Alles hat vor knapp zwanzig Jahren begonnen: Der Basler Hannes Gassert (37) war nach Fribourg gegangen, um Informatik zu studieren. Dort lernte er den Holzingenieur Gerhard Andrey (43) kennen, «den Mann mit dem schnellsten Internetanschluss in ganz Fribourg», wie sich Gassert erinnert.

Gemeinsam mieteten die beiden ein Stockwerk einer ehemaligen Fabrik und gründeten ein erstes Unternehmen, aus dem 2007 dann Liip wurde. Heute erwirtschaftet die Webagentur einen Umsatz von 18,3 Millionen Franken und zählt 182 Mitarbeitende in Fribourg, Bern, Lausanne, Zürich und St. Gallen.

Jetzt wollen die beiden in den Nationalrat: Andrey für die Grünen im Kanton Fribourg, Gassert für die SP im Kanton Zürich, wo er heute wohnt. Zwei Unternehmer aus dem gleichen Unternehmen kandidieren für zwei Parteien in zwei Kantonen: Das dürfte eine Schweizer Premiere sein – und ist ganz sicher eine Antwort auf die nicht enden wollenden Klagen über zu wenig Unternehmer im nationalen Parlament. Doch entgegen der Tradition kandidieren die beiden Unternehmer nicht für bürgerliche, sondern für linke Parteien.

Vaterschaftsurlaub von vier Wochen

Für Andrey ist das kein Widerspruch: Er und Gassert verstehen sich als Vertreter eines «neuen, anderen, sozialen Unternehmertums», wie sie betonen. Ein Unternehmertum, das viele politische Dauerbrenner schon vor Jahren umgesetzt hat – wie etwa einen Vaterschaftsurlaub von vier Wochen, flexible, selbstgesteuerte Arbeitszeitmodelle, Mitarbeitermitbestimmung dank Selbstorganisation (Holacracy) und eine Lohnschere von nur 1 zu 2,5. Der Gewinn wird allen Mitarbeitenden ausgeschüttet – als 14. oder gar 15. Monatslohn. Liip sei mehr als eine Firma, es sei auch ein «kleines soziales Experiment», sagt Gassert.

Digitales Wissen ins Parlament bringen

Andrey und Gassert sehen sich aber nicht nur als Promotoren einer neuen Unternehmergeneration, sie wollen vor allem auch das «digitale Wissen» im nationalen Parlament aufwerten, verorten doch beide hier eine «Unterversorgung». Andrey ist noch immer entsetzt, wenn er an die politischen Debatten zu den staatlichen Überwachungsideen im Nachrichtendienstgesetz oder zu den Netzsperren beim Casino-Gesetz denkt.

«Es wäre schon gut, wenn ein bisschen mehr Politiker wüssten, wie das Internet überhaupt funktioniert.» Das Gleiche gelte für die Verwaltung: Die leider immer wieder auftretende Gleichung «Bund plus IT gleich Skandal» sei bedenklich, ergänzt Gassert. Die Verwaltung und der Service public müssten modernisiert werden.

Wobei sich Gerhard Andrey und Hannes Gassert nicht nur für die technischen, sondern insbesondere für die gesellschaftlichen Fragen interessieren, die sich aus der fortschreitenden Digitalisierung ergeben. Die Wahrscheinlichkeit, dass die beiden den Sprung ins nationale Parlament schaffen, ist unterschiedlich. Gasserts Wahlchancen seien «eher noch klein», wie er selber einräumt. Andrey hingegen könnte im Oktober gewählt werden. Als erster Grüner überhaupt aus dem Kanton Fribourg.

«Dieser Text erschien in der August-Ausgabe 08/2019 der BILANZ.»

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