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IT: Die IT-Girls

Plötzlich treten Frauen an die Spitze von internationalen IT-Anbietern in der Schweiz. Sie verbinden die Freude an ­Führungsaufgaben mit der Begeisterung für Hightech.

Von Corinne Amacher
06.11.2009

Insgeheim hatte sie von dem Job geträumt, aber eben: nur insgeheim. Selbstkritisch und bescheiden – wie so viele Frauen – wartete auch Jeannine Pilloud auf ihre Entdeckung. Als Mitglied der Geschäftsleitung von T-Systems Schweiz, einer Tochterfirma der Deutschen Telekom, ragte sie, karrieretechnisch betrachtet, ­bereits weit über die Durchschnittsfrau hinaus. Mit 40 Jahren war Pilloud verantwortlich für den stark an Bedeutung gewinnenden Geschäftsbereich System­integration mit 150 Mitarbeitern. Aber sie hatte Ambitionen auf mehr – und zum Glück Vorgesetzte, die das merkten.

Als das Angebot kam, griff sie zu. «Zuerst war ich überrascht, dass man mir die Aufgabe zutraute», sagt Pilloud, «dann war ich stolz.» Dass sie den Karriere­sprung im Kopf schon durchgespielt hatte, verkürzte die Bedenkzeit. Nun ist sie seit drei Jahren Mitglied der Geschäftsleitung des Bereichs ICT Operations von T-Systems Interna­tional und dort für die Region Westeuropa zuständig, die 5700 Mitarbeiter zählt. Das Ausmass ihres Einflusses wird Pilloud jeweils bewusst, wenn sie in einem der Gebäude von T-Systems irgendwo auf der Welt in den Lift steigt und erkannt wird.

Pilloud ist eine «global worker»: Ihre Arbeitsorte erstrecken sich von London über Amsterdam bis nach Madrid, ihre Vorgesetzten arbeiten in Bonn, in Zürich hat sie ein Büro, hier arbeitet ihr Stab von Mitarbeitenden, und hier lebt auch ihre Familie mit den beiden Kindern im Alter von neun und elf Jahren. Während viele ­Berufsfrauen mit Kindern die Nähe zum Wohnort suchen, war es bei Pilloud genau gegenteilig: Sie strebte nach Internationalität. «Ich hatte in der Geschäftswelt nie einen Nachteil, weil ich eine Frau bin», sagt Pilloud. Nur etwas ­ertrug sie je länger, desto weniger: die Kommentare im Stil von «Frauen sind entweder eine gute Managerin oder eine gute Mutter». Seit sie beruflich im Ausland unterwegs ist, ist die Doppelrolle als Mutter von zwei Kindern und Karrierefrau schlicht kein Thema mehr.

Konsensorientiert. Während der Informatikboom bisher weitgehend unter Ausschluss von Frauen stattfand, haben es einige Ausnahmetalente wie Pilloud mit viel Einsatz in die von Männern dominierte Welt der Topjobs geschafft. Sie legen einen überdurchschnittlichen Ehrgeiz an den Tag, sind technologiebegeistert, zielstrebig und – nicht zuletzt durch ihre Doppelrolle als Mutter und Kaderfrau – enorm belastbar. Mit Andrea Mutter steht bei T-Systems eine weitere Frau in ­einer hochrangigen Position: Sie ist seit vier Jahren Finanzchefin der Schweizer Ländergesellschaft und leitete dort ­zuvor den Bereich Systemintegration. Seit knapp drei Jahren arbeitet Hauke Stars als Geschäftsführerin von Hewlett-Packard Schweiz, der mit einem Umsatz von 1,75 Milliarden Franken und 2100 Mitarbeitern grössten IT-Firma der Schweiz. Auch zwei weitere Ländergesellschaften von globalen Hightech-Anbietern werden seit neustem von Frauen geführt: Claudia Schwers erklomm im Oktober den Chefsessel von Alcatel-Lucent Schweiz. Und Susanne Ruoff steht seit April an der Spitze von BT Global Services Schweiz, einer Tochterfirma der British Telecom.

Es ist kein Zufall, dass Frauen bei ausländisch geprägten IT-Konzernen reüssieren. In internationalen Konzernen ist der Umgang mit Karrierefrauen selbstverständlicher, denn dort lief die Geschlechterdiskussion schon vor 20 Jahren. Jeannine Pilloud und Susanne Ruoff etwa begannen ihre Karriere bei IBM Schweiz, die in den neunziger Jahren eine Vorreiterrolle bei der Frauenförderung übernahm. Dass nun mit Hauke Stars, Susanne Ruoff und Claudia Schwers vermehrt Frauen an die Spitze von Länderorganisationen treten, hat auch damit zu tun, dass Frauen konsensorientierter sind als Männer. In ­einer Zeit, in der die Niederlassungen vermehrt in die Konzerne eingebunden werden, sind Frauen im Umgang mit der Zentrale kooperativer. Nicht zuletzt erfüllen Frauen in einer Industrie, die sich vermehrt über Dienstleistungen statt über Techniklösungen verkauft, die Anforderungen besser als viele ihrer Kollegen. Im Gegensatz zu Männern, die Kunden häufig über die Rechenleistungen von deren Geräten definieren, nehmen Frauen diese auch als Menschen wahr. In der Schweiz sitzen mit global tätigen Unternehmen wie Credit Suisse, Nestlé, Novartis hochkarätige Kunden, die es zu pflegen gilt.

Hart, aber Herzlich. Die beste ­Anschauung für den Wandel vom technikgetriebenen Betrieb zum Serviceunternehmen bietet Hewlett-Packard Schweiz. Hauke Stars gehört zu den aufstrebenden Frauen der Szene, die ihr Flair für Technik mit dem für Menschen verbinden: «Weil sich die Branche so rasch verändert, ist Kommunikation ein zentraler Teil meiner Arbeit», sagt sie. Als Stars bei HP in Holland eine Abteilung mit 1200 Mitarbeitenden leitete, sammelte sie zuhauf interne Preise und empfahl sich damit für die höheren Weihen in der Schweiz.

Elegant in Schwarz-Weiss gekleidet, lud Stars Ende Oktober eine stattliche Gästeschar – Kunden, Geschäftspartner, Politiker – ins Zürcher Pflanzenparadies «Giardino Verde», um das 50-jährige Bestehen von HP Schweiz zu feiern. Die 42-Jährige wusste genau, wie man das ausschliesslich männliche Publikum abholen muss. Obschon sie mit ihrer Körpergrösse alle überragte, strahlte sie Freundlichkeit und Bescheidenheit aus. Ihre Dankesbezeugungen nahmen kein Ende, und auch zum Abschied drückte sie jedem Einzelnen die Hand: «Danke, dass Sie da waren.» Das ist die herzliche Seite der gebürtigen Ostdeutschen. Daneben gibt es natürlich auch diejenige der ehernen Geschäftsfrau. Kollegen beschreiben sie als «blitzschnell, intelligent, strukturiert und fordernd». Wer in ihrem Büro ein Anliegen vorbringt, tut gut daran, sich mit einem wirkungsvollen Argumentarium vorzubereiten.

Hauke Stars sieht IT als Chance für Frauen: «Die Branche bietet Frauen viele Aufstiegschancen, weil es eine relativ junge Industrie mit viel Bewegung ist.» Das trifft zumindest auch auf Claudia Schwers zu. Die 46-Jährige schätzt es, in einem ­zukunftsweisenden, flexiblen und vom schnellen Wandel geprägten Umfeld tätig zu sein. Mitte Oktober wechselte Schwers von der Swisscom auf den Chefsessel von Alcatel-Lucent Schweiz, die einen Umsatz von 236 Millionen Franken erwirtschaftet und 700 Mitarbeiter beschäftigt. «Mir ist es wichtig, für ein Unternehmen zu arbeiten, das einen lokalen Bezug zur Schweiz hat und ein globales Tätigkeitsfeld bietet», sagt Schwers. Die Vielfalt der Produkte und das breite Kundenspektrum, das von SBB über Nestlé bis zu Manor reicht, reizen sie. Die Mutter von zwei Kindern ist überzeugt, dass es viele kompetente, erfahrene Frauen gibt, die wohl aber den Schritt an die Spitze nicht wagen. «Es bedarf der Frauen, die sich an der richtigen Stelle zum richtigen Zeitpunkt bemerkbar machen.»

Vielfältig statt trocken. Susanne Ruoff kann dies von sich behaupten. Die 51-Jährige arbeitet seit April 2009 als Länderchefin von BT Global Services Schweiz mit 225 Mitarbeitern. Während der Woche lebt sie in der Nähe ihres Arbeitsortes bei Zürich, an den Wochenenden weilt sie im Wallis bei ihrem Ehemann und den zwei fast erwachsenen Töchtern. Schon als Mädchen erstellte Ruoff mit Begeisterung die ersten Computerprogramme, die es damals auf dem Markt gab: «IT ist keine trockene Materie, sie ist sehr vielfältig und hat viel mit Dienstleistungen, also mit Menschen, zu tun», sagt sie.

Trotz der Vorliebe für technische Geräte wurde Ruoff zuerst Lehrerin. Später machte sie eine Ausbildung in Telekommunikation und stieg 1990 bei IBM Schweiz ein. Die Firma profilierte sich damals als Vorreiterin der Frauenförderung. Um die Rollen als Mutter und Kaderfrau zu vereinbaren, probierte Ruoff verschiedene Arbeitszeitmodelle aus. Mit einer Kollegin führte sie das erste Jobsharing ein. Zwei Frauen führten zusammen 30 Mitarbeiter – «es funktionierte gut». Pausiert hat sie nie. In 20 Jahren bei IBM erklomm sie Stufe um Stufe und führte zuletzt als Mitglied der Geschäftsleitung 1500 Mitarbeitende. Mit 50 Jahren suchte Ruoff, die auch Verwaltungsrätin von Geberit ist, nochmals «eine neue Herausforderung in einem ­anderen Unternehmen»: «Ich wollte keine Stelle im Ausland, sondern eine lokale Verantwortung in einem internationalen Umfeld.» BT hat in den letzten zwei Jahren neue Aufträge von Schweizer Konzernen in der Höhe von mehr als zwei Milliarden Franken gewonnen, die vor allem von der Schweiz aus betreut werden.

Auch Andrea Mutter verfolgte nach der Ausbildung zielstrebig ihre Karriere, daran änderte auch die Geburt ihrer drei Kinder nichts. Sie fiel schon in der Schule durch ihre Durchsetzungskraft auf. Eigenschaften wie Konflikt- und Teamfähigkeit könne man in der Familie und im Beruf gut ­gebrauchen, findet Mutter. Die Doppelrolle empfindet sie nicht als Belastung, sie schöpft daraus Selbstbewusstsein und Wohlbefinden. Sie habe eine hohe Eigenmotivation, betont sie, sei von Montag bis Freitag zu «200 Prozent im Büro». Seit Mutter 1994 zu T-Systems Schweiz stiess, arbeitete sie sich die Unternehmensstufen hoch und ist seit drei Jahren in ihrer Funktion als Finanzchefin der Dreh- und Angelpunkt des Unternehmens. Die Leitung der Bereiche Rechtsdienst, Einkauf, Finanzen und Controlling sowie interne Prozesse und IT mit 33 Mitarbeitenden erlaubt ihr, ihre betriebswirtschaftliche Ausbildung, die Begeisterung für Technologie und ihre disziplinierte Arbeitsweise in einer für sie vollendeten Weise zu kombinieren. «Ich habe jeden Tag Spass an der Arbeit», sagt sie mit einem solchen Nachdruck, der keinen Zweifel offenlässt.

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