Es gibt wohl keine Firma im Land, bei der die Chauffeure so wichtig waren wie bei Raiffeisen. Die Zentrale St. Gallen liegt eher am Rande glo­baler Finanzströme, und die weit verzweigte Bankengruppe gebietet über 246 eigenständige Institute, die von Zeit zu Zeit den Besuch des Chefs erwarten – und oft nicht wirklich am Weg liegen.

Zwei fest angestellte Chauffeure zählte Raiffeisen bislang, dazu konnte die Geschäftsleitung auf zwei weitere Mitarbeiter aus dem Facility Management für Fahrdienstleistungen zurückgreifen. Der ge­fallene Bankgrande Pierin Vincenz hatte seinen Audi A8 zum mobilen Büro umfunktioniert und durchmass die Schweiz bis tief in die Nacht, offenbar mit nicht immer jugendfreien Orten als Ziel. Auch sein Nachfolger Patrik Gisel spulte 80 000 Kilometer mit seinem Chauffeur ab – allerdings nicht mit dem gleichen wie Vincenz. Er war vor allem tagsüber unterwegs.

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Lachappelle fährt selbst

Guy Lachappelle fährt mit dem Zug – oder setzt sich ans eigene Steuer. Als eine seiner ersten Amtshandlungen schaffte der neue Raiffeisen-Präsident die Chauffeure ab. Mehr als 50 Raiffeisenbanken hat der neue starke Mann im Raiffeisen-Reich bereits besucht, viele davon selbst am Steuer. «Wenig effizient», spotten schon die ersten Kritiker aus der Zentrale, schliesslich lasse sich im abgedunkelten Fonds der hochtourigen Limousine bestens telefonieren oder ein Meeting vor­bereiten. Doch Lachappelle lässt sich nicht beirren. Bis Ende Jahr will er alle 246 Banken einzeln besucht haben – ohne Chauffeur. Die Botschaft: Ich zeige mich, ich höre zu – und ich fahre selbst.

Symbolik spielt eine grosse Rolle in ­diesen Tagen. Seit dem 11. November steht der 57-jährige Basler an der Spitze der skandalgeschüttelten Bankengruppe, und nicht nur die Medien, sondern auch die 11 000 Mitarbeiter beäugen tiefenscharf die ersten Schritte des neuen starken Mannes, dessen Kür so überraschend kam. Wie hart tritt er auf? Wer sind die Gewinner und Verlierer? Wie scharf distanziert er sich von seinen Vorgängern? Dabei lassen sich für Lachappelles Mission durchaus geschichtliche Dimensionen bemühen: Wie bewältigt man den grössten Reputationsskandal der jüngeren Schweizer Wirtschaftshistorie?

Gut vernetzt

Als Raiffeisen-Präsident muss Guy Lachappelle zeigen, dass er auch auf nationaler Bühne reüssieren kann. Wer sind dabei seine Mitstreiter, wer seine Gegner? Das Machtnetz des Raiffeisen-Präsidenten lesen Sie hier.

Doch dass es sich eben vor allem um einen Reputationsskandal handelt, macht die Ausgangslage so speziell. Operativ ist die Raiffeisen Gruppe stark unterwegs, das Vincenz-Desaster hinterlässt in den Zahlen erstaunlich wenig Spuren: 550 Millionen Franken Gewinn, Hypothekenbestand (180 Milliarden) und Kundeneinlagen (166 Milliarden) über Vorjahr. Das UBS-Drama kostete mehr als 60 Milliarden und führte zu massiven Geldabflüssen, das Raiffeisen-Drama ist dagegen aus Zahlensicht ein Non-Event. Eben das macht die Aufgabe des Neuen so schwierig: Härte zeigen, Kulturwandel durchpeitschen, die konträren Ansprüche von Mitgliedsbanken und Regulator ausbalancieren – alles im Namen des so schwammigen Begriffs Reputation.

Mediale Grosswildjäger

Eine grosse Aufgabe für einen Mann, der bislang als Basler Regionalbanker unterwegs war und sich mit seiner Nominierung plötzlich mitten in der nationalen Raiff­eisen-Hysterie wiederfand – falsche Ver­dächtigungen und Fehlinformationen aus ­seinem Privatleben inklusive. Doch ­gleichzeitig zeigte Lachappelle, dass auch er das Spiel der Macht beherrscht: Mit seiner Hauruck-Rückstellung von 300 Millionen Ende Januar und der Ankündigung von Regressforderungen an Vincenz und eventuell sogar Gisel agierte der Bankpräsident wie ein amerikanischer Staranwalt: Erst mal Maximalforderung stellen. Dass diese kaum durchzusetzen ist, weiss der Jurist nur zu gut. Doch das Terrain ist ­markiert, und der Boulevard applaudiert. Tenor: Ein Mann räumt auf.

Blick Schlagzeile

Ein Mann räumt auf: Lachappelle verkündet 300 Millionen Rückstellungen – und will die Vorgänger auch finanziell zur Verantwortung ziehen. Doch die Chancen sind gering.

Quelle: Blick

Wie stark es vor allem um Symbolik geht, zeigt die Rekonstruktion der Monate seit seiner Kandidatenkür Mitte September. Zunächst war er Opfer. Er hatte von sich aus Interesse signalisiert am Raiff­eisen-Präsidium, den Headhunter Guido Schilling kannte er von eigenen Aufträgen. In Basel hatte er alles gesehen: Aufgewachsen als Sohn eines Wirteehepaars, hatte er es nach Jurastudium und Stationen bei Credit Suisse und Bank Cial an die Spitze der Basler Kantonalbank (BKB) gebracht. Als Piccolo flötete er in der Fasnachts­clique der Revoluzzer, bei der der lang­jährige UBS-Chef Marcel Ospel die Trommler dirigiert und auch Baloise-Präsident Andreas Burckhardt dabei ist. Mehr Basel geht nicht. Doch nach zwei Strategierunden an der BKB-Spitze reizte ihn die Aufgabe als Präsident einer nationalen Bankengruppe.

Es war ein Sprung mitten ins Visier der medialen Grosswildjäger. Sofort nach der Ernennung erschienen Artikel über seine angebliche Verstrickung in den Betrugsfall der ASE, der 2012 aufgeflogen war. Die ­Aargauer Anlagefirma hatte ein Schneeballsystem aufgebaut, bei dem die BKB als Depotbank fungierte, und die Bewältigung des Skandals fiel direkt in Lachappelles Amtszeit – er hatte den Job als BKB-Chef überhaupt erst bekommen, weil sein Vorgänger Hans Rudolf Matter wegen des Skandals zurückgetreten war. Aufgrund seiner Vergangenheit sei Lachappelle als Raiffeisen-Präsident «unwählbar», urteilte der «Tages-Anzeiger». Motto: Bei Raiffeisen sind alle Banker Bankster.

Pierin Vincenz und Patrik Gisel

Die Vorgänger: Die Machenschaften des langjährigen Bankchefs Pierin Vincenz bei Raiffeisen beschäftigen die Staatsanwaltschaft, sein Nachfolger Patrik Gisel wurde in den Strudel gezogen.

Quelle: KellenbergerKaminski / Mario Heller

Vorwürfe entpuppten sich als substanzfrei

Einen Tag vor der Wahl vom 11. November berichtete «Inside Paradeplatz» dann über die «amourösen Spuren» des Kan­didaten und attestierte «Fragezeichen zum Charakter». Motto: Bei Raiffeisen treibt es auch der Neue wild. Von der Story blieb aber nicht mehr übrig, als dass die eine amouröse Spur seine erste Frau war, mit der er zwei ­Töchter hat, und die zweite seine heutige Frau, mit der er eine Tochter hat.

Und auch die ASE-Vorwürfe entpuppten sich als substanzfrei. Im Gegenteil: Es war seine Rolle bei der Aufklärung des Skandals, die Lachappelle überhaupt erst für den Raiffeisen-Job prädestinierte. Denn weitgehend unter dem Radar der natio­nalen Medienszene hatte Lachappelle in seiner Zeit als BKB-Chef mit drei Enforcement-Verfahren der Finma zu kämpfen: Dem ASE-Skandal, der Manipulation des Partizipationsscheins und dem US-Steuerstreit. Drei Verfahren gleichzeitig: Damit war Lachappelle der Schmerzensmann der Bankenszene. Die Leidenszeit dauerte fast fünf Jahre. Für die Finma war Lachappelle damit jedoch nicht nur Prügelknabe, sondern eben auch Musterknabe: Offenbar löste er die Verfahren zur Zufriedenheit der strengen Aufseher.

Schutz von Branson

Für seine Nominierung benötigte er die Zustimmung der Finma, und so sass er im August bei Mark Branson im Büro. Der Finma-Chef, für den sich das Raiffeisen-Verfahren längst zum wichtigsten Fall ­seiner Amtszeit ausgewachsen hatte, verfügte bei der Besetzung des Präsidentenpostens über ein Vetorecht. Das Raiffeisen-Nominierungskomitee hatte grünes Licht gegeben, genauso wie die Vertreter der Regionalverbände – nur Branson hätte die Kür also noch stoppen können. Was dann das grösste Risiko sei, fragte der Behördenchef den Kandidaten. Der ASE-Fall, antwortete Lachappelle sofort. Beide wussten also um das mediale Sperrfeuer, das Lachappelle erwartete. Branson leistete Flankenschutz: Er bestätigte ausdrücklich gegenüber der «SonntagsZeitung», dass Lachappelle sich beim ASE-Skandal in keiner Weise etwas habe zuschulden kommen lassen – in dieser Form ungewöhnlich. Man könnte auch sagen: Branson und Lachappelle sind ein eingespieltes Team.

Mark Branson, Direktor der FINMA.

Eingespieltes Team: Finma-Chef Mark Branson stützt Guy Lachappelle.

Quelle: Sebastian Magnani / 13 Photo

Und auch das Finanzdepartement, das sich normalerweise nicht zu laufenden Verfahren äussert, betonte explizit, dass in dem ASE-Verwaltungsstrafverfahren gegen die BKB gegen Lachappelle nicht ermittelt werde – ebenso aussergewöhnlich. Dass die Sache erwartungsgemäss gross aufkochte, löste bei den Aufsehern dann auch keine Unruhe aus. Den Ärger hatte Lachappelle, und natürlich gab es böse Stimmen von der Raiffeisen-Basis. Doch Lachappelle stand.

Dass er selbst jedoch ebenfalls Symbolpolitik bestens beherrscht, demonstrierte er gleich zu Beginn. Der Vincenz-Nachfolger Patrik Gisel hatte im Juni aufgrund des grossen Drucks seinen Rücktritt als CEO bekannt gegeben, sich aber auf Drängen des Verwaltungsrats bereit erklärt, noch ein halbes Jahr zu bleiben. Doch Interims-Präsident Pascal Gantenbein, sichtlich überfordert mit der Aufgabe, reagierte zusammen mit den neuen Tugendwächtern im Verwaltungsrat extrem mediengetrieben.

Klare Kante noch vor dem Start

Als Ende September ein Foto von ­Gisel am Bankiertag mit der Ex-Raiffeisen-Verwaltungsrätin Laurence de la Serna in der BILANZ auftauchte, gab es Anfragen, ob es sich dabei um seine neue Partnerin handelte. Gisel bestätigte die neue Partnerschaft, betonte allerdings, dass sie erst nach dem Ausscheiden de la Sernas aus dem Verwaltungsrat begonnen habe. Raiffeisen mandatierte sogar zwei Anwälte, die jedoch die Version Gisels stützten. Dennoch drängte Gantenbein zur Verabschiedung Gisels, gerade sechs Wochen vor dem geplanten Abtritt, und so musste der Vincenz-Getreue Michael Auer als Kurzzeit-Interims-CEO des Interims-CEO einspringen. Es war formal die letzte Amtshandlung des Verwaltungsrats ohne Lachappelle. Doch natürlich war der angehende Präsident eingeweiht und unterstützte die ­Möglichkeit, gleich zu Beginn Härte zu zeigen. Klare Kante noch vor dem Start.

Und auch die Wahl des neuen Gisel-Nachfolgers war ein Signal. Lachappelle wollte vor allem eines nicht: einen Grossbanker mit Top-down-Mentalität. Headhunter Schilling präsentierte am Ende drei Kandidaten, und das Rennen machte schliesslich mit dem Thurgauer–Kantonalbank-Chef Heinz Huber ein eher bodenständiger Typ, der von imperialen Gelüsten à la Vincenz so weit weg ist wie sein bisheriger Arbeitgeber von Goldman Sachs. Die Regionalbanker kannten sich über die Arbeit im Kantonalbankenverband, doch waren nie eng. Die Grössenverhältnisse sind klar: Die BKB ist fast doppelt so gross wie der Mitstreiter aus dem Thurgau.

President Guy Lachappelle is seen as CEO Heinz Huber of Swiss Raiffeisen Schweiz bank addresses the annual news conference in Zurich, Switzerland March 1, 2019.   REUTERS/Arnd Wiegmann - RC1484E2C8E0

Erster Auftritt: Der neue Raiffeisen-Chef Heinz Huber Anfang März bei der Raiffeisen-Medienkonferenz, flankiert von seinem Präsidenten Guy Lachappelle. Bei den Rückstellungen zeigte sich das Duo findig: Erst mal Maximalforderung stellen.

Quelle: Reuters

Porsche-Mann Huber

Huber war 2014 nach einem Machtkampf an die Spitze der Kantonalbank gelangt, doch da hatte er vor allem davon profitiert, dass sein Vorgänger Peter Hinder in dem behaglichen Biotop zu forsch aufgetreten war. Wie Lachappelle war dann auch ­Huber nachgerückt – und brachte die ­gewünschte Solidität. Bei Raiffeisen startete er zu Jahresbeginn, aufgetreten ist er seitdem erst einmal, bei der Bilanzmedienkonferenz Anfang März. Da war er vor ­allem darauf bedacht, nicht zu viel preis­zugeben. «Das tut doch nichts zur Sache», beschied er auf Fragen zu seinem Privat­leben.

Statt ins mondäne «Hyatt» in der Zürcher Innenstadt hatte die Bank ins leicht angestaubte «Marriott» am Rande des Zentrums gebeten, auch das ein Signal. Huber musste nicht nur Lachappelle den Vortritt lassen, sondern dann auch noch einem gewissen Ivan Köpfli, Leiter der Raiffeisenbank Rigi, das Wort übergeben. Der CEO im Sandwich zwischen Präsident und Basis – diese neue Raiffeisen-Normalität verkörpert Huber bestens. Von seiner ersten Frau und den drei Kindern lebt er getrennt, mit seiner neuen Partnerin wohnt er im wenig mondänen Landschlacht am Bodensee – seine Vorgänger leisteten sich noch eine King-Size-Villa im Appenzellischen (Vincenz) oder residierten an der Zürcher Goldküste (Gisel).

Der 54-Jährige frönt den üblichen ­Sportarten – Joggen, Wandern, Biken –, als Hauptextravaganz ist bei dem FC-Zürich-Fan eine Porsche-Leidenschaft vermerkt. Für eine Besuchstour im Raiffeisen-Reich eine eher heikle Fahrzeugwahl – Vincenz liess zuweilen an ländlichen Raiffeisen-Standorten seinen Dienstwagen mit ­Chauffeur abseits parkieren, um nicht als abgehobener Grossbanker zu wirken. Und Lachappelle legt Wert darauf, dass er die Antrittsbesuche allein macht. Huber soll intern dann auch schon signalisiert haben, dass er nicht so viel unterwegs sein wolle wie seine Vorgänger. Motto: Die Banken in der Fläche brauchen Freiheit. Neue Töne.

Finma diktierte 100-Prozent-Pensum

Dass Lachappelle die Führungsrolle für sich beansprucht, ist offensichtlich – und auch von der Finma so gewollt. Kurz nach seiner Wahl, als Huber noch gar nicht ­gewählt war, sass Lachappelle wieder in Bransons Büro. Gemeinsam legten sie die fünf Prioritäten für die nächsten ­Monate fest. Ganz oben: Klare Führung durch den neuen VR-Präsidenten. Dann: Vollständige Umsetzung der Finma-Enforcement-Massnahmen. Umsetzung von Konsequenzen aus dem Bericht des Gutachters Bruno Gehrig. Prüfung der ­Umwandlung in eine Aktiengesellschaft. Und schliesslich: Kulturwandel.

Der Finma-Chef ist es auch, der de facto über das Pensum von Lachappelle entscheidet: Er verlangte für die Übergangszeit ein Vollzeitpensum, und die von Lachappelle anvisierte Beschäftigung von 75 Prozent, die ihm auch noch andere Mandate ermöglicht, darf er erst nach ­einem Ja von Branson antreten. Das Salär bleibt jedoch gleich: 750 000 Franken. Und bei Hubers Antrittsbesuch Anfang März bei Branson begleitete ihn Lachappelle. Die Finma gibt nach dem Skandal die grosse Linie vor. Aber die klare Botschaft von Lachappelle nach innen lautet: Mr. Raiffeisen – das bin erst mal ich.

Fredi Zwahlen

Vertreter der Regionen: Fredi Zwahlen, Chef des Nordwestschweizer Regionalverbands.

Quelle: ZVG

Grossraum als Pflicht

Kommt hinzu, dass Lachappelle als Projektleiter auch die Arbeitsgruppe «Reform 21» leitet, die die Zusammenarbeit zwischen der Dachgesellschaft Raiffeisen Schweiz und ihren 246 unabhängigen ­Eigentümern neu definiert. «Der Prozess entspricht genau dem, was wir wollten: Die Eigner können die neue Strategie der Gruppe fest­legen», betont Fredi Zwahlen, Chef des Nordwestschweizer Regionalverbands und zusammen mit dem Luzerner Raiffeisen-VR-Präsidenten Kurt Sidler die treibende Kraft an der Basis. Huber und Lachappelle seien «ein Paar auf Augenhöhe, das sich aber klar unterscheidet: Guy Lachappelle kümmert sich um die strategischen Themen, Heinz Huber ist für das Operative zuständig. Weil derzeit viele strategische Themen auf dem Tisch liegen, ist Lachappelle derzeit präsenter in den Medien.»

Und selbst bei der Bürogestaltung gibt Lachappelle den Takt vor. Das Präsidentenbüro bei Raiffeisen bezog er gar nicht erst. Er kommt mit Laptop, mehr als zwei Tage verbringt er ohnehin selten in St. Gallen. Wohnhaft ist er weiter in Oberwil BL, ein Umzug nach St. Gallen ist nicht geplant. Auch da passte sich Huber an: Das CEO-Einzelbüro wurde umgebaut. Grossraum ist Pflicht. Das neue Mantra: Mineral statt Cüpli.

Auch bei der harten Hand des Präsidenten zog er mit. Gerade sieben Tage war ­Huber im Amt, da stellte er den Antrag auf die Entlassung der letzten drei Geschäfts­leitungsmit­glieder aus der Ära Vincenz; auch der langjährige Generalsekretär musste gehen. Dass so schnell keine saubere Mit­arbeiter-Beurteilung stattfinden kann, ist offensichtlich. Doch es geht eben um Symbolik: Den radikalen Bruch mit der Vergangenheit. Auch hier hatte Lachappelle die Linie vorgegeben.

Portait von Kurt Sidler, Präsident Raiffeisenverband Luzern, Nidwalden, Obwalden.Luzerner Zeitung / Dominik WunderliFotografiert am 10.03. 2017 BankGeldRaiffeisenbank

Vertreter der Regionen: Kurt Sidler, Präsident Raiffeisenverband Luzern.

Quelle: Dominik Wunderli

Gehrig-Bericht als Machtdemonstration

Und auch bei dem bisher zentralen Akt der Symbolpolitik spannten beide zusammen. Dass Lachappelle die Veröffentlichung des Gehrig-Berichts durchsetzte, war schon ein kluger Zug: So signalisierte er die Transparenz, die seine Vorgänger vermissen liessen. Doch vor allem nutzte er die Veröffentlichung des Berichts Ende Januar für eine Machtdemonstration – 300 Millionen Franken Rückstellungen und Prüfung von Regressforderungen.

Doch Bankkenner wunderten sich: Im Gehrig-Bericht ging es vor allem um die Asset-Management-Beteiligungen – diese ­waren aber längst verkauft und konnten deshalb kaum für Rückstellungen dieser Grössenordnung herhalten. Erst fünf ­Wochen später an der Medienkonferenz lüftete das Führungsduo zumindest teilweise das Geheimnis: Die Rückstellungen betrugen nur noch 270 Millionen Franken und waren ein Sammelsurium von verschiedenen Posten (siehe Tabelle). 56 Millionen Franken für die 29-Prozent-Beteiligung am Derivatehaus Leonteq, 69 Millionen für den Kauf der IT-Tocher Arizon, dazu als grösster Posten eine Wertberich­tigung von 125 Millionen auf das Portfolio der Beteiligungstochter KMU Capital.

Doch auch diese Zahl verliert bei genauerem Hinsehen an Schrecken. Wie Raiffeisen auf BILANZ-Nachfrage einräumt, stammen nicht etwa die gesamten 125 Millionen Franken aus den Wertberichtigungen, sondern nur 70 Millionen. Hier offenbart sich auch das eher taktische Verständnis des Aufarbeitungsprozesses. Denn bei Verkündung des 300-Millionen-Schadens wurde einmal mehr vor allem das imperiale Vincenz-Verhalten kritisiert. Doch das hatte mit den Rückstellungen praktisch nichts zu tun. Die Neubewertung des KMU-Capital-Portfolios etwa basierte vor allem auf einer Methodikänderung: Der Verwaltungsrat legte fest, dass die Firmen neu nach der konservativeren Equity-Methode und nicht wie bisher nach der Discounted-Cash-Flow-Methode bewertet werden sollen. Mit den betroffenen Firmen sind die Wertberichtigungen offenbar nicht ­abgestimmt worden.

Konflikt mit der Basis

Auch ist unklar, wie stark Verkäufe bei der Bewertung des Gesamtportfolios berücksichtigt werden – einzelne Beteiligungen wurden erfolgreich abgestossen. Dass ­Huber zudem bei der Medienkonferenz von «mehreren Dutzend Beteiligungen» bei KMU Capital sprach und den Wert bei der letzten Bewertung auf 305 Millionen taxierte, erhöhte die Glaubwürdigkeit nicht: Die Investment-Firma BLR, die die Beteiligungen von KMU Capital seit Jahresbeginn managt, weist genau 19 Beteiligungen aus, und Mitte letzten Jahres lag deren Wert bei 230 Millionen Franken.

Wie hier bei Vincenz oder sogar bei ­Gisel Regressforderungen geltend gemacht werden sollen, bleibt schleierhaft. Erst ­einmal muss die Staatsanwaltschaft überhaupt Anklage gegen Vincenz erheben, und gegen Gisel liegt nichts vor. Fazit: Die neue Führung nutzt die Rückstellungen kreativ, um der alten Führung die grösstmögliche Schuld in die Schuhe zu schieben. Verständlich – aber für die Mitarbeiter auch sehr durchschaubar. Die Loyalität der Truppe gewinnt man so nicht.

Und dann ist da noch der Konflikt mit der Basis. Am 14. Juni treffen sich die 246 Raiffeisenbanken zum Eignerworkshop. Hauptknackpunkt: Die Finma will Raiffeisen Schweiz als starke Aktien­gesellschaft, die Basis ist jedoch dagegen und will ihre Macht ausbauen. So sollen alle 246 Banken an der Delegiertenversammlung abstimmen dürfen – bisher waren es 164. Eine heikle Rolle für Lachappelle: Bisher kommt er der Basis sehr entgegen, gleichzeitig fordert die Finma starke Führung. Mehr als 30 Raiffeisenbanken gelten als unterkapitalisiert, und bei einer zu schwachen Zentrale könnte die Finma auf Einzelprüfung umschalten. Das will Lachappelle verhindern – ein Spagat zwischen Basis und Finma.

Abhaken kann er die Krise also noch lange nicht. Doch fünf Jahre wie bei der BKB: So lange soll es nicht dauern.

Dieser Artikel erschien in der April-Ausgabe 04/2019 der BILANZ.