Von Hans Dieter Pötsch werden auf der Hauptversammlung von Volkswagen vor allem zwei Dinge erwartet: Fingerspitzengefühl und viel taktisches Geschick. Der 65-jährige Aufsichtsratschef muss am 22. Juni die Kritik der aufgebrachten Kleinaktionäre an der millionenfachen Abgasmanipulation kanalisieren. Dabei darf er die Aktionärsvertreter nicht vor den Kopf stossen, die mehr Transparenz von Europas grösstem Autokonzern verlangen. Denn das Bild, das VW gibt, entscheidet mit darüber, wie schnell der angeschlagene Konzern das verlorene Vertrauen zurückgewinnen kann. Zugleich muss Pötsch die Interessen der
Familien Porsche und Piech als Haupteigner wahren, auf deren Betreiben er den Posten bekommen hat. Ein Drahtseilakt.
Dabei wird Pötsch von den Aktionären genau beobachtet. Einige Investoren warten nur auf Fehler, um Beschlüsse der Hauptversammlung anschliessend anfechten zu können. Aktionärsvertreter werfen dem hochaufgeschossenen Österreicher mangelnde Unabhängigkeit vor. Sie bezweifeln, ob er der Richtige ist,
um den Skandal aufzuklären, der Volkswagen in die tiefste Krise seiner Geschichte gestürzt hat. Pötsch war Finanzvorstand, als der Konzern im September vergangenen Jahres die Manipulation von Abgaswerten einräumte. Kurz darauf - im Oktober - wurde er an die Spitze des Aufsichtsrats entsandt. Für Kopfschütteln sorgte, dass Pötsch sich die Auszahlung seines gut dotierten Vorstandsvertrags garantieren liess, als er auf den schlechter bezahlten Stuhl im Kontrollrat wechselte.