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Nationalbank: Die Panikmacher

Rekordverlust, Aktivismus und wenig Erfahrung: Sind die Chefs der Nationalbank überfordert?

Von Dirk Schütz
11.02.2011
Philipp Hildebrand gab sich bescheiden. Die Credit Suisse hatte beim Weltwirtschafts­forum in Davos zu einer mittäglichen ­Diskussionsrunde geladen. Während gut hundert ausgewählte Kunden und Medienvertreter ihr Forellencarpaccio verspeisten und sich anschliessend der Pouletbrust ­hingaben, sass der Nationalbankchef neben Larry Summers auf dem Podium, um ein eher unappetitliches Sujet zu erörtern: die Regulierung der Finanzmärkte. Sein Tischnachbar war nicht irgendwer. Der 56-jährige Summers gilt als einer der brillantesten Ökonomen seiner Generation: Mit 28 Jahren wurde er zu einem der jüngsten Professoren in Harvard ernannt, er war Finanzminister unter Bill Clinton und bis vor kurzem als Chef des National Economic Council der wichtigste Wirtschaftsberater von Barack Obama. Der gewiefte Netzwerker Hildebrand, der Summers schon mal zum Dinner nach Zürich einlädt, zeigte seinen ganzen Charme: «Dass ich mit Larry diskutieren darf, das ist für mich wie ein Tennismatch mit Roger ­Federer.» Die Lacher hatte er damit auf seiner Seite. Doch die Worte des Meisters dürften dem selbst ernannten Lehrling kaum gemundet haben. «Konstruktiv» nannte der Mann das neue Regelwerk, das die wichtigsten Notenbanker und Regulatoren der Welt im November unter dem Stichwort Basel III verabschiedet haben. Wenn jemand allein seine Regeln verschärfe und sich dann brüste, sein System sei sicher, wanderten die Firmen schnell in weniger regulierte Gebiete ab. Und überhaupt: Das Problem der Wirtschaft in den nächsten Jahren sei nicht ein zu hohes Risiko, sondern die grosse Risiko­aversion, welche die Wirtschaft weit unter ­ihrem Potenzial laufen lasse. Schwarzmaler. Das war ziemlich genau das Gegenteil von dem, was Hildebrand predigt, seit er vor gut einem Jahr das Präsidium der ehrwürdigen Schweizerischen Nationalbank (SNB) übernommen hat. Obwohl die Schweiz so gut wie kein anderer grosser Finanzplatz durch die Krise gekommen ist, zeichnet er das Bild einer von den Finanzmärkten bedrohten Wirtschaft, die ­unbedingt eine schärfere Regulierung und eine mächtigere Nationalbank brauche. Als bisher einziges Land der Welt hat die Schweiz auf Hildebrands Drängen in einer «Too big to ­fail»-Regierungskommission ein Kapitalregime für die Grossbanken ersonnen, das deutlich über den neuen internationalen Basel-III-Regeln liegt und die Grossbanken im globalen Wettbewerb klar benachteiligt. Schon drohen sie mit dem Wegzug ins weniger regulierte Ausland. Zwei Tage nach Bekanntgabe des neuen Schweizer «Too big to fail»-Regelwerks platzierte Hildebrand ­Anfang Oktober in der «Financial Times» einen ­Artikel, der ihn in seiner Lieblingsrolle zeigen sollte: als globalen Pionier der ­Finanzmarktregulierung. Die anderen Länder sollten doch den Schweizer Anführern folgen, lautete der Titel: «Follow the Swiss lead to avoid another Lehman». Gillian Tett, US-Chefin des lachsfarbenen Londoner Finanzblatts, die das Podium in Davos leitete, bekam dann ebenfalls den Charme des Notenbankers zu spüren, der die Kontakte zu der einflussreichen Zeitung seit Jahren pflegt. «Ich sage unseren Journalisten in der Schweiz immer, sie sollten sich Ihre Arbeit zum Vorbild ­nehmen.» Das wirkte auf das gute Dutzend Schweizer Presseverteter dann nicht mehr so bescheiden. Die Liga des Philipp Michael Hildebrand ist die Welt, doch das kommt in der Schweiz nicht mehr ganz so gut an, seit der mit 47 Jahren jüngste Chef im vergangenen Jahr mit 21 Milliarden Franken den grössten Verlust in der 104-jährigen Geschichte der Nationalbank produzierte. Die «Weltwoche» rechnete vor, dass er aufs Jahr gerechnet einen grösseren Verlust eingefahren habe als der gefallene UBS-Lenker Marcel Ospel, doch diese Form der Rehabilitation soll selbst der langjährige Bankchef als wenig hilfreich empfunden haben: Dass eine privatwirtschaftliche, gewinnmaximierende und den Zuckungen der Börse ausgelieferte Grossbank nicht mit einer öffentlichen, dem Monopol zum Gelddrucken und der Preisstabilität verpflichteten Notenbank zu vergleichen ist, lernen Ökonomiestudenten im Grundstudium. SVP-Lenker Christoph Blocher forderte dennoch Hildebrands Rücktritt, und reflexartig stimmten SP-Vertreter, vom heroischen Kampf Hildebrands gegen die Grossbanken begeistert, Verteidigungsreden an. Hummlers Rückzug. Seitdem hat jeder, von Sachkenntnis ungetrübt, seine Meinung zur Nationalbank. In dem Tohuwabohu geht fast unter, dass der einflussreichste Privatbankier des Landes, Wegelin-Partner Konrad Hummler, kurz vor Weihnachten seinen Austritt aus dem Bankrat bekanntgab, dem elfköpfigen Kontrollgremium der Nationalbank. Er begründete den Rückzug mit seiner neuen Aufgabe als Verwaltungsratspräsident der NZZ. In seinem aktuellen Anlage­kommentar kritisierte er die Ausschüttungspolitik der Nationalbank nach dem Rekordverlust jedoch scharf. Die SNB-Generalversammlung hatte noch im letzten Jahr beschlossen, die Reserven zu ­erhöhen. Jetzt wurden die Ausschüttungen jedoch wie in den letzten Jahren auf ­Antrag des Nationalbank-Direktoriums auf 2,5 Milliarden belassen und die Rückstellungen auf einige wenige hundert Millionen Franken reduziert. «Erschütternd», kritisierte Hummler, «ist die Geisteshaltung der verantwortlichen Organe, denen die Konstanz der Ausschüttung offensichtlich mehr bedeutet als die nach Notenbankgesetz vorab zu äufnende Rückstellung zum Zwecke der Stabilität des Instituts.» Da war «cher Konny», als den Hildebrand den Präsidenten der Vereinigung Schweizer Privatbankiers im Juni in Lausanne noch umgarnte, als er als Gastredner auf der Generalversammlung des Verbands auftrat, gar nicht mehr lieb. Tatsache ist: Hildebrand hat es nach einem Jahr Amtszeit geschafft, die Nationalbank mitten in die politische Arena zu führen, und einig sind sich alle, ob links oder rechts, dass sie dort nicht hingehört. «Die Nationalbank sollte nicht als Pappkamerad im Wahlkampf politischer Parteinen missbraucht werden», betont das frühere Direktoriumsmitglied Niklaus Blattner. «Sie ist jetzt Teil des Wahlkampfs, das ist nicht gut», pflichtet der Gewerkschaftsökonom und SNB-Bankrat Daniel Lampart bei. Das ist im Wahljahr 2011 besonders gefährlich: Noch muss das Parlament den Vorgaben der «Too big to fail»-Kommission Folge leisten und den im September mühsam ausgehandelten Kompromiss auch absegnen. Weil nach den Deutschen und den Franzosen jetzt auch die Engländer und die Amerikaner immer weniger Anstalten machen, ihr Regelwerk ebenfalls zu verschärfen, und die Schweizer damit als Regulierungs­turbos isoliert dastehen, ist das keineswegs sicher. Und gleichzeitig plant die National­bank unter dem sperrigen Fachwort ­«makroprudentielle Überwachung» einen Aus­bau ihrer Macht, die wohl auch einer Gesetzesänderung bedarf. Nie zuvor brauchte die SNB die Politik so wie heute. Im politischen Fokus. Doch die Ursachen für die Politisierung des eigentlich der Unabhängigkeit verpflichteten Instituts liegen tiefer. Hildebrand ist nicht nur der höchstbezahlte Notenbankchef der westlichen Welt (siehe «Grossverdiener Hildebrand» auf dieser Seite). Er ist auch der interventionistischste. Gewiss, die Aufarbeitung der Finanzkrise hat in allen westlichen Staaten die Notenbanken aus ihrem Schattendasein geholt. Doch nirgends, vielleicht mit Ausnahme von England, steht sie derart im Zentrum des ­Interesses. Und dafür ist sie selbst verantwortlich. Denn Hildebrand und seine Mitstreiter im Direktorium, Vizepräsident Thomas Jordan und der Genfer Finanzprofessor Jean-Pierre Danthine, zeigen ­eine Mischung aus Aktivismus, Panik­mache und Zuspitzung, die in der Welt der Zentralbanken einzigartig ist. Als etwa die UBS Ende 2007 den Einstieg des Staatsfonds GIC bekanntgab, rief Hildebrand sofort nach starken Regeln. Den Staatsfonds sollten «Grenzen für Beteiligungen gesetzt werden, die deutlich unter der typischen Schwelle ­einer Kontrollminderheit liegen», sagte er, damals noch Vizepräsident, bei einem Vortrag in Genf. Seine engste Verbündete im Bundesrat, die damalige Wirtschaftsministerin Doris Leuthard, übernahm flugs diese Forderung. Die Sache zerschlug sich schnell, doch schon ein Blick auf die Investitionshistorie der Staatsfonds hätte genügen müssen, um die ­Aufregung abzukühlen: Staatsfonds haben sich bei ihren Investments stets passiv ­verhalten und nur kleinere Minderheitsbeteiligungen gesucht. Als die UBS neun Monate später die staatliche Unter­stützung des Bundes annehmen musste, wären alle Beteiligten froh gewesen, wenn stattdessen ein weiterer Staatsfonds eingestiegen wäre, und bei der CS begrüsste ja auch die Nationalbank das Investment der Qatar Investment Authority. Die Panik um die Staatsfonds war unbegründet. Auch bei dem UBS-Stabilisierungsfonds zeichnete die Nationalbank stets ein düsteres Bild der Grossbank. Dass die UBS seit Beginn 2010 nicht mehr in Existenznöten stand, war offensichtlich: Die gefährlichen Positionen waren entschärft, das Kerngeschäft Vermögensverwaltung intakt, die Profitabiliät wiederhergestellt. Bankchef Oswald Grübel forderte deshalb einen Rückkauf der toxischen Papiere, um die Schmach der Staatsbeteiligung zu tilgen. Doch die Nationalbank weigerte sich und betonte in ihrem Stabilitätsbericht im Juni, eine volle Erholung der Profitabilität der Grossbanken sei «nicht wahrscheinlich» und das gelte «in besonderem Masse für die UBS». Begründungen für diese Einschätzung blieb sie schuldig. Die UBS überflügelte mit ihren Halbjahreszahlen die CS und verdiente im Gesamtjahr 2010 mehr als sieben Milliarden Franken. Mit dem Stabilisierungsfonds erzielte die SNB dagegen schöne Gewinne und polierte damit ihr desaströses Jahresresultat auf. Fakt ist: Die Nationalbank hat die wirtschaftliche Lage der UBS 2010 stets schlecher dargestellt, als sie ist, und damit sogar noch Geld verdient. Schreckensszenarien. Wie stark die neue Nationalbank­führung mit ­Panikszenarien arbeitet, zeigt auch die Debatte um ihre grösste regulatorische Leistung im ersten Amtsjahr Hildebrands. Die Nationalbank wollte mit der «Too big to fail»-Expertenkommission das Problem angehen, das seit der Existenz von Banken besteht und noch von niemandem gelöst wurde: Wie lässt sich vermeiden, dass grössere Banken in einer Existenz­krise vom Staat gerettet werden müssen? Als Grund für ihren Eifer führte die Nationalbank stets die Bilanzgrösse der Grossbanken im Vergleich zum Brutto­inlandprodukt an. Doch in den letzten drei Jahren haben UBS und CS ihre Bilanzen so stark reduziert, dass dieses Argument deutlich an Gewicht verloren hat (während die Nationalbank ihre Bilanzsumme fast verdreifachte). Hildebrand lancierte weitere Schreckensszenarien. «Die Banken müssen wieder für die Volkswirtschaft da sein und nicht umgekehrt», sagte er Ende September an einer Veranstaltung der Universität St.  Gallen und stellte damit die Schlüsselindustrie der Schweiz mit mehr als 200  000 Mitarbeitern unter Generalverdacht. Um dann fortzufahren: «Wenn das nicht gelingt, werden die Bevölkerung und die Politik rebellieren.» Rebellion? In der Schweiz? Wegen der Finanzmarktregulierung? Wie weit der Panikmodus auch bei den fatalen Entscheidungen der neuen Führung im Frühjahr 2010 eine Rolle ge­spielt hat, lässt sich schwer beurteilen, denn über die Beratungen des dreiköpfigen Direktoriums dringt nie etwas nach aussen. Tatsache ist: Die Führung, die alle Entscheide einstimmig trifft, sah sich zur grössten Devisenintervention in der Geschichte der Nationalbank veranlasst. Als Begründung nennt sie die Angst vor Deflation, ausgelöst durch die Griechenland-Krise und den damit verbundenen Niedergang des Euro. Der Kurs tendierte im Mai gegen 1.40 Franken, war also noch weit entfernt von den Tiefständen von 1.25 zum Jahresende. Wie die letzten ­Monate gezeigt haben, verbilligt ein starker Eurozerfall die Waren aus dem Euro­raum in der Schweiz jedoch deutlich weniger als angenommen: Viele Importeure senken ihre Preise einfach nicht und streichen die Differenz als Zusatzgewinn ein. Zudem betonte Hildebrand bei dem CS-Podium selbst, dass die Schweiz ein Handelsdefizit von 20 Milliarden Franken mit der EU habe, also mehr importiere als exportiere, und damit gesamthaft von der Euro­schwäche sogar profitiere. «Aber warum hat die Nationalbank dann interveniert?», raunte ein hochrangiger CS-Banker. Eine berechtigte Frage: Das Handelsdefizit ­bestand schon im Mai 2010. Fakt ist: Um im Mai eine Deflationsspirale zu sehen, die diese massive Intervention gerechtfertigt hätte, musste die SNB ein extrem negatives Wirtschaftsszenario haben. «Ich habe nie an eine Deflationsspirale geglaubt», sagt ­Ulrich Kohli, bis Ende 2009 Chefökonom der Nationalbank. «Ich habe auch nie eine Inflationsprognose gesehen, die in diese Richtung gehen würde. Die Intervention war ein gigantischer Misserfolg, die den Schweizer Steuerzahler 20 Milliarden Franken, immerhin vier Prozent des Bruttoinlandprodukts, gekostet hat.» Nationalbank-Veteranen können sich nur an ­einen vergleichbaren Fall erinnern: Als der damalige SNB-Chef Fritz Leutwiler in den siebziger Jahren die Aufwertung der D-Mark stoppen wollte. Das gelang schon damals nicht. Mit dem kleinen Franken gegen den viel grösse­ren Euro antreten zu wollen, lässt sich kaum anders als mit übermütig bezeichnen. Falsch kommuniziert. Kommt hinzu, dass die Kommunikation unglücklich war. Interventionen gelten unter Notenbanken eigentlich schon lange als wenig tauglich, doch wenn man sie schon anwendet, sollten sie überraschend und einschneidend sein. Die Nationalbank begann zögerlich und kommunizierte dann ihre zusätzlichen Käufe. So lud sie die Spekulanten geradezu ein, gegen sie zu wetten, was diese auch taten. Im Juni erklärte sie das Deflationsszenario für beendet, auch ohne nähere Begründung. Ende August malte Hildebrand dann im ­«Tages-Anzeiger» einmal mehr ein extrem düsteres – und nicht nachprüfbares – Szenario: Hätte die Nationalbank nicht interveniert, hätte die Schweiz «die Kosten in Form ­einer Deflationsspirale und einer Arbeitslosigkeit von womöglich acht Prozent zu tragen». Seitdem liess die Nationalbank zwar die Finger vom Devisengeschäft, doch durch den weiteren Absturz auf bis zu 1.25 Franken pro Euro resultierte der besagte Verlust von 21 Milliarden. Die Deflationsspirale setzte jedoch auch beim deutlich tieferen Kurs nicht ein. Hildebrand soll, so berichtete die «Weltwoche», bei seinem Jahresgespräch vor dem Bundesrat vom 10.  Dezember behauptet haben, dass der Euro «auf einen Wert von vielleicht noch 50 Rappen» (Zitat «Weltwoche») absacke. Ein Dementi der Nationalbank blieb aus. Auch wirkte der Umgang mit dem Rekordverlust wenig souverän: Vor allem die letzten beiden Tagen des Jahres 2010 hätten das Ergebnis massiv belastet, sagte Hildebrand bei einem Vortrag und begründete so, dass die Kantone ihre Ausschüttung trotzdem erhalten sollten. Beim «Too big to fail»-Problem hatte er stets betont, dass es für einen Marktwirtschaftler wie ihn nicht tolerierbar sei, dass Scheitern nicht bestraft werde. Jetzt werden die Kantone nicht für das Scheitern der Nationalbank bestraft. «Das war Willkür pur», betont ein SNB-Bankrat. «Die Nationalbank wollte die Kantone besänftigen. Denn sie halten die Mehrheit, und die Generalversammlung im April hätte sonst sehr unangenehm werden können» (siehe «Ebbe in der Kasse»). Das alles wirft die Frage auf: Ist die junge Crew in der Geldpolitik zu unerfahren? Insgesamt bringen es die drei Mitglieder auf gerade 13 Jahre Direktoriums­erfahrung – so viele hatte Hildebrands Vorgänger Jean-Pierre Roth, insgesamt 30 Jahre im Dienst der SNB, allein. Der Präsident und sein Vize sind beide 47 Jahre alt und damit die jüngste Doppelspitze der SNB-Geschichte. Der Romand Danthine hat zwar mit 61 Jahren viel Erfahrung, doch nicht in der Geldpolitik, und ist erst 14 Monate bei der SNB. Als Leiter des Swiss Finance Institute war er zuletzt in der Ausbildung tätig. Neben Roth sind auch erfahrene Geldpolitiker wie Kurt Schiltknecht, Ulrich Kohli oder Niklaus Blattner nicht mehr an Bord. Zwar haftet Hildebrand aus seinen jungen Jahren beim Hedge Fund Moore ­Capital das Image der Praxiserfahrung an, doch er hat nie wirklich Geld gemanagt. Mitte der neunziger Jahre war er am WEF mit Moore-Gründer Louis Bacon in Kontakt gekommen. Dem Amerikaner gefiel das Auftreten des polyglotten Schweizers mit dem einnehmenden Äusseren. Über seine genauen Aktivitäten bei Moore hat sich Hildebrand nie ausführlich geäussert, auch weil er der Linken bei seiner Nomination ins Nationalbankdirektorium 2003 keine Angriffsfläche bieten wollte. «Mit dem Verkauf hatte ich nichts zu tun», sagte er im Oktober 2003 der BILANZ. Ein älterer Lebenslauf weist ihn als «Leiter der Moore Capital Strategy Group» aus und schreibt ihm «die Analyse globaler Entwicklungen im Bereich der Wirtschafts-, Geld- und Fiskalpolitik» zu. Zu seinem Heimatland hielt er regen Kontakt, denn er wusste nur zu gut, dass in der national geprägten Notenbankwelt nur die Schweiz den Weg an die Spitze bot. Im April 1996 veröffentlichte er in der «Finanz und Wirtschaft» einen ganzseitigen Artikel, der den heutigen Kritiken an ihm an Aggressivität in nichts nachstand. «Die Chance zum Wandel nutzen!», lautete die Titelzeile, und im ­Untertitel hiess es zur Schweizer Währungspolitk: «Lobenswerte Zielsetzung, schlechte Strategie, dürftiges Ergebnis». Schon damals trat er als Anhänger der ­interventionistischen Schule auf, die in den USA dominiert und mit der Währung auch das Wachstum beeinflussen will – im Gegensatz zur Schweiz, deren Nationalbank traditionell primär der Geldstabilität verpflichtet ist. Um die Wirtschaft zu beleben, brauche es einen «Kurswechsel» und «effektive Anstrengungen, den stark überbewerteten Wechselkurs zu drücken». Für einen 32-Jährigen erstaunlich selbstbewusst. Das fiel auch dem heutigen Swiss-Präsidenten Bruno Gehrig auf, der im gleichen Jahr ins SNB-Direktorium einzog. Die beiden nahmen Kontakt auf. Doch zunächst blieb seine Welt Amerika. Seine Hauptaufgabe war, für den Hedge-Fonds-Manager Bacon bei den Notenbankern und Regierungsvertretern dieser Welt zu sondieren, wie sie Wirtschaft und Währungen einschätzten. Er flog um den Globus und baute sich ein riesiges Kontaktnetz auf, allerdings nur bei öffentlichen Stellen. Seine Welt war das jährliche Meeting der Notenbanker in Jackson Hole, wo er schon in jungen Jahren teilnahm. Die amerikanische Prägung stammte aus der Jugend: 1979 ging er als 16-Jähriger mit seiner Familie in die USA, wo sein Vater vier Jahre lang für IBM arbeitete. So kam er zu seinem makellosen Englisch. In der kleinen Schweizer Gemeinde in Connecticut war auch die Finanzwelt stets präsent: Mit einem gewissen Marcel Ospel, der für den Bankverein in New York arbeitete, trafen sich die Hildebrands öfter. Der Netzwerker. Im Jahr 2000 ging es in die Schweiz zurück. Er stieg bei der Bank Vontobel ein und hatte dort offiziell den Titel eines «Chief Investment Officer». Doch sein Einsatzgebiet beschränkte sich auf das Projekt der Internetbank You, die Vontobel mit viel Geld lancieren wollte. Er war weder für die Anlagestrategie der Gesamtbank zuständig, noch traf er jemals Investitionsentscheidungen für die neue Internetbank, denn diese wurde ja nie gestartet. Er führte vor allem sein Leben des rastlosen globalen Netzwerkers weiter. Das war jedoch beim Aufbau einer Schweizer Internetbank wenig gefragt. «Ich bin in New York», teilte er schon mal verdutzten Mitarbeitern mit, die ihn zu einem Meeting in Zürich erwarteten. «Der Job war mindestens zwei Stufen zu tief für sein Anspruchsniveau», betont ein langjähriger Vontobel-Mann. Mit dem Scheitern des You-Projekts war Hildebrand plötzlich weg, ohne sich zu verabschieden. Er soll eine ordentliche Spesenrechnung hinterlassen haben. Ein älterer Lebenslauf weist seine Dauer bei Vontobel von August 2000 bis Oktober 2001 aus. Tatsächlich arbeitete er dort nur sechs Monate: von September 2000 bis Februar 2001. Er verhandelte kurz bei der CS mit dem damaligen Private-Banking-Chef Oswald Grübel, doch die Sache zerschlug sich. So landete er in Genf bei der UBP, blieb aber auch hier nur kurz. Seine Bestimmung erfüllte sich, als Bruno Gehrig den Machtkampf gegen den Walliser ­Jean-Pierre Roth an der Spitze der Nationalbank verlor und die SNB verliess. Gehrig lancierte Hildebrand, und nachdem man ihm schon das Präsidium verweigert hatte, wollte man ihm nicht auch noch seinen Wunschnachfolger nehmen, obwohl es gerade in der Ökonomenfraktion Vorbehalte wegen dessen zu kleinen akademischen Rucksacks gab. Kosmopolitisch, gewiss (Toronto, Oxford, Florenz, Genf, Harvard). Doch nur Politologie, keine Ökonomie. Und nur Doktorat, keine ­Professur (wie die beiden anderen damaligen Direktionsmitglieder Roth und Blattner). Mit vierzig Jahren zog er 2003 als jüngstes Direktoriumsmitglied in die Führung der SNB ein. Als Roth dann im April 2009 seinen Rückzug bekanntgab und der Bundesrat den Vizepräsidenten Hildebrand erwar­tungsgemäss per 1.  Januar 2010 zum Nachfolger berief, hatte er sein Ziel erreicht. Der Unterschied im Auftreten konnte kaum grösser sein. Sein Vorgänger traf sich einmal im Jahr mit den Chef­redaktoren wichtiger Blätter zum Mittag­essen im Hotel Storchen in der Zürcher Innenstadt, doch Hintergrundinformationen waren ihm nie zu entlocken. Hildebrand dagegen liess sich als «Zuchtmeister der Banken» («Die Zeit») oder «Erster Diener des Staates» («Magazin» des «Tages-Anzeigers») gross porträtieren, was die traditionellen Notenbanker wenig goutierten. Von einem Diener am Allgemeinwohl, wie sich der Walliser Roth verstand – er lehnte 2009 sogar die Ernennung zum Schweizer des Jahres in der Kategorie Wirtschaft ab –, zeigte Hildebrand nur wenig. «Er vermittelte den ­Eindruck, er sei wichtiger als der Bundesrat», sagt ein ehemaliges Direktoriumsmitglied. Das überbordende Selbstbewusstsein blitzt immer wieder auf. Der damalige «NZZ»-Wirtschaftsleiter und heutige Avenir-Suisse-Chef Gerhard Schwarz ­attestierte der Nationalbank im August «Hochmut und Unbelehrbarkeit». Gegenüber Aussenstehenden bezeichnet ihr Präsident die Argumente gewisser Grossbankenvertreter schon mal als «teilweise bedauerlicherweise hohl». Als Börsenpräsident Peter Gomez bei einer Veranstaltung der Universität St.  Gallen die Frage stellte, ob die Schweizer Börse nicht unter dem erhöhten Regulierungsdruck leiden würde, kanzelte er ihn vor über 800 Zuhörern ab: «Eine seltsame Frage.» Hochmut. Dass seine Referenzgruppe die Jackson-Hole-Community ist, lässt er auch die Schweizer KMU-Szene spüren. Als er im Juni beim Swiss Economic Forum auftrat, erwähnte er sechs Mal das Financial Stability Board, in dessen Steuerausschuss er sitzt. Hier treffen sich neben den führenden Notenbankern auch die Finanzminister. Doch die wichtigen internationalen Entscheidungen fallen im Basler Ausschuss der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Und hier ist bisher niemand den Schweizern mit ihrem hohen Regulierungstempo gefolgt. Zwar wurde die Schweiz nie auf internationalem Parkett von einem derart eloquenten Nationalbankchef vertreten. Doch wozu? Am Ende betreiben die Staaten in internationalen Gremien Interessenspolitik, und da hat die Schweiz trotz Hildebrand an Boden verloren: Beim IWF droht der Verlust des Exekutivratssitzes; obwohl die Schweiz den siebtgrössten Finanzplatz der Welt hat, wird ihr eine Teilnahme an den G-20 verweigert. Hildebrand hat bemerkt, dass die zu starke Fokussierung auf seine Person der Nationalbank schadet. Er zog PR-Berater hinzu, die ihn vor einer zu starken Personalisierung warnten. So überliess er seinem Vize Thomas Jordan nach aussen die gesamte «Too big to fail»-Problematik. Jordan, als Leiter des Departements II für die Finanzstabilität veranwortlich, vertritt auch das höchst umstrittene Thema des Machtausbaus der SNB und wirbt in Bundesbern für Zustimmung. Was sich hinter dem Fachwort «makroprudentielle Steuerung» verbirgt, bedeutet für Notenbanker eine «Revolution», wie es Paul Tucker, der Vizepräsident der Bank of England, ausdrückt. Die Nationalbank, so die Argumentation, könne ihre Aufgabe der Sicherung der Finanzstabilität nur dann ausüben, wenn sie die dazu notwendigen Instrumente habe. Bisher kann die SNB etwa vor einer Immobilienblase nur warnen. Mit dem neuen Instrumentarium könnte sie in die Hypothekar­vergabe eingreifen. Doch wie kann sie genau bestimmen, ob eine Blase existiert? Können ­Beamte schlauer sein als der Markt? Bekannt sind derartige Modelle bisher nur aus autoritären Regimen: Die chinesische Notenbank etwa verdonnerte ihre Banken aus Angst vor einer Überhitzung im letzten Jahr dazu, 18,5 Prozent ihrer Einlagen nicht zu verleihen, die Geldbehörde in Hongkong erliess eine Obergrenze für Hypothekarkredite. Für den Machtausbau strebt die Nationalbank eine weitere Gesetzesänderung an, entweder des Bankengesetzes oder des Nationalbankgesetzes. Die Präsidenten von Economiesuisse und Bankiervereinigung, Gerold Bührer und Patrick Odier, haben sich dagegen ausgesprochen, in der Finma, ohnehin im SNB-Schatten, wächst der Unmut. Dass die Nationalbank nach dem Rekordverlust und der noch hängigen «Too big to fail»-Regelung zeitgleich dieses heisse Eisen anfasst, ­erscheint taktisch ungeschickt. «Die Führung ist politisch nicht so routiniert wie unter ­ihrem Vorgänger Roth», kritisiert SNB-Bankrat Lampart Hildebrand selbst nannte den Machtausbau der Nationalbank bei einem Vortrag jüngst «eine extrem moderate, pragmatische und minimalistische Lösung». Das war für einmal eine Untertreibung.
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