Im Herbst 2002 erfuhren Alex und Peter Eschler, was Solidarität bedeutet. Im September überflutete der ansonsten harmlose Dorfbach das Gelände der Christian Eschler AG in Bühler AR. Binnen einer Stunde stand das Wasser einen Meter hoch in den Fabrikhallen. An Produktion war nicht mehr zu denken. Der Schaden belief sich auf 15 Millionen Franken, der Produktionsausfall dauerte vier Monate. «Doch andere Firmen in der Textilbranche sprangen ein und stellten uns Kapazitäten zur Verfügung», erinnert sich Peter Eschler. In Zürich und im Tessin, aber auch in Deutschland und Österreich konnte das Ostschweizer Familienunternehmen zum Teil mit den eigenen Leuten produzieren. «Wir brachten unsere Mitarbeiter vor Ort in Hotels unter», sagt Alex Eschler, «so konnten wir unsere eigenen Qualitätsstandards halten.»

Alex und Peter Eschler sind die beiden Chefs der Christian Eschler AG, eines typischen KMU im Ostschweizer Textilcluster. Alex ist für die Produktion, die Organisation und die Finanzen zuständig, Peter für den Verkauf, das Marketing und die Produktentwicklung. Gleich zu Beginn des Gesprächs stellen die Gebrüder Eschler klar, dass ihre Firma zwar ein Textilunternehmen sei, mit Weberei aber nichts zu tun habe. Die Christian Eschler AG ist auf die mechanische Herstellung von Strick- und Wirkwaren spezialisiert.

«Wir färben und veredeln unsere Produkte auch selbst», sagen die beiden Brüder. Die Firma wendet ganz unterschiedliche Veredelungsprozesse an – Bedrucken, Laminieren, Auftragen von besonderen Appreturen, die atmungsaktiv oder wasserabweisend sind, UV- oder Feuerschutz bieten. Einige Spezialitäten werden auch mechanisch durch Aufrauen und Schmirgeln veredelt. Beim Aufrauen werden Fasern durch feinste Haken aus dem Stoff gezogen, wodurch dieser weich und flauschig wird. Beim Schmirgeln wird der stark gespannte Stoff über eine raue Walze gezogen. Es entsteht eine samtene Oberfläche, ähnlich einer Pfirsichhaut. Die veredelten Stoffe werden darauf von Konfektionären zu Sport- oder Arbeitskleidern verarbeitet.

Die Produkte der Eschler Swissknit, wie sich die Firma heute mit modernem Anstrich nennt, sind weltweit gefragt. Dies drückt sich auch in Zahlen aus: Der Umsatz wächst trotz Preiserosion um rund zwei Prozent pro Jahr, der Ausstoss um rund zehn Prozent. Die windschlüpfrigen Anzüge der Schweizer Skinationalmannschaft sind aus Eschler-Stoffen. Mittlerweile rüstet das Ostschweizer Textilunternehmen fast alle Skimannschaften weltweit mit seinen Produkten aus. Und bei der Radsportausrüs­tung ist Eschler im Profibereich schon fast traditionell ganz vorne dabei. «Massenware stellen wir nicht her», sagt Alex Eschler, «dafür sind unsere Stoffe zu teuer.»

Eschler ist mit ihren rund 200 Mitarbeitern derzeit in vier Bereichen tätig. Neben Sports- und Workwear fertigt das Unternehmen auch technische Textilien wie Mikrofasertücher oder medizinische Abdecktücher. «Spannend ist unser viertes Standbein, der Lingerie-Markt», sagt Peter Eschler. «Wir stellen das Grundmaterial für die Stickerei-Industrie her, die Stickerei­böden.» Auf diese werden maschinell die Muster für BH, Slips oder Bustiers gestickt – Lingerie der feinsten Art.

«Hier sind wir mit einer anderen Schweizer Firma global führend», sagt Peter Eschler. 40 Prozent des Gesamtumsatzes von 40 Millionen Franken werden in diesem Bereich realisiert. Doch binnen fünf Jahren hat sich der Absatz in Europa von 3,5 auf 1,8 Millionen Meter fast halbiert. «Der Rest hat sich nach Asien verschoben», sagt Peter Eschler. Deshalb produziert das Unternehmen in Form eines Joint Venture seit 2001 als Eschler Thaiknit mit 40 Mitarbeitern Stickereiböden in Thailand. Insgesamt betreibt Eschler neben dem Hauptsitz und dem thailändischen Ableger zwei weitere Produktionsstätten – in Münchwilen TG und in Deutschland.

Gegründet wurde die Firma 1927 in St. Gallen durch den Deutschen Christian Estler, der seinen Namen später in Eschler einschweizerte. Damals stellte die Firma vor allem Baumwollstoffe für Unterhosen her. 1935 bezog sie die Räumlichkeiten eines ehemaligen Stickereiunternehmens in Bühler. Mit Alex und Peter Eschler ist nun die dritte Generation am Ruder. Die Firma ist immer wieder mit bahnbrechenden Innovationen aufgefallen. Rund ein Prozent des Umsatzes geht in die Forschung und Entwicklung. Eschler hat das Fixleintuch aus Single Jersey in den siebziger Jahren zusammen mit einem Partner entwickelt. Dies hat die westliche Schlafkultur nachhaltig verändert. Auch Gamex, seit 1982 Sportbekleidung für Wind- und Wetterschutz, und Spacer, eine vor zwei Jahren entwickelte Strickware mit den Eigenschaften eines Laminats (ein in zwei Lagen verklebter Stoff), stammen aus dem Hause Eschler.

«Wir sind zwar Trendsetter», sagt Peter Eschler, «doch zuweilen sind wir mit unseren Ideen ein paar Jahre zu früh.» Dies dürfte auf den neusten Eschler-Faden nicht zutreffen. Es handelt sich um eine Karbonfaser mit einer Polyamid-Ummantelung mit zwei für die Sportbekleidung enorm wichtigen Eigenschaften: Sie ist antibakteriell und antistatisch. Die Ostschweizer Traditionsfirma steht in den Startlöchern für einen weiteren Erfolgsschub.

Eschler Swissknit

Firmenname: Christian Eschler AG
Hauptsitz: Bühler AR
Umsatz: 40 Millionen Franken
Mitarbeiter: 200
Produktionsstandorte: Schweiz, Deutschland, Thailand
Exportanteil: 60 Prozent
Produkte: gestrickte und gewirkte Stoffe

Zum BILANZ-Dossier "KMU"

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