Ein kalter Wind zieht durchs Industrie­gebiet in Espoo. Die gläsernen und stählernen Fassaden der Unternehmen hier in diesem Vorort von Helsinki stemmen sich nicht nur gegen den harten Winter. Sie schrecken auch jeden ab, der hier fremd ist und nicht hierher gehört. Es ist kurz vor neun. Vor dem Hauptportal des finnischen Handyherstellers Nokia, einer mächtigen Glas-Holz-Stahl-Konstruktion, herrscht geschäftiges Treiben. Wie die Stimmung ist? Ein kurzer Blick hoch, dann schüttelt der Mitarbeiter den Kopf. «Wir dürfen nichts sagen», sagt der knapp 30-Jährige – nicht die kleinste Andeutung, jedes Wort könnte eines zu viel sein. Bei Nokia, dem nach Stückzahlen noch immer grössten Handyhersteller der Welt, herrscht der Ausnahmezustand. Der neue Konzernchef, Stephen Elop, der im letzten September vom US-Softwareriesen Microsoft hierher stiess, hat seinen 132  000 Mitarbeitern in aller Welt absolute Schweigepflicht auferlegt, zumindest bis zum 11.  Februar. Dann, am Erscheinungstag dieser ­BILANZ-Ausgabe, will der 47-jährige Kanadier, der erste Nicht-Finne an der Spitze von Nokia, ein Geheimnis lüften. An seiner ersten Analystenkonferenz in London wird Elop einen umfassenden Rettungsplan für den angeschlagenen ­Giganten vorstellen und der Finanzwelt erklären, wie er den Niedergang des Konzerns stoppen und die Wende herbeiführen will. «Die Industrie verändert sich, es ist Zeit für Nokia, sich schneller zu verändern», zwitscherte Elop nach der Bilanzpressekonferenz Ende Januar über den Kurzmitteilungsdienst Twitter – und heizte damit die Spekulationen so richtig an. Wie auch immer Elop sich den Turn-around vorstellt, wahrscheinlich ist schon jetzt, dass in den Chefetagen die Köpfe rollen werden. Denn zentraler Bestandteil des Rettungsplans sei eine völlig neue Führungsstruktur im 145 Jahre alten ­Traditionskonzern, berichten Insider. Vor allem in der Konzernleitung werde es grössere Veränderungen geben, heisst es. Etwa der Hälfte der noch amtierenden Geschäftsleitungsmitglieder, in der Mehrzahl Finnen und Gefolgsleute der Elop-­Vorgänger Jorma Ollila und Olli-Pekka Kallasvuo, droht der Rauswurf. Tabubruch. Damit tastet Elop einen ehernen Grundsatz bei Nokia an. Bislang galt es als ungeschriebenes Gesetz, dass der Vorzeigekonzern aus Finnland auch von Finnen in den höchsten Gremien ­geführt wird. Doch das wird sich jetzt ­ändern. «Mit dem Kanadier Elop an der Spitze gibt es diese Karriere­garantie für Finnen nicht mehr», sagt ein Headhunter, der nicht genannt werden will. «Das neue Executive Board wird viel internationaler besetzt sein.» Headhunter in aller Welt sind in Elops Auftrag unterwegs, um von der Konkurrenz Topleute abzuwerben. «Mit zehn Mitgliedern ist die Konzernleitung sehr üppig besetzt», sagt Personalberater ­Andreas Werb von Werb Executive Consulting in Starnberg bei München. «Elop muss Kompetenzen straffen und sich von den Konzernleitungsmitgliedern trennen, welche die Fehlentwicklungen der letzten Jahre zu verantworten haben.» Und die bedrohen Nokia in der Substanz. Der einstige Branchenprimus steckt in der Krise, die Verantwortung dafür trägt nicht nur Elops glückloser Vorgänger Kallasvuo, sondern das gesamte Executive Board, das sich zu lange auf seinen Lorbeeren ausruhte. Vorbei sind die Zeiten, in denen nahezu jedes neue Nokia-Handy die Best­sellerlisten stürmte. Der frühere Kult um die Handys aus dem hohen Norden ist dem Image des Austauschbaren und Langweiligen gewichen. Aus dem Trendsetter ist ein Nachzügler geworden, der kaum noch ­Kunden in seinen Bann zieht. Der Weltmarktanteil von Nokia sinkt ­kontinuierlich. Zuletzt lag er bei nur noch 31 Prozent. In der Schweiz sind es noch 40 Prozent, Tendenz ebenfalls sinkend (siehe Grafik im Anhang). Elop spannte bei der Ursachenanalyse die gesamte Belegschaft ein. «Was soll ich verändern, damit sich Nokias Erfolgsaussichten verbessern?», war eine von drei Fragen einer Umfrage im Intranet: «Gibt es ein Thema, das ich übersehen habe?» Die Hauptschuld an der Misere, das fand Elop nach vielen Gesprächen heraus, trägt offenbar die alte Garde in der Konzernleitung, der Nokia den Aufstieg zum ­Weltmarktführer in den neunziger Jahren ­verdankte. Sie liess sich vom US-Konkurrenten Apple und dessen iPhone förmlich überrollen. Für die alten Nokia-Chefs konnte nicht sein, was nicht sein durfte: dass ein Branchenneuling dem Quasi-­Erfinder des Mobiltelefons zeigt, wo es in Zukunft langgeht. «Apple weiss doch gar nicht, wie man Handys baut», polterte der kurz nach Elops Berufung zurückgetretene Handy-Chef Anssi Vanjoki vor drei Jahren. Erneuerer vs. Bewahrer. Für Elop ist das Grund genug, in den nächsten ­Monaten alle Gleichgesinnten Vanjokis zu entmachten. Allzu selbst­bewusst – manche Nokianer sagen auch, selbstherrlich – vertrauen einige im Konzern unbeirrt auf den alten Nimbus ihrer Unbesiegbarkeit, verkennen den Ernst der Lage und lehnen ­radikale Kurskorrekturen ab. «Es knirscht gewaltig im System mit viel Volatilität auf der zweiten und der dritten Management­ebene», sagt ein ­Berater, der ungenannt bleiben will. Besonders die wachsende Gruppe der Topmanager, die in den vergangenen zwei Jahren aus dem Ausland zu Nokia ge­stossen sind, verlieren langsam die Geduld und melden sich immer lauter zu Wort. Sie gelten unternehmensintern als die Erneuerer und drücken aufs Tempo: Nokia sei ein schwerfälliger Tanker, der vollkommen neu aufgestellt werden ­müsse, aber zu langsam auf Kurskor­rekturen reagiere, heisst es. «Der Turn­around muss an der Spitze starten, mit ­einer starken Führungs­mannschaft, die an einem Strang zieht», sagt ein ­Unternehmensberater, der bei Nokia ein und aus geht. Vier Geschäftsleitungsmitglieder gelten inzwischen als Auslaufmodell und ­stehen, wissen Insider, offenbar ganz oben auf der Abschussliste. Zu den Ersten, die Elop aussortieren dürfte, gehört Kai ­Öistämö, derzeit noch Chefentwickler. Zu den Wackelkandidaten zählt auch Tero Ojanperä, der derzeit die Bereiche Services und mobile Lösungen verantwortet. Den beiden wird angelastet, wichtige Trends wie den berührungsempfindlichen Bildschirm verschlafen zu haben. Auch Mary McDowell, die Handy-Chefin von Nokia, und Niklas Savander, verantwortlich für Logistik und Produk­tion, könnten den Konzern verlassen. ­Beide galten neben Vanjoki als potenzielle Nachfolger von Ex-CEO Kallasvuo und wurden sogar vom Verwaltungsrat angesprochen. Die Enttäuschung, nicht zum Zug gekommen zu sein, erzählen enge Mit­arbeiter, sei bei beiden sehr gross. Elop und die ihm gewogenen Erneuerer an der Konzernspitze haben längst erkannt, dass Nokia nur mit mehr Spitzenkräften aus der Softwarebranche auf die Erfolgsspur zurückfindet. Doch ausgerechnet im kalifornischen Silicon Valley, dem Epizentrum der Smartphone-Revolution, klopfen Top-Programmierer lieber bei den hier beheimateten Kultfirmen Apple, Google oder Hewlett-Packard an. Der neue Technologiechef von Nokia, der vor einem halben Jahr vom US-Computerbauer Sun Microsystems zu Nokia gekommene Amerikaner Rich Green, will das jetzt ändern. Die meisten der rund 500 Nokia-Angestellten, die bis vor kurzem über ein knappes Dutzend Standorte im Silicon Valley verstreut waren, sitzen künftig in einem hochmodernen Glasbüroturm in Sunnyvale. Das schicke Gebäude wurde erst gerade eingeweiht. Ob Green seine Topleute halten kann, hängt vor allem davon ab, ob Nokia den Betriebssystemen Symbian und Meego die Treue hält. Sollte Nokia auf ihren Handys künftig auf Android von Google setzen, wäre es mit Greens Glaubwürdigkeit dahin. Denn er beharrte gegenüber den Entwicklern immer darauf, Nokia werde stets auf die eigenentwickelten Symbian und Meego setzen und ihr Engagement sei deshalb nicht vergeblich. Auf solche Befindlichkeiten kann Elop keine Rücksicht nehmen. Er muss viel über Bord werfen, wenn er den Tanker Nokia wieder manövrierfähig machen will. Sonst droht den Finnen der komplette Schiffbruch im Smartphone-Geschäft.
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