Mao hätte sich im Grab umgedreht. Die Vernissagengäste der neuen Shanghaier Kunstmesse «ShContemporary», die an einem warmen Septemberabend nach den Topshots der Gegenwartskunst Ausschau hielten, taten dies ausgerechnet in einem Palast, den Stalin in den vierziger Jahren Mao als Geschenk errichten liess. Handel von Kunst gegen Bares und bourgeoiser Distinktionsgewinn im monumentalen Kommunistenpalast im Zuckerbäckerstil: Pierre Huber und Lorenzo Rudolf, die beiden Schweizer Gründer der ersten internationalen Kunstmesse in Shanghai, hätten keine anachronistischere Bühne finden können.

Um vom schnellen Wachstum in Asien zu profitieren und der boomenden asiatischen Kunstproduktion eine eigene Plattform zu geben, haben die zwei Schweizer im September in der Zwanzigmillionenstadt eine ambitionierte Kunstmesse mit internationaler Beteiligung aus der Taufe gehoben. 120 Galerien, die Hälfte davon aus China, Japan, Südkorea, Indien, Indonesien, Singapur, Taiwan und Thailand, waren gekommen, um zu beweisen, dass es im Kunstmarkt derzeit tektonische Verschiebungen gibt: Asien macht dem amerikanisch-europäischen Kunstmarkt das Monopol streitig. «Ich bin fest davon überzeugt, dass der Kunstmarkt zurzeit einen historischen Moment erlebt», sagt Pierre Huber. «Wir sehen neue Sammler, und sie kommen aus China.» Von der «Energie des chinesisches Kunstmarktes» schreibt die «Financial Times», vom «asiatischen Fieber im Stalin-Tempel» spricht die «Frankfurter Allgemeine Zeitung».

Bei elf Prozent Wirtschaftswachstum in China hat sich hier eine neue reiche Schicht etabliert, die Kunst vor allem als Investitionsvehikel entdeckt hat. Die Anzahl betuchter Chinesen wächst, und es ist diese neureiche Schicht, die auf dem Radar von Auktionshäusern und Galerien und nun auch der neu gegründeten Kunstmesse steht. Die Preise an den Auktionen haben sich innert zwei Jahren fast verzehnfacht. Eine Art Goldgräberstimmung lockt auch westliche Galerien nach Shanghai. Aus der Schweiz kamen etwa de Pury & Luxembourg, Avanthay, Arndt & Partner, Nicola von Senger. Der Galerist und Sammler Iwan Wirth von Hauser & Wirth spähte die Messe vorsorglich als Besucher aus.

Im Markt mit der chinesischen Kunst zeichnet sich tatsächlich ein Strukturwandel ab. Chinesische Künstler der Nach-1989er-Generation machen Damien Hirst und Jeff Koons in den Kunst-Charts den Platz streitig. Megastars wie Geng Jianyi, Yue Minjun und Fang Lijun, deren grinsende Gesichter auf Leinwänden dem Zynismus der Intellektuellen Ausdruck verleihen, die sich nach der Studentenrevolution im Jahr 1989 ihrer Ideale beraubt sahen, werden zu Millionenpreisen gehandelt, ebenso wie Wang Guangyis Polit-Pop-Bilder. Die Top-100-Liste des Informationsdienstes Artprice.com listete letztes Jahr 25 Chinesen unter den 100 teuersten Künstlern auf – vor wenigen Jahren noch war darunter kein einziger zu finden.

Die neue Messe bringt jetzt aber auch eine im Westen bisher weniger sichtbare Künstlergeneration ans Licht, die konzeptueller arbeitet, sich von politischen Reflexen gelöst hat und chinesische Befindlichkeit in eine internationale Ästhetik zu verpacken weiss. Das gilt für Liu Wei, der aus Tierhaut monumentale Gebäude wie das Pentagon und das Weisse Haus zu prekären, hautfarbenen Häusern im Puppenhausformat umformt (140 000 Euro), oder Xin Dong Cheng, der die schwindelerregend rasche Urbanisierung mit transparenten, von Pfeilen durchbohrten Wolkenkratzern aus Kunststoff thematisiert (80 000 Dollar).

Die Frischblutzufuhr wird honoriert. Galeristen erzählen, wie vor allem Auslandchinesen mit Papiertaschen und Kartonschachteln voller Renminbi, chinesischer Banknoten, ankamen, ihre Familien mitschleppten und nach einigem Hin und Her zugriffen. Topgalerien in westlicher Hand, die in Beijing und Shanghai Pionierarbeit leisteten – ShanghArt von Lorenz Helbling, Alexander Ochs, Continua und Urs Meile –, berichten über gute Verkäufe an Chinesen. «Viele sind noch eher Käufer als Sammler», räumt Urs Meile zwar ein. «Sie sehen Kunst als Investment. Da muss man aufpassen, dass man nicht zum Durchlauferhitzer für die nächste Auktion wird.» Alexander Ochs hingegen, der seine Werke ausschliesslich an Chinesen verkauft hat, beobachtet ein erstarktes genuines Interesse an der Kunst bei den Chinesen zwischen 30 und 50. «Die, die jetzt kaufen, haben in den neunziger Jahren Firmen gegründet und Geld verdient. Sie haben 50 Stunden pro Woche gearbeitet und kommen jetzt dazu, sich der Sinnstiftung und der Reflexion zu widmen.»

Damit erwächst den westlichen Sammlern – darunter Chinakunst-Pioniere und -Sammler wie Ringier-Verwaltungsrat und China-Kenner Uli Sigg und der belgische Unternehmer und Weight-Watchers-Besitzer Guy Ullens – ernsthafte Konkurrenz in China. Paradebeispiel ist etwa der 45-jährige Immobilienentwickler Dai Zhikang, ein Ex-Aktienbroker, der im Boomviertel Pudong seine Immobilien und ein Hotel mit Kunst verschönert und ein eigenes Museum betreibt. Als «Tastemaker» in Ost und West gilt Guan Yi (42), ehemaliger Werbeunternehmer und Sohn eines Chemieindustriellen. Seit 2001 kauft er ganze Ausstellungen auf, unterhält für seine Kunst sechs Lager in Beijing sowie eine 1500 Quadratmeter grosse Ausstellungshalle und empfängt Delegationen des Museum of Modern Art in New York und des Centre Pompidou in Paris. Er sammelt – eine Ausnahmeerscheinung für den sonst eher konservativen Geschmack chinesischer Sammler – raumfüllende Installationen wie Huang Yong Pings «Bat Projects», eine Replika von US-Spionageflugzeugen, die das chinesische Militär im Jahr 2001 gegroundet hat. Guan Yi zeigt dem Vernehmen nach Interesse daran, chinesische Kunst aus westlicher Hand zurückzukaufen. «Ich finde, Chinesen sollten nicht das Land verlassen müssen, wenn sie zeitgenössische Kunst sehen wollen», sagt er.

Dem Boom zum Trotz steckt das chinesische Kunstsystem noch immer in den Kinderschuhen. Zwar mangelt es nicht am Angebot: Allein an der Zentralakademie von Beijing melden sich jährlich 17 000 potenzielle Künstler an – ein Drittel davon wird akzeptiert. Künstler ist ein Traumberuf. In neuen Galerienvierteln in Shanghai und Beijing vermehren sich die Galerien wie die Pilze, und die chinesische «Vogue» erhebt Künstler wie Zhang Enli (in der Schweiz von der Galerie Hauser & Wirth vertreten) in den Stand glamouröser Stars.

Dennoch ist die Infrastruktur, die jedes Kunstsystem trägt, mangelhaft: Es fehlt an einer etablierten Museumsstruktur, an wegweisenden Ausstellungen, an Kuratoren und deshalb auch an Kriterien, nach denen die Qualität von Kunst beurteilt wird. Das Vakuum haben bisher Auktionshäuser gefüllt, etwa chinesische wie Poly International Auction (seit 2005) und natürlich Christie’s und Sotheby’s. Beide haben bereits 1994 Zweigstellen in Shanghai eröffnet, nach Beijing kam Christie’s 1996, Sotheby’s im letzten Frühjahr. Die zwei Auktionsgiganten verkauften dieses Jahr asiatische Kunst, vor allem chinesische, im Wert von 190 Millionen Dollar, was einer Verachtfachung in zwei Jahren entspricht.

Im Gegensatz zu westlichen Gepflogenheiten kaufen chinesische Auktionshäuser oft direkt in Künstlerateliers. Damit pervertieren sie das Kunstsystem, das gewöhnlich in einen Primär- und einen Sekundärmarkt aufgeteilt ist. Selbst grosse Sammler, so Huber, beträten kaum einmal eine Galerie und kauften fast ausschliesslich in Auktionshäusern. «In Hongkong inszenieren sie Auktionen wie Museumshows. Die Sammler gehen zur Auktion wie ins Museum oder gar wie ins Casino.» Huber erzählt, wie eine chinesische Sammlerin ihn am Eröffnungsabend der Messe gefragt habe, ob es Zeit sei, zu kaufen oder zu verkaufen. «Ich riet ihr, sofort zu kaufen. Sofort! Andernfalls sehe sie das Werk auf einer Auktion wieder, zum drei- bis vierfachen Preis.» Noch beherrscht eine Casino-Mentalität die Kunstwelt. «Die Medien feiern Künstler wie Stars, aber das Publikum versteht ihre Kunst nicht. Sie investieren in Malerei, und jeder weiss um die Preise, aber keiner, warum die Kunst dahinter wichtig ist», meint Guan Yi.

Auch der westliche Einfluss, der sich mangels heimischer Institutionen breitgemacht hat, treibt seine Blüten. In Insiderkreisen heisst es, Künstler reproduzierten ihre eigenen Werke und bedienten damit einen Markt, der Kunst nach westlichen Kriterien beurteilt. Das Resultat sind vorfabrizierte Symbolismen, grinsende Gesichter, Mao-Variationen, Kunstwerke im Fahrwasser der Nach-1989er-Generation.

Doch jetzt macht eine neue Generation – Huber nennt sie maliziös die «Nach-Sigg-Generation» – von sich reden, die mit neuen Medien experimentiert und Themen wie die Globalisierung und die Turbo-Urbanisierung in einer internationalen Sprache zum Ausdruck bringt.

Museumsneugründungen treiben den Strukturwandel auf dem chinesischen Kunstmarkt weiter voran: Soeben haben das Ullens Centre of Contemporary Art in Beijing und das Poly Art Museum des gleichnamigen Auktionshauses geöffnet. Auch die Messe «ShContemporary» soll, wenn es nach dem Wunsch ihrer Schweizer Veranstalter geht, Käufer und Investoren zu echten Sammlern umerziehen. Pierre Huber ist optimistisch – auch was seine eigenen Ambitionen angeht. In fünf Jahren, prophezeit er, werde seine Messe zusammen mit der «Art Basel» die Nummer eins sein.

Schreiben Sie uns Ihre Meinung zu diesem Artikel.

Anzeige
Anzeige