Guten Tag,
Die Themen der Woche: WEF-Kampf, KKS-Kante, Hardliner Walter, Polit-Aktie UBS.
Bilanz Briefing Dirk Schütz Bilanz Briefing
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Der bestenfalls skurrile Schweiz-Besuch des Disruptors-in-Chief liegt mehr als eine Woche hinter uns, und es drängt sich der Verdacht auf: Auch bei höchst respektierten heimischen Würdenträgern hat er Spuren von Post-Faktizismus hinterlassen.
Da ist zum Beispiel André Hoffmann, Sidekick des Blackrock-Patriarchen Larry Fink auf dem nur formal geteilten WEF-Interims-Thron. Die Gralshüter der globalen Wirtschaftspublizistik, Financial Times und Wall Street Journal, vermelden einträchtig, dass EZB-Chefin Christine Lagarde bei einem Abendessen die rüde Amerika-First Rede des US-Handelsministers Lutnik mit dem Verlassen des Saals quittiert habe. Die Financial Times zitiert Lagarde sogar mit einem Zitat vom Folge-Abend: «Ich verspreche, dass ich dieses Mal nicht den Raum verlassen werde.» Doch Hoffman hält dagegen. «Das stimmt nicht», sagte er der NZZ am Sonntag, Lagarde sei «bis zum Schluss geblieben.» Vielleicht liegt die Wahrheit in der Mitte: Lagarde ist aus Protest aufgestanden, kam dann aber zurück. Hätte Hoffmann dann aber sagen können.
Mit seiner Watte-Politik nützt der Roche-Erbe dem WEF nicht. Denn es geht ein veritabler Riss durch die Organisation, verkörpert durch die Antipoden Lagarde und Fink. Der Amerikaner hat sichtlich Gefallen an dem Posten gefunden. Die Französin würde ihn auch gern übernehmen, und sie hat sich darauf bereits mit dem Gründer Klaus Schwab geeinigt. «Der Gründer bestimmt selbst seine Nachfolge», heisst es in den heute noch gültigen WEF-Statuten. Doch Fink und die Schlüsselspieler in dem überdimensioniertem Stiftungsrat bestreiten dieses Recht und haben sich für diese Sichtweise bei Bär&Karrer anwaltlichen Beistand geholt, wie wir unser heute erscheinenden Ausgabe berichten. Die Wahl zwischen Lagarde und Fink bedeutet eine zentrale Weichenstellung: Multilateralismus gegen Amerikanisierung, Werte gegen Dealmaking, Davos gegen einen anderen Standort. Hoffmann tritt gern als Nachhaltigkeits-Apostel mit klarem moralischem Kompass auf. Höchste Zeit, dass er für seine Werte eintritt und sich offen für Lagarde ausspricht. Sonst wendet sie sich ab und überlässt das WEF den Amerikanern – zum Schaden von Davos und Europa. Kante bitte, Monsieur Hoffmann!
Und ebenfalls mit postfaktischen Tendenzen unterwegs: Finanzministerin Karin Keller-Sutter. Eigentlich lief das WEF gut für sie: Die Nahbetrachtung von Trumps wilden Gedankenwelten und seiner tumben Beleidigungen des Gastgeberlands tauchte ihren Widerstand gegen den Don vom legendären Sommer-Telefonat plötzlich in ein wärmeres Licht. Weil sie sich zudem geschickt zurückhielt, kam der Eindruck kam auf: Sie hatte verstanden.
Und dann das: Ein Interview in der F+W, gewährt am Ende des WEF, das wieder die alte KKS zeigt: Unnachgiebig, kompromissfrei – und mit einigen faktisch eher zweifelhaften Aussagen zum Kernpunkt der UBS-Regulierung, ihrer Forderung nach einer 100-prozentigen Unterlegung der Auslandstöchter mit hartem Eigenkapital. «Es gibt keine Front gegen diese Massnahme», behauptet die FDP-Bundesrätin etwa. Nun: 17 Kantone sprechen sich aus Sorge um die Wettbewerbsfähigkeit explizit gegen die Verschärfung im KKS-Modus aus, genauso wie beide Wirtschaftskommissionen im Parlament, ihre eigene Partei mit Patriarch Kaspar Villiger und der Grossteil der Verbandsschweiz von Economiesuisse bis Arbeitgeberverband. Könnte man schon als Front bezeichnen. «UBS hat schon jetzt genug Eigenkapital», behauptet sie und nennt als Beleg «eine erhebliche Ausschüttungsreserve von über 14 Milliarden Dollar.» Jedoch: Es handelt sich nur um eine temporäre Reserve, vor allem zur Dividendenzahlung, sie lässt sich nicht nachhaltig zum Eigenkapital zählen. Die Schweiz sei «ein Sonderfall, weil das Auslandsgeschäft von UBS deutlich grösser ist als ihr Heimmarkt». Nun: Das gilt auch für Unicredit in Italien oder Santander in Spanien in ähnlicher Dimension, um nur zwei Beispiele zu nennen, doch sie müssen ihre Auslandstöchter nicht mit 100 Prozent Kapital unterlegen – auch die britische HSBC nicht, ebenfalls mit sehr grossem Auslandsgeschäft, auch wenn Keller-Sutter behauptet, «andere Finanzplätze wie Grossbritannien verlangen von ihren Grossbanken grundsätzlich längst eine 100%ige Unterlegung der Auslandstöchter». Stimmt nicht nur bei HSBC eben auch nicht.
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Wohlgemerkt: Es war KKS, die das Geschäft ins Parlament weiter reichte und damit die Tür öffnete für den typischen Schweizer Findungsprozess, bei dem sich beide Seiten bewegen. Dass sie jetzt dennoch bei harter Kante bleibt, wirkt inhaltlich wenig überzeugend. Und taktisch nur bedingt geschickt. Denn das letzte Wort hat das Parlament.
Wie sehr sich die Lage unschweizerisch verhärtet hat, zeigt ihr Wegbegleiter im Kampf gegen die UBS: Finma-Chef Stefan Walter. Wie wir ebenfalls in unserer neuen Ausgabe aufzeigen, gibt auch er keinen Millimeter preis. So behauptet er etwa, die Schweiz habe ein «negatives Swiss Finish», obwohl die Schweiz schon jetzt die weltweit höchsten Kapitalanforderungen an ihre letzte Grossbank stellt, trotz vergleichsweise risikoarmem Geschäftsmodell. Die Aussage beziehe sich «auf die Befugnisse der Finma im Vergleich zu den anderen grossen Aufsichtsbehörden, nicht nur auf die Eigenkapitalvorschriften», rechtfertigt sich die Finma auf Nachfrage.
Jedoch: Bislang definierten alle Stellen das Swiss Finish über die messbare Kapitalfrage, orientiert an den Vorgaben des Basler Ausschusses für Bankenstabilität, der die globalen Kapitalstandards festlegt und dem Walter einst als Sekretär diente. Jetzt führt der Finma-Chef eine eigene Definition ein, mit Kriterien, die er erst auf Nachfrage benennt und die jede Jurisdiktion anders handhabt – und stellt die Schweiz als Finanzplatz mit zu laxen Vorschriften dar. Härteste Bandagen.
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Die geballte Gegenwehr von Kantonen und bürgerlichen Parteien bis zur GLP lassen Walter da so stark im Gegenwind stehen wie noch nie in seiner fast zweijährigen Amtszeit. Dass er zudem die Finma zu einer überbürokratisierten Mini-EZB umzubauen scheint, führt besonders bei kleinen Banken zu grossem Unmut. Der neue Stossruf vieler Bankchefs: Mein Gott, Walter…
Und was sagt die UBS zu all dem? Es ist fast ein Dilemma: Der Markt wettet bereits gegen die scharfe KKS-Kante und preist positiv ein, das bis zur Hälfte des zusätzlichen Kapitals nicht aus harten Eigenmitteln, sondern aus Hybrid-Elementen wie AT1-Anleihen oder Bail-in-Bonds stammen könnten (das ist auch die Forderung von Keller-Sutters FDP). Doch solange die Lösung nicht definitiv ist, bleibt der UBS-Titel eine politische Aktie mit entsprechend heftigem Schwankungspotential abseits der Marktkräfte.
Nächsten Mittwoch präsentiert UBS-Chef Ermotti seine Jahresbilanz, es wird wieder mit guten Zahlen gerechnet. Doch die Regulierung wird wieder die Debatte beherrschen. Wie schreiben es doch die neutralen Bankenberater von Alvarez & Marsal in nüchternem Consulting-Speak: Die USA und Grossbritannien setzten auf Deregulierung, «die Schweiz geht in die gegenteilige Richtung». Muss man sich leisten können.
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