Facebook steckt in der tiefsten Krise seiner Geschichte. Wachstum soll jetzt vor allem Instagram bringen. Doch auch da gibt es Probleme.
Matthias Hohensee
Feuerwehrmann: Instagram-Chef Adam Mosseri (Bild) ist ein Vertrauter Mark Zuckerbergs. Er wird immer dann ins Feld geschickt, wenn es irgendwo brennt. Keystone
Die Dienste von Adam Mosseri waren bei Facebook erst mal gar nicht erwΓΌnscht. Als der amerikanische Produktdesigner im Sommer 2007 eine Bewerbung an das damals gerade mal drei Jahre alte soziale Netzwerk schickte, so erinnert er sich heute, lehnte das umgehend dankend ab. Mosseri heuerte bei einem anderen Start-up an und versuchte es ein Jahr spΓ€ter auf ein Neues. Dieses Mal hatte er Erfolg.
Heute ist der hoch aufgeschossene Designer mit den wachen braunen Augen eine Art Allzweckwaffe von Facebook-GrΓΌnder Mark Zuckerberg. Der 35-jΓ€hrige Mosseri springt immer dann ein, wenn es fΓΌr seinen Chef besonders brenzlig oder besonders wichtig wird. Als Chef des Facebook-Newsfeed, der die Nutzer ΓΌber fΓΌr sie relevante Neuigkeiten informiert, musste er die Position des Netzwerks in den Debatten um Fake News und mΓΆgliche Manipulationen vor der USPrΓ€sidentenwahl vertreten.
Seit Anfang Oktober steht er jetzt an der Spitze von Instagram. Die Foto- und Videoplattform ist der wichtigste HoffnungstrΓ€ger im Zuckerberg-Reich, das zuletzt so schwer wie noch nie in BedrΓ€ngnis geraten ist. Denn zur politischen Kritik kommen nun noch Zweifel am kΓΌnftigen Wachstum. Die kann nur der Erfolg von Instagram beseitigen.
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Β«Der Sinn seines LebensΒ»
Kritiker haben zuletzt lautstark eine schΓ€rfere Regulierung oder gleich die Zerschlagung von Facebook sowie die AblΓΆsung Zuckerbergs gefordert. Der 34-jΓ€hrige MultimilliardΓ€r sehe sich Β«im KriegszustandΒ», wie er kΓΌrzlich einem Vertrauten sagte. KΓ€mpfen muss er vor allem gegen den Eindruck, dass das Netzwerk Menschen nicht verbindet, sondern die Gesellschaft spaltet und sogar die Demokratie gefΓ€hrdet. Die Liste der VorwΓΌrfe reicht vom auslΓ€ndischen Einfluss auf die Politik ΓΌber Mobbing und die Verbreitung von Hetzbotschaften ΓΌber gehackte und gefΓ€lschte Nutzerkonten bis hin zum laxen Umgang mit dem Datenschutz. Dass zuletzt etliche Topmanager das Unternehmen verliessen, macht Zuckerbergs Position nicht komfortabler.
Dabei sitzt er bis auf weiteres fest im Sattel, trotz aller Kritik. Dem GrΓΌnder gehΓΆren zwar nur noch 17 Prozent der Facebook-Aktien, dank etlicher Sonderregeln kontrolliert er aber 60 Prozent der Stimmrechte. Gegen seinen Willen geschieht nichts beim Konzern, schon gar nicht seine eigene AblΓΆsung. Β«Mark sieht Facebook als den Sinn seines LebensΒ», sagt eine Unternehmerin, die ihr Start-up an das Netzwerk verkauft hat und den Facebook-GrΓΌnder aus dieser Zeit gut kennt.
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Mark Zuckerberg: Der Facebook-Chef kontrolliert 60 Prozent der Stimmrechte.?? 2018 Bloomberg Finance LP
Mark Zuckerberg: Der Facebook-Chef kontrolliert 60 Prozent der Stimmrechte.?? 2018 Bloomberg Finance LP
Keine neue Wachstumsregionen in Sicht
Ernste Probleme bekommt er jedoch, wenn Facebook nicht mehr wie gewohnt oder gar ΓΌberhaupt nicht mehr wΓ€chst. Die Nutzerzahl stagnierte zuletzt bei gut 2,2 Milliarden, in Europa ging sie sogar leicht zurΓΌck. Und neue Wachstumsregionen sind nicht in Sicht. So hat Zuckerberg zwar eifrig Mandarin gelernt und um die Gunst der ParteifΓΌhrung in Peking geworben, muss in China aber weiter draussen bleiben. Gleichzeitig steigen die Kosten, weil Facebook Tausende Mitarbeiter einstellt und massiv in kΓΌnstliche Intelligenz investiert, um Probleme mit gefΓ€lschten Konten und Propaganda in den Griff zu bekommen. Setzt sich der Trend fort, ist es mit den Rekordgewinnen vorbei.
Noch ist es nicht so weit: Mit 5,13 Milliarden US-Dollar Gewinn konnte Facebook im jΓΌngsten Quartal wieder einen Rekord melden, auch der Umsatz erreichte mit 13,7 Milliarden Dollar eine neue Bestmarke. Beides gelang auch dank Instagram: Im FrΓΌhjahr ΓΌberschritt die 2010 gegrΓΌndete Plattform die Grenze von einer Milliarde Nutzern, in diesem Jahr dΓΌrfte der Umsatz bei acht Milliarden Dollar und damit fast doppelt so hoch wie 2017 liegen.
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750 Millionen Dollar bezahlte Facebook 2012 fΓΌr Instagram. Heute ist die Firma mindestens 100 Milliarden wert.
Neben Prominenten aus Sport, Show und Mode inszenieren sich bei Instagram auch ganz normale Durchschnittsmenschen mit Bildern und Videos aus ihrem Alltag. Sie sind im Schnitt deutlich jΓΌnger als bei Facebook, schΓ€tzen die einfache Bedienung und das Fehlen politischer Kontroversen. Viele wissen nicht mal, dass Instagram zu Facebook gehΓΆrt. Die Perspektiven sind gut: 2019, so Andy Hargreaves von der Investmentbank KeyBanc Capital Markets, kΓΆnnte Instagram 12 Milliarden Dollar einnehmen und 17 Prozent zum Konzernumsatz beitragen. Bis Ende 2020 soll der Anteil auf ein Drittel steigen.
Der Kauf von Instagram gilt deshalb als Zuckerbergs grΓΆsster Coup. FΓΌr 450 Millionen Dollar in Aktien plus 300 Millionen Dollar in bar erwarb er den Fotodienst im FrΓΌhjahr 2012. Damals beschΓ€ftigte der nur 13 Mitarbeiter, machte keinen Umsatz und hatte gerade erst eine frische Finanzierungsrunde abgeschlossen. Facebook dagegen stand kurz vor dem BΓΆrsengang und konnte sich eigentlich keine Ablenkung erlauben. Trotzdem handelte Mark Zuckerberg die Γbernahme ΓΌber das Wochenende am KΓΌchentisch seines Privathauses in Palo Alto aus. Dank seiner MachtfΓΌlle war das kein Problem. Heute wird der Wert von Instagram auf mindestens 100 Milliarden Dollar geschΓ€tzt.
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Immer weniger Selbstbestimmung
Den weiteren Erfolg kΓΆnnten jedoch interne Querelen und Streit um die kΓΌnftige Ausrichtung gefΓ€hrden: So haben die Instagram-GrΓΌnder Kevin Systrom und Mike Krieger das Unternehmen im September im Streit verlassen. Zuckerbergs VerhΓ€ltnis zu ihnen gilt als nicht ganz so zerrΓΌttet wie das zu den SchΓΆpfern des ebenfalls von ihm geschluckten Dienstes Whats-App, von denen einer mittler weile gar ΓΆffentlich zum LΓΆschen von Facebook-Accounts auffordert. GegenΓΌber Vertrauten beklagte sich Systrom jedoch darΓΌber, dass ihm die zugesagte Selbstbestimmung immer mehr entzogen worden sei. Ausserdem habe Instagram wegen zunehmender Kommerzialisierung Β«seine UnschuldΒ» verloren. Β«Man geht nicht, wenn es gerade besonders gut lΓ€uftΒ», sagte er.
Pro Werbebild auf seinem Instagram-Account soll Fussballer Cristiano Ronaldo 750 000 Dollar verdienen β rund 250 ooo Dollar weniger als Model und Unternehmerin Kylie Jenner.socialmediaservice by ddp images
Pro Werbebild auf seinem Instagram-Account soll Fussballer Cristiano Ronaldo 750 000 Dollar verdienen β rund 250 ooo Dollar weniger als Model und Unternehmerin Kylie Jenner.socialmediaservice by ddp images
Dabei galt Instagram bei Facebook lange als Blaupause fΓΌr das Prinzip Β«Innovation durch ZukaufΒ». Zuckerberg hielt sich bewusst zurΓΌck und liess das Unternehmen unbehelligt arbeiten. Die UnabhΓ€ngigkeit machte er auch nach aussen deutlich: Wenn Systrom ins Facebook-Hauptquartier nach Menlo Park im Silicon Valley einlud, um neue Funktionen vorzustellen, trat Facebook-Chef Zuckerberg nur kurz auf, um die BΓΌhne rasch den GrΓΌndern zu ΓΌberlassen.
FΓΌr Unzufriedenheit sorgte bei Instagram lange vor allem die Ungleichbehandlung gegenΓΌber Whats-App. Der Dienst bringt Zuckerberg bis heute keinen Umsatz, war ihm bei der Γbernahme aber 20 Milliarden Dollar wert. Seine GrΓΌnder hatten nicht nur deutlich mehr kassiert, einer von ihnen erhielt zudem auch noch einen Sitz im Aufsichtsrat von Facebook. Obwohl er da nicht viel zu sagen hatte, machte der Prestigeposten die Instagram-BeschΓ€ftigten eifersΓΌchtig. Mit dem RΓΌckzug der GrΓΌnder ist dieser Konflikt endgΓΌltig Geschichte.
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Instagram sei, so eine Insiderin, nicht lΓ€nger ein Ort der KreativitΓ€t. Es gehe nur noch um Egos und Kommerz.
Insider fΓΌrchten, dass das auch fΓΌr die Innovationskultur von Instagram gilt. Der Fotodienst kΓΆnne kΓΌnftig nichts weiter als eine Marke von Facebook sein. Entwicklerin Bailey Richardson, eine Angestellte der ersten Stunde, kritisierte bereits, dass er nicht lΓ€nger ein Ort der KreativitΓ€t sei, an dem talentierte Fotografen Fans finden und entdeckt werden. Es gehe nur noch um Selbstbespiegelung und Kommerz.
Fotos fΓΌr Millionen
Das Spiel hat Kylie Jenner perfektioniert. Die 21-JΓ€hrige wurde in den USA 2007 durch die Reality-TVShow Β«Keeping up with the KardashiansΒ» bekannt, spΓ€ter jobbte sie als Model und brachte eine eigene Mode- und Kosmetiklinie an den Start. KΓΌrzlich erklΓ€rte das Magazin Β«ForbesΒ» sie zur Β«baldigen jΓΌngsten Selfmade-MilliardΓ€rin der US-GeschichteΒ». Den Erfolg verdankt Jenner vor allem Instagram. Dort posiert sie mit eigenen Produkten und auch mal im roten Sweater von Adidas. FΓΌr ein Foto mit Werbeinhalt kann sie dank 120 Millionen Followern angeblich bis zu eine Million Dollar verlangen. Damit ΓΌbertrifft sie sogar Fussballer Cristiano Ronaldo, der auf 750 000 Dollar pro Werbebild kommen soll.
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Instagramikone: Γber 120 Millionen Personen folgen Kylie Jenner auf Instagram. Schon bald dΓΌrfte sie zur jΓΌngsten Selfmade-MilliardΓ€rin avancieren β auch dank Fotos auf Instagram.Twitter
Instagramikone: Γber 120 Millionen Personen folgen Kylie Jenner auf Instagram. Schon bald dΓΌrfte sie zur jΓΌngsten Selfmade-MilliardΓ€rin avancieren β auch dank Fotos auf Instagram.Twitter
Mit dem wachsenden kommerziellen Erfolg scheint die GlaubwΓΌrdigkeit der Plattform bedroht. Denn ΓΌber spezialisierte Apps mit Namen wie Social Growth und Instagress kΓΆnnen sich Instagram-Nutzer Abonnenten kaufen. Deren Zahl entscheidet ΓΌber ihre PopularitΓ€t und damit auch ΓΌber die HΓΆhe mΓΆglicher Werbegelder. Die Trickserei ist fΓΌr Zuckerberg gefΓ€hrlich. Eine weitere Fake-Debatte kann er sich kaum leisten.
Deshalb geht Mosseri hart gegen den Missbrauch vor, die Schummel-Apps will er kΓΌnftig noch konsequenter als bisher sperren. Seine wichtigste Mission sieht er aber darin, Instagram personell zu stabilisieren und den Abgang weiterer Mitarbeiter zu verhindern. PersΓΆnlich ist Mosseri dafΓΌr bestens geeignet. Wegen seines uneitlen Auftretens ist er im Konzern beliebt, bei VerΓ€nderungen an Produkten geht er behutsam vor, mit Entwicklern und Marketingleuten kann er gleichermassen gut umgehen. Und jeder weiss, dass selbst Zuckerberg auf ihn hΓΆrt.
Nur der Konzern zΓ€hlt
Letztlich wird aber auch Mosseri am wirtschaftlichen Erfolg gemessen. FΓΌr den soll er mΓΆglichst viele Werbekunden zu mΓΆglichst hohen Ausgaben motivieren β und das selbst dann, wenn es zulasten von Facebook geht. Damit sind interne Spannungen programmiert. Zuckerberg, so berichten Insider, soll das Thema allerdings pragmatisch sehen. FΓΌr ihn sei es allein wichtig, Kunden und Nutzer im Konzern zu halten. Wie sich die auf die Netzwerke verteilen, sei zweitrangig.
Mark Zuckerberg will vor allem mit Zahlen ΓΌberzeugen und so die Krise ΓΌberstehen. Dabei soll wohl auch Co-GeschΓ€ftsfΓΌhrerin Sheryl Sandberg helfen. Dass sie gehen muss, wie es mitunter heisst, gilt intern als unwahrscheinlich. Insider erwarten stattdessen, dass die langjΓ€hrige Topmanagerin jetzt erst recht alles tun wird, um das Image ihres Arbeitgebers zu reparieren. Denn nur so kΓΆnne sie ihr Ziel erreichen, dereinst als PrΓ€sidentin ins Weisse Haus einzuziehen. Bei Facebook halten das tatsΓ€chlich viele fΓΌr mΓΆglich. Der Konzern mag lΓ€diert sein. Selbst- und Sendungsbewusstsein vieler Mitarbeiter aber sind offenbar ungebrochen.