Der Portier trägt eine klassische Uniform. Die Schalterhalle ist mit grünem Marmor ausgelegt. In den klassisch eingerichteten Besprechungs-Séparées servieren Hauskellnerinnen in weissen Schürzen Kaffee. Im Stammhaus der Privatbank Pictet & Cie ist die Welt noch in Ordnung. Am Boulevard Georges-Favon 29 nährt sich die Gegenwart aus der Historie. Mitten in der Eingangshalle steht ein Oldtimer, gebaut von Lucien Pictet und Paul Piccard Anfang des letzten Jahrhunderts. Der Pic-Pic wird heute nur noch von Ivan Pictet an Oldtimer-Rallyes gefahren.

Schwere Teppiche, Seidentapeten und antike Biedermeiermöbel prägen das Ambiente. Hier empfangen die Pictet-Bankiers ihre Kunden – allesamt «ultra high net worth individuals». Mit einer Million Franken ist man dabei, üblicherweise liegt die Anlagesumme eines Pictet-Kunden aber deutlich darüber. Insgesamt verwaltet die Bank über 200 Milliarden Franken an Kundengeldern. Dabei handelt es sich meist um Privatvermögen. Seit Ende der sechziger Jahre bietet die Bank ihre Dienste für institutionelle Kunden an, inzwischen sind es über 500. Seit etwa sieben Jahren vertreibt Pictet auch Investment-Fonds. Auf diesem Gebiet sind die sonst so traditionsbewussten Privatbankiers sehr progressiv. Als eine der ersten Banken entdeckte Pictet in den späten achtziger Jahren die Emerging Markets als attraktive Anlagemöglichkeit. Der weltweit erste Wasserfonds wurde im Jahr 2000 von den Genfern lanciert, auch im Bereich Biotechnologie leisteten sie Pionierarbeit.

Vom schnellen Geld lassen sich die neun persönlich und unbeschränkt haftenden Partner dennoch nicht locken, schliesslich steht auch ihr privates Vermögen auf dem Spiel. Kein Wunder, tätigen sie Anlagen und Investments mit grösster Sorgfalt und Vorsicht. Risikokontrolle wird gross geschrieben. «Wir», sagt Seniorpartner Ivan Pictet, «bleiben bei unserem Kerngeschäft.» Viele Konkurrenten versuchten sich an neuen Bereichen wie dem Investment-Banking und scheiterten. Für Pictet undenkbar. Der Erfolg gibt dem Traditionshaus Recht: «1997 verwalteten und verwahrten wir 1oo Milliarden Franken. Heute haben wir 2o0 Milliarden Assets under Management. Wir haben es also geschafft, uns in einem schwierigen Marktumfeld mehr als zu verdoppeln», sagt Ivan Pictet voller Stolz.

Als er 1981 Partner bei Pictet wurde, hatte die Bank gerade mal 300 Mitarbeiter – heute sind es knapp 2000. Fast jeder Mitarbeiter wird vor der Einstellung von einem der Partner persönlich interviewt. Das Ziel: eine enge Beziehung zu den Angestellten. Daran erinnert sich Eric Sarasin, Teilhaber der Bank Sarsin & Cie, der selbst zwei Jahre als Finanzanalyst bei Pictet gearbeitet hat: «Bei Pictet war es sehr familiär. Es gab Ausflüge und manchmal private Anlässe bei den Partnern.» Kein Mitarbeiter redet schlecht über die Bank, und nur wenige schauen sich nach einem neuen Arbeitgeber um. Überdurchschnittliche Gehälter tragen sicher auch dazu bei.

Im Jahr des 200-Jahr-Jubiläums löst Ivan Pictet seinen Cousin Charles als Primus inter Pares im Kreis der Partner ab. Charles tritt in den Verwaltungsrat der Eidgenössischen Bankenkommission ein. «Der Wechsel wird keine grossen Auswirkungen haben. Die beiden arbeiten schon lange zusammen, und es wird einen fliessenden Übergang geben», erwartet Sarasin. Ivan Pictet gilt im Vergleich zum Cousin als offener. «Ivan ist mehr der internationale Mensch, das zeigt schon sein Lebenslauf», sagt Bénédict Hentsch, der die Familie Pictet sehr gut kennt. «Ein Drittel meines Lebens habe ich ausserhalb von Genf verbracht», erzählt denn auch der 61-jährige Ivan Pictet. In seinen Wanderjahren ging er in England zur Schule, studierte an der Universität in St. Gallen und arbeitete als Banker in London, New York und Tokio. Geprägt von seinen zahlreichen Auslandsaufenthalten und Reisen, gibt er sich weltgewandt und spricht ein fast akzentfreies britisches Englisch. Sein Deutsch sei sehr schlecht, kokettiert er, um dann auf ein fehlerfreies, mit welschem Akzent durchzogenes Hochdeutsch zu wechseln.

Pictet repräsentiert in 19. Generation den traditionsbewussten Privatbankier, wie er im Buche steht. Unaufdringlich charmant schenkt er seinem Gesprächspartner die volle Aufmerksamkeit. Er spricht ruhig und deutlich, ohne grosse Mimik oder Gestik. Ein Mann, der sich selbst nicht in Szene setzt und allein durch den Inhalt der Worte überzeugen will. Der anthrazitfarbene Anzug mit feinen blauen Nadelstreifen ist perfekt abgestimmt auf die silbergrauen Schläfen und die wasserblauen Augen. Dezente Manschettenknöpfe und ein goldener Siegelring mit dem Familienwappen unterstreichen das Outfit, das zu sagen scheint: Understatement macht nur Sinn, wenn es einen Grund zum Tiefstapeln gibt.

Neben seinen Erfahrungen prägen ihn Familientradition und Religion: «Die Verbindung zur calvinistischen Religion ist sehr stark.» Ein Bruder ist Pastor, seine Schwester studierte Theologie und ist mit einem Pastor verheiratet. Wie alle Genfer Privatbanken ist auch Pictet bis heute vom calvinistischen Geist geprägt. Ebenso wie Fleiss und Ehrlichkeit ist Bescheidenheit eine Tugend. Keiner der Partner käme auf die Idee, sich von einem Chauffeur zur Arbeit fahren zu lassen – anders als bei den CEO anderer Schweizer Banken üblich.

Der Tag bei Pictet beginnt für alle Privatbankiers mit einer Präsentation der Research-Abteilung. Sie sollen über die Ereignisse und Entwicklungen an den Börsen von Tokio bis New York informiert werden. Und weil bei Pictet alles etwas exklusiver ist, findet der Vortrag auf der Bühne des hauseigenen Theaters statt – auf einem Parkett, wo sonst wechselnde Ensembles Shakespeare und Schiller aufführen. Im neu renovierten Saal mit aprikosenfarbenen Wänden und aufwändigen Stuckaturen kann man der Präsentation live folgen. Doch der Zuschauerraum ist für gewöhnlich nur spärlich besetzt. Per Videokonferenzschaltung wird das Referat weltweit in alle Büros übertragen.

Im Anschluss treffen sich alle Partner. «Das ist wohl einzigartig. Alle kommen jeden Tag für eine Stunde zusammen, auch wenn sie in verschiedenen Gebäuden sitzen. Wer im Ausland ist, wird per Telefon dazugeschaltet», sagt Pictet. Die Mitarbeiter berichten direkt an die zuständigen Partner. Alle wichtigen Probleme kommen an dieser Stelle zur Sprache. Ein einfacher, reibungsloser Weg, der schnelle Entscheide ermöglicht. «Da wir keine Anteilseigner haben», betont Pictet eines der wichtigsten Prinzipien der Bank, «können wir jeden Tag wichtige Entscheide treffen.» Die Unabhängigkeit ist einer der entscheidenden Erfolgsfaktoren des Traditionshauses. Die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft, eine Fusion oder auch eine Übernahme sind undenkbar und nicht mit den Visionen der 200 Jahre alten Bank vereinbar.

«Wir können uns den Luxus leisten, wirklich langfristig zu denken, zu planen und konsequent die Strategien durchzuziehen.» Das hat Renaud de Planta, der seit sieben Jahren Partner bei Pictet ist, gelernt. «Denn wir sind Manager und Eigentümer in einer Person.» Bevor der heute 42-Jährige zu Pictet kam, um dort die Verantwortung für die institutionelle Vermögensverwaltung zu übernehmen, war de Planta zwölf Jahre lang bei der UBS beschäftigt gewesen. Welche Schwierigkeiten eine Börsenkotierung für ein Finanzinstitut mit sich bringt, hat er dort erfahren: «Das Management wird von grossen Aktionären unter Druck gesetzt. Das verhindert langfristiges Denken und schafft nur unnötige Unruhe.» Die Partnerschaftsstruktur bei Pictet hat ihn dagegen überzeugt; vor allem die Tatsache, dass die Partner für ihre guten und schlechten Entscheide selbst verantwortlich sind und sich nicht vor einem Verwaltungsrat rechtfertigen müssen.

Hier herrschen andere Regeln. Die Partner bei Pictet sind daher nicht nur erfahrene Bankiers, sondern sie besitzen auch das nötige finanzielle Polster, um die persönliche Haftung zu gewährleisten. Damit die Gruppe der Associés nicht veraltet, gibt es eine dynamische Struktur. Drei Partner sind zwischen 30 und 45 Jahre alt, drei zwischen 55 und 65, die restlichen drei in der Mitte. Die älteren Eigentümer verkaufen jedes Jahr Anteile an die Jüngeren. Damit die Bank weiterhin den Namen der Famile tragen kann, muss immer einer der Partner ein Pictet sein. Über den Nachwuchs macht sich bei Pictet niemand Gedanken, offenbar gibt es genug Interessenten.

Die Partner bei der Bank haften persönlich, uneingeschränkt und solidarisch. «Das ist wie beim Bergsteigen, wenn alle an einem Seil hängen. Alle wissen, wenn sie fallen, werden sie von den anderen gerettet oder reissen sie mit in die Tiefe», beschreibt de Planta das einzigartige Solidaritätsgefühl, das in solch einer Situation entstehe. «Bergsteiger kennen dieses Gefühl, es setzt viel Vertrauen voraus.» Daher reicht es nicht, ein exzellenter Bankier mit viel Erfahrung und besten Zeugnissen zu sein, um ein Partner bei Pictet werden zu können. Werte, Lebensstil und Hintergrund müssen ähnlich sein. Wer in Genf zur Schule ging, aus gutem Hause kommt und auch noch fleissig und bescheiden ist, hat gute Karten, um in den erlauchten Kreis aufgenommen zu werden. Die Kohärenz ist ein wichtiger Teil der Kultur, die sich in der gesamten Bank wiederfindet. Pictet-Mitarbeiter treten daher sehr einheitlich auf. «Wenn ich einen Pictet-Bankier treffe, weiss ich sofort, dass er von Pictet kommt», berichtet Bénédict Hentsch. «Wenn man bei Pictet eine Meinung gefunden hat, wird diese auf allen Ebenen von der Rezeptionistin bis zum Partner vertreten.» Für ihn gehört Pictet zu den weltbesten Adressen im Private Banking.

Das Heiligtum der Bank – neben den Mitarbeitern – befindet sich im zweiten Stockwerk unter Tage: der Tresor. Hier lagert der Goldschatz von Pictet, geschützt durch eine Glaswand – Panzerglas, versteht sich. Nächste Station: die grosse Stahltür, fast einen Meter dick. Die Bewegungsmelder und Kameras sind für den Besucher unsichtbar, aber sie sind da – mit Sicherheit. Die nächste Tür ist durch ein Zahlenschloss gesichert. Die Kombination kennt Raymond Crausaz. Er hütet den Schatz bereits seit 30 Jahren und trägt eine Verantwortung, die man wohl niemand anderem lieber übertragen würde. Nicht weil er so gross und stark aussieht, denn – obwohl er es im Notfall wahrscheinlich tun würde – mit seinen Fäusten muss Crausaz den Tresor nicht verteidigen. Es sind vielmehr sein offener Blick und die tiefe, ruhige Stimme, die so vertrauenerweckend wirken.

Der Anblick des Goldlagers schliesslich enttäuscht. Die Barren liegen in langweiligen, grauen Metallschränken. Aber immerhin Gold, und zwar jede Menge. Ein Anblick, bei dem man sofort an unzählige Gangsterfilme denken muss. Bei Pictet aber hat noch niemand versucht, den Tresor zu knacken. Das macht den Job der 25 Sicherheitsleute ziemlich unspektakulär.

Für die Kunden stehen im Keller rund 2000 Schliessfächer zur Verfügung, doch nur 700 sind tatsächlich belegt. Was wird bloss in diesen Fächern aufbewahrt? Geheime Unterlagen, Familienschmuck oder gar Schwarzgeld? Monsieur Crausaz weiss das natürlich auch nicht. Verschwiegenheit ist eben das tägliche Brot einer Privatbank. Auch im Tresorraum bleibt man dem exklusiven Stil treu. Geschmackvolle Blumenbouquets, Mahagonimöbel und weinrote Teppiche geben ihm eine edle Note.

Und da sich bei einer Privatbank wie Pictet alles um die gut betuchten Kunden dreht, ist es selbstverständlich, dass auch die Partner persönlich Kunden betreuen. Eine Besonderheit, die hoch geschätzt wird. Rund 30 Anleger werden von Ivan Pictet persönlich betreut. Mit ihnen trifft er sich zum Lunch, lädt sie nachmittags in die Bank ein oder ruft sie wenigstens einmal pro Woche an. Damit man die Wände des Bankhauses nicht verlassen muss, kümmern sich acht Köche und vier Servicemitarbeiter um das Wohl. Serviert werden die Drei-Gang-Menüs in einem der Speisesäle im obersten Stock des Stammhauses. Auf den Menükarten werden Hummer, frische Pasta und Fruchtsorbets angepriesen.

Nach 200 Jahren schlägt die Pictet ein neues Kapitel ihrer Firmengeschichte auf: ein neuer Firmenhauptsitz wird gebaut. 400 Millionen kostet das Geburtstagsgeschenk. Die Fassade ist aus Glas und Naturstein. Wie der Geist von Pictet: modern und traditionsbewusst in einem.

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