am 1. Oktober 2005 zuteil, wenn die Aktien des Unternehmens in den Swiss Market Index aufgenommen werden.

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Die Kursperformance zahlt sich auch fΓΌr Heliane Canepa persΓΆnlich aus. ZusΓ€tzlich zu Bezugsrechten und Optionen besitzt sie seit Amtsantritt ein Paket von 350 000 Aktien, das derzeit rund neun Millionen Franken wert ist. Β«Ich bin Unternehmerin, ich glaube an die FirmaΒ», sagt sie zu ihrem finanziellen Einsatz. Daneben bezog sie letztes Jahr einen Lohn von umgerechnet 2,3 Millionen Franken, den sie aber aus ZeitgrΓΌnden nicht ausgeben kann.
Zufrieden kΓΆnnen auch die GrossaktionΓ€re sein, von denen es im Zuge des Kursanstiegs immer mehr gibt. Neben Fidelity und der FMR Corporation hat kΓΌrzlich der franzΓΆsische Versicherungskonzern Axa einen Anteil von ΓΌber fΓΌnf Prozent an Nobel Biocare erworben. GrΓΆsste AktionΓ€rin ist die Beteiligungsfirma BB Medtech mit VerwaltungsratsprΓ€sident Ernst Thomke. Es war der frΓΌhere Uhren- und Industriemanager, der die Wende bei Nobel Biocare erst herbeigefΓΌhrt hat: Auf seinen Druck hin suchte das frΓΌhere schwedische Management ΓΌber Nacht das Weite, worauf Heliane Canepa den Chefposten ΓΌbernehmen konnte.
So begnadet die gebΓΌrtige Vorarlbergerin als VerkΓ€uferin und Motivatorin auch ist, werden ihr in Logistik und Produktion doch Defizite nachgesagt. Um diese zu kompensieren, holte Thomke einen langjΓ€hrigen WeggefΓ€hrten in den Nobel-Verwaltungsrat: Ernst Zaengerle war schon bei Omega, Bally und Movado fΓΌr die Logistik verantwortlich. Mit Rolf Soiron, dem ehemaligen Verwaltungsrat des OrthopΓ€diekonzerns Synthes, sowie Synthes-Manager Michel Orsinger hievte Thomke ΓΌberdies zwei Industrieprofis ins oberste Gremium von Nobel Biocare.

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Eigentlich kann gar nichts mehr schief gehen. Der Markt fΓΌr Zahnersatz wΓ€chst zweistellig und beinahe wie von selbst, es herrscht praktisch weder Preis- noch VerdrΓ€ngungswettbewerb, und die technischen MΓΆglichkeiten erscheinen grenzenlos. Dies zeigt das Lizenzabkommen, das Canepa in Las Vegas als KrΓΆnung des Kongresses bekannt gegeben hat. Zusammen mit dem amerikanischen Pharmakonzern Wyeth entwickelte Nobel Biocare einen biologischen Knochenwachstumsfaktor, der es erlauben soll, einen neuen Knochen entstehen zu lassen, wo es gar keinen gibt. Nobel Biocare erhΓ€lt von Wyeth die exklusiven Nutzungsrechte fΓΌr das Produkt, das in rund fΓΌnf Jahren auf den Markt kommen soll.
Das grΓΆsste Risiko fΓΌr die Industrie wΓ€re wohl, wenn die QualitΓ€t der Produkte nachliesse. ZulassungsbehΓΆrden wie die amerikanische Food and Drug Administration kΓΆnnen ein Unternehmen von einem Tag auf den anderen ausschliessen, wenn die Sicherheit der Produkte nicht mehr gewΓ€hrleistet ist. Daneben besteht die Gefahr, dass die ZahnΓ€rzte ΓΌberfordert sind, wenn sie zu schnell geschult werden. Wenn die Erfolgsrate der Zahnimplantate, die derzeit 95 Prozent betrΓ€gt, sΓ€nke, wΓΌrden die Hersteller rasch in Schwierigkeiten geraten.

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Wird in Canepas Entourage ΓΌberhaupt eine Sorge geΓ€ussert, dann betrifft sie die Chefin selbst. Sie kΓΆnnte sich zu viel zumuten, wird befΓΌrchtet, zu wenig auf ihre Gesundheit achten. Seit ihrer Jugend ist Canepa Kettenraucherin (Dunhill blau) und macht keine Anstalten aufzuhΓΆren. Anstatt frΓΌhmorgens joggen zu gehen, nimmt sie sich zwar heute ab und zu eine Stunde mehr Schlaf. Dennoch gibt sie wie frΓΌher bei Schneider auch bei Nobel Biocare die One-Woman-Show, versprΓΌht von frΓΌh bis spΓ€t Temperament und Optimismus, ist immer in Fahrt.
Die Frau verschwendet keine Zeit mit Bedenken, sondern peilt unbeirrt die nΓ€chste HΓΌrde an: den Umsatz von einer Milliarde Dollar. Bei ihrem Amtsantritt im Jahr 2001 stellte sie die Marke von 500 Millionen Dollar bis Ende 2005 in Aussicht und erreichte sie ein Jahr frΓΌher. Wann die Milliarde fallen soll, verrΓ€t Canepa nicht. Interessant ist nur, dass auch der HΓΆrgerΓ€tehersteller Phonak kΓΌrzlich das Ziel von einer Milliarde Umsatz genannt hat. Heliane Canepa ist VerwaltungsrΓ€tin von Phonak. Wo immer sie wirkt, gibt es bestimmt eine Schlagzeile her.

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