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Machtnetz von Doris Leuthard: Die Widerspenstige

Mit der Wahl von Gewerkschafter Serge Gaillard zum Direktor für Arbeit bewies Bundesrätin Doris Leuthard viel Pragmatismus – und grossen Mut, sich wirtschaftsliberalen Hardlinern entgegenzustemmen.

Von Harald Fritschi
05.12.2006

Als Doris Leuthard am 22. November nach der Bundesratssitzung vor die Medien trat, wusste die ganze Schweiz: Mit dieser Frau ist zu rechnen. Gegen alle Widerstände aus bürgerlichen Kreisen hatte sie den Gewerkschafter Serge Gaillard auf den einflussreichen Posten des Direktors für Arbeit im Seco gehievt. Die «Neue Zürcher Zeitung» zeigte sich tags darauf «not amused», und die eigenen Parteifreunde waren konsterniert. CVP-Nationalrat Bruno Frick, der sich selbst als enger Freund von Doris Leuthard bezeichnet, hatte im Vorfeld von Gaillards Wahl lauthals erklärt, diese sei absolut «inakzeptabel».

Leuthard hat Statur bewiesen. Böse Zungen behaupten zwar, der Gewerkschaftsökonom sei vorab auf Betreiben des Seco-Chefs Jean-Daniel Gerber auf den Posten gehievt worden – als ausgewiesener Arbeitsmarktspezialist. Ansonsten sind jedoch die Linken nicht unbedingt ihre Spezi. Als Nationalrätin galt sie als Wirtschaftsliberale. Dem zurückgetretenen St. Galler CVP-Nationalrat Felix Walker sei sie recht nahe gestanden. Walker war in der Partei einer der neoliberalen Hardliner.

Ein offenes Geheimnis sind ihre speziellen Beziehungen zu Wirtschaftsgrössen – insbesondere im Kanton Aargau. Peter Wanner, Medienmogul aus Baden und Besitzer der AZ Medien, sass bis zu Doris Leuthards Wahl in die Schweizer Landesregierung im Verwaltungsrat der Neuen Aargauer Bank (NAB), einer Tochter der Credit Suisse. Auch zu Wolfgang Cach, Finanzchef der Franke Holding, pflegte Leuthard via NAB exzellente Beziehungen. Die Nationalrätin aus dem Energiekanton sass zudem im Verwaltungsrat des Stromkonzerns EGL – zusammen mit Heinz Karrer, dem Chef der Ostschweizer Axpo.

Beobachter der Berner Politszene attestieren Doris Leuthard ein rundum abgesichertes, aber nach aussen offenes Beziehungsnetz. Als einer ihrer engsten Vertrauten und Coach in allen politischen Lebenslagen gilt CVP-Generalsekretär Reto Nause, der ihr («Duschen mit Doris») schon früh zu Popularität verholfen hatte. Ständerat Urs Schwaller wiederum sichert Leuthards Umfeld nach zwei Seiten ab. Als Fraktionschef hält er die CVP-Parlamentarier auf Kurs – was immer dies bei der Mittepartei auch heissen mag. Und als Freiburger bildet er für Leuthard gemeinsam mit Präsident Christophe Darbelley, der zuweilen etwas zurückgebunden werden muss, die Schnittstelle zur Romandie.

Gute Beziehungen werden Doris Leuthard auch zum Zuger Nationalrat und Bildungspolitiker Gerhard Pfister nachgesagt. Als Hüterin der Berufsbildung und der Fachhochschulen dürften ihr seine Ratschläge hoch willkommen sein. Sie selbst fühlte sich zu diesem Metier nie speziell hingezogen.

Die Magistratin

Die nette Magistratin kann gehörig austeilen. Am Kongress des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes im November hat sie als Vertreterin des Bundesrats den Genossen die Leviten gelesen. Sie habe kein Verständnis, schrieb sie den Gewerkschaftern ins Stammbuch, wenn Einzelnen unter ihnen in jüngster Zeit die Worte «Streik» und «Kampfmassnahmen» immer leichter über die Lippen gingen. Solchermassen herausgefordert, stellte Gewerkschaftspräsident Paul Rechsteiner wiederum die Bundesrätin in den Senkel. Er erinnerte sie daran, dass der Streik ein von der Bundesverfassung garantiertes Recht sei. Weniger Mühe dürfte Leuthard mit der Wirtschaft haben. Gerold Bührer sagt, dass er sehr gut mit ihr zusammenarbeiten könne. Der neue Präsident des Wirtschaftsdachverbandes Economiesuisse kennt sie aus der nationalrätlichen Wirtschaftskommission (WAK). Er dürfte bei Leuthard offene Türen vorfinden. Auf Streicheleinheiten aus sind gewiss auch die Bauern, schliesslich obliegt Leuthard das Agrardossier. Doch Hansjörg Walter hat da seine Zweifel. Für den Präsidenten des Bauernverbands hat sich Doris Leuthard jüngst zu konsumentenfreundlich positioniert. Es allen recht zu machen, diese Zeiten sind für Strahlefrau Leuthard vorbei.

Doris Leuthard und die Frauen

Im Verwaltungsrat der Neuen Aargauer Bank war Doris Leuthard die einzige Frau, bei der Elektrizitätsgesellschaft Laufenburg auch. Daraus die Schlussfolgerung zu ziehen, sie habe ein problematisches Verhältnis zu ihren Geschlechtsgenossinnen, wäre verwegen. Bei der Abwahl von Ruth Metzler jedenfalls hat sie sich nicht mit Ruhm bedeckt. Aber sie war nicht die Einzige mit Ambitionen. Auch ihre Parteikollegin Lucrezia Meier-Schatz hatte sich damals Chancen auf einen Bundesratssitz ausgerechnet. Es hat nicht geklappt, dafür wurde sie jetzt Leuthards Nachfolgerin als Präsidentin von Fastenopfer. Ein gutes Verhältnis pflegt Doris Leuthard zu Ida Glanzmann-Hunkeler. Die im September nachgerückte Luzerner Nationalrätin ist Präsidentin der CVP-Frauen.

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