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Machtnetz von Martin Kall: Der schnelle Sanierer

Der Turnaround beim Verlagshaus Tamedia ist kurzfristig geschafft – vor allem über den Abbau von Personal. Jetzt wird es für den Sanierer Martin Kall bedeutend schwieriger.

Von Stefan O. Waldvogel
31.05.2005

Blitzgescheit, schnell, hart, aber doch charmant. Diese Adjektive hört man immer wieder. Martin Kall (44) war ursprünglich Volkswirt, aber er studierte auch Geschichte. Und doch ist er ein extremer Zahlenmensch. Er tut nichts ohne seine Berater, sogar kleine Projekte werden von teuren Consultants begleitet. Dabei ist sein Auftrag klar: sparen auf Teufel komm raus.

Vor drei Jahren startete Kall als Vorsitzender der Geschäftsleitung beim Medienkonzern Tamedia. An der Generalversammlung von Ende Mai 2005 konnte Kall den Aktionären erstmals direkt von der Trendwende des Konzerns berichten. Pro Anteil gibt es eine Dividende von 1.50 Franken.

Ein Trostpflaster für die Eigentümer. Beim Börsengang am 2. Oktober 2000 stieg der Kurs am ersten Tag um einen Franken auf 261 Franken. Der damalige Finanzchef Patrick Eberle sprach von einem «perfekten Pricing». Danach sauste der Kurs fast nur nach Süden. Die Besitzerfamilie Coninx kontrolliert noch immer mehr als drei Viertel der Aktien mit einem Poolvertrag. Der Finanzchef und fast die ganze übrige Geschäftsleitung aus der Zeit des Börsengangs haben inzwischen das Haus verlassen. Kalls Stellvertreter, Jürg Brauchli, ist der einzige «Übriggebliebene», offenbar wird der Einfluss des Bereichsleiters Zeitungen immer schwächer.

Seit dem absoluten Boomjahr 2000 ist praktisch alles anders. Der Betriebsgewinn sackte innerhalb von nur 24 Monaten auf ein Siebtel ab. Der Kurs halbierte sich. Ein harter Sanierer folgte auf den umgänglichen welschen Bonvivant Michel Favre. Der ehemalige Koch, Mövenpick- und American-Express-Manager war auf einer ähnlichen Wellenlänge wie Verleger Hans Heinrich Coninx. «Ich habe Freude an der Kultur und bin kein Asket», sagt der bald sechzigjährige Verwaltungsratspräsident über sich.

«Früher ging es bei den Kadertreffen oft ums gemütliche Zusammensein bei gutem Wein, heute referieren nur noch Controller», fasst einer den Kulturwandel im Hause zusammen.

Rund 66 Millionen Franken hat Kall allein 2004 beim Personal eingespart. Seinen spektakulären Abgang nach 37 Jahren als Karikaturist beim «Tages-Anzeiger» begründete Nico mit dem Kulturwandel und den Sparvorgaben. Auch der Rücktritt von «Finanz und Wirtschaft»-Chefredaktor Peter Bohnenblust nach gut 30 Jahren dürfte Kall kaum kümmern. Die Einnahmen des Börsenblattes litten in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich, es wird nun mit Hilfe von externen Beratern näher ans Mutterhaus gebunden. Dafür darf FuW-Verlagsleiter Martin Coninx, der Sohn des VR-Präsidenten, auffällig häufig im «Tages-Anzeiger» Anzeigen schalten.

Den Kampf mit der lange autonom agierenden Börsenzeitung hat Kall klar gewonnen, der damit verbundene Know-how-Verlust findet keinen Niederschlag in der Finanzbuchhaltung. Kall muss keine Rücksicht nehmen. Er sei nicht verfilzt, sagen die einen. Er habe kein Netzwerk, er sei ein Söldner, meinen die anderen.

Sein Auftrag ist klar. Er muss den Aktienkurs hochbringen, dann ist er endgültig bereit für grössere Aufgaben. Bei seinem vorherigen Arbeitgeber Ringier konnte er weder einen Aktienkurs beeinflussen noch ganz an die Spitze vordringen. Er war CEO Martin Werfeli zu ähnlich, aber er gehörte irgendwie nie zur Familie.

Die Gegensätzlichen

Auch privat gilt Martin Kall als sparsam. Er legt keinerlei Wert auf Statussymbole, das Einfamilienhaus in Zollikon ist gemietet, und auch in den Ferien wird keineswegs geprasst. Kall sei sicher kein Genussmensch, und er lässt sich auch kaum je an Branchenpartys sehen. Mit seiner Frau Anne hat er einen Sohn, die Familie ist ihm extrem wichtig. Er sei «well-balanced», sagen die Leute, die ihn privat kennen. Gleichzeitig betonen alle den grossen Gegensatz zu seiner Westschweizer Frau, die nur so vor Temperament und Spontaneität sprudelt. Er habe kaum je ein so gegensätzliches Paar gesehen, sagt ein guter Bekannter. «Er kann privat durchaus easy und witzig ironisch sein, doch seine Frau ist das Beste an ihm», sagt ein anderer durchaus Wohlgesinnter.

Seine Powerplays

Mit einem «brillanten Bluff» und herber Kriegsrhetorik schaffte Kall vor gut zwei Jahren den Einstieg bei «20 Minuten». Er engagierte im Eiltempo eine eigene Redaktion für ein Konkurrenzprodukt namens «Express», und einige Stunden bevor das erste Exemplar erschien, hatte er mit der schrittweisen Übernahme eine wichtige Schlacht gewonnen. Der Preis für das Erfolgsprodukt «20 Minuten» ist noch nicht bekannt, er hängt unter anderem vom weiteren Erfolg des Gratisblattes ab. Klar verloren hat Kall allerdings das Powerplay mit der Werbevermarkterin PubliGroupe. Drei von vier Zürcher Regionalzeitungen lehnen sich näher an die «NZZ» an, die PubliGroupe unter CEO Hans-Peter Rohner hat mit ihren diversen Beteiligungen ihre Macht clever ausgespielt. Kall musste in den Verhandlungen mit der Peitsche drohen, derweil VR-Präsident Coninx die Rolle des Netten übernahm. Und am Ende siegte die «NZZ», wo mit Beat Lauber ein ehemaliger Weggefährte bei Ringier das Regionalzeitungsgeschäft leitet. Nun muss Kall bereits den nächsten Machtkampf bestreiten. Er vertritt die Verleger in den Verhandlungen mit der Post. Bei den Gesprächen mit Post-Chef Ulrich Gygi hat er mehr Verbündete, die Grossverleger wollen einen eigenen Verteilservice aufziehen und damit die Post direkt konkurrenzieren.

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