So wie die meisten Filme von Regielegende Robert Altman ist auch «A Prairie Home Companion» mit hochkarätigen Stars besetzt – Tommy Lee Jones, Kevin Kline und Woody Harrelson etwa. Oder Lily Tomlin und Meryl Streep, die in dem Streifen, der auf einer in Amerika beliebten Radiosendung basiert, zwei musikalische Schwestern spielen. Shooting Star Lindsay Lohan ist ebenfalls mit von der Partie – als Streeps gedichteschreibende Tochter. Kein Wunder, dass sich das verschlafene Minneapolis / St. Paul anlässlich einer privaten Vorführung Anfang Mai für ein paar Stunden in eine Glamour-Metropole verwandelte – rote Teppiche, Paparazzi und kreischende Fans inklusive.

Auch Multimillionär Bill Pohlad genoss sichtlich den schillernden Auftrieb. Dabei ist sein Name in Filmkreisen nicht gerade geläufig. Bekannt war er bisher allenfalls als Sohn des Besitzers des Baseball-Clubs Minnesota Twins. Doch auch Pohlad junior schlug zuletzt ein paar Wellen. In Hollywood. Nicht nur half er Robert Altman bei der Finanzierung seines jüngsten Films, sondern er war auch einer der Geldgeber des Erfolgsstreifens «Brokeback Mountain».

Pohlad gehört zu einer neuen Spezies von Financiers in Hollywood – Aussenseiter mit tiefen Taschen und deutlichem Einfluss auf die Weise, wie dort Filme produziert werden. Das Prinzip ist nicht neu: Seit den Zeiten von Joe Kennedy, der 1926 mit seinen an der Börse verdienten Millionen gen Westen zog und grosse Summen in das kleine Studio Film Booking Office of America steckte, scheinen wohlhabende Unternehmer magisch angezogen von Hollywoods Glitzer und Glamour – und nicht zuletzt von der Aussicht, dort ihren Reichtum zu mehren. Derzeit schickt sich wieder eine Generation von Investoren an, Millionen in Filmproduktionen zu pumpen – von kleinen Streifen wie «Thank You for Smoking» bis hin zu grossen Kinoepen wie «The Chronicles of Narnia». Mark Cuban, Dotcom-Millionär und exzentrischer Boss des Basketball-Clubs Dallas Mavericks, besitzt ebenso wie Jeff Skoll, der Gründungspräsident von Ebay, ein Filmimperium. Ölmilliardär Philip Anschutz finanziert seit Jahren familienfreundliche Leinwandhits, und James Stern, der Besitzer des Basketballteams Chicago Bulls, ist ebenfalls im Filmgeschäft aktiv. Parallel dazu bastelt Wall Street an ausgeklügelten Finanzierungsmodellen, um Hedge Funds und anderen institutionellen Investoren den Einstieg ins Filmgeschäft zu ermöglichen. Allein auf zwölf Milliarden Dollar beziffern Experten die Summe, die von deutschen Anlegern über Filmfonds in den vergangenen fünf Jahren investiert wurde – ein Fünftel der Jahresproduktion in Hollywood.

Es ist schwer abzuschätzen, wie viel Geld jene jüngste Generation neureicher Cineasten bisher in Filme gesteckt hat. Und noch schwieriger ist es zu ermitteln, ob ihre Investments bisher Profite abgeworfen haben. Was die Film-Freaks aber nicht weiter zu stören scheint. Die Begeisterung der neuen Money Men für Hollywood geht so weit, dass die hier ansässigen traditionellen Talentagenturen bereits damit begonnen haben, sich als Mittler zwischen der kreativen Elite und den wohlhabenden Gönnern zu positionieren. «Da ist noch eine Menge mehr Kapital auf Abruf», vermutet Rick Hess, Boss der Creative Artists Agency.

Noch schaut mancher Studioboss etwas herablassend auf die Neulinge, besonders auf jene mit hehren künstlerischen Ansprüchen. «Ich will mich ja nicht über Leute lustig machen, die sich für Kulturschaffende halten», witzelt Bob Shaye von New Line Cinema, Produzent der «Herr der Ringe»-Trilogie. «Aber erfahrungsgemäss versenken sie ein paar Millionen in Filmprojekte und begreifen dann, dass sie schleunigst wieder zu ihren Immobiliengeschäften zurückkehren sollten oder zu dem, was sie sonst so getrieben haben.»

Andere Studios sehen die Infusion mit frischem Kapital weniger skeptisch – auch deshalb, weil vor allem bei kleineren Kunstfilmen zur Abwechslung mal jemand anderes die Rechnungen bezahlt. Derweil können sich die Majors auf ihre Kommerzproduktionen konzentrieren, die über 100 Millionen Dollar kosten. Und bei deren totaler Vermarktung abkassieren. Denn in Wahrheit dienen die US-Kinos für sie inzwischen nur noch als Werbemittel für den internationalen DVD-, Merchandising-, Video- und TV-Verkauf. Parallel dazu machen die Studios aber auch bei der weltweiten Distribution der unabhängig produzierten Filme Kasse. Die grossen Studios stellen den Independents ihre bewährten Vertriebsarme zur Verfügung – und erheben dafür satte Gebühren in Höhe von 10 bis 20 Prozent der Einnahmen. «Wir denken, dass die Zusammenarbeit mit den unabhängigen Produktionsgesellschaften für uns in jedem Fall von Vorteil ist», sagt Rick Finkelstein, Präsident von Universal Pictures. «Wir verringern unser Risiko – und partizipieren als weltweiter Vertrieb als Erster bei den Profiten.»

Dass es fatal wäre, sich ausschliesslich auf Massenware zu konzentrieren, haben auch die Majors gemerkt. Bei der diesjährigen Oscar-Verleihung bestimmten unabhängige Produktionsfirmen und Kunstkino-Labels das Feld der Favoriten. Filme wie «Brokeback Mountain», «L.A. Crash», «Capote», «Good Night, And Good Luck» dominierten die Veranstaltung. Alle diese Filme waren unabhängig von grossen Studios finanzierte Produktionen. Die beinahe 6000 Mitglieder der Akademie für Filmkunst und -wissenschaft, die über die Vergabe der Oscars entscheiden, zogen dieses Jahr schlanke, künstlerische Produktionen den teuren, aber populären Blockbustern der Studios vor. «King Kong» und «Krieg der Welten» bekamen einige Oscars in den technischen Kategorien, aber bei den wichtigen künstlerischen waren sie nicht nominiert.

Natürlich sind die Independent-Filme, die diesmal abgeräumt haben, nicht in so vielen Kinos gelaufen, hatten weniger Zuschauer und haben weniger eingespielt als die Studioproduktionen. Aber die meisten haben dennoch Gewinn gemacht, weil sie naturgemäss viel weniger gekostet haben. Ausser «München», der einzigen Produktion eines grossen Studios im Oscar-Rennen, und «Syriana», der zum Teil von Universal finanziert wurde, hat kaum einer der prämierten Filme mehr als 15 Millionen Dollar gekostet – eine Summe, die nicht einmal reichen würde, um die Werbung für «King Kong» (Produktionskosten über 200 Millionen Dollar) oder «Krieg der Welten» (132 Millionen) zu bezahlen. Aber trotz den geringen Kosten hatte «Brokeback Mountain» (Kosten: 14 Millionen) vor den Oscars schon 75 Millionen Dollar eingespielt, und «L.A. Crash» (Kosten: 6,5 Millionen, Auszeichnung für den besten Film) 54 Millionen.

Um allerdings einen Film zu machen, der nur zehn Millionen Dollar kostet, braucht man kein Studio mehr und gewinnt künstlerische Freiheit. Viele Filmemacher haben 2005 davon Gebrauch gemacht. Einige erstaunliche Filme sind so entstanden. «Syriana» ebenso wie «North Country» und «Good Night, and Good Luck» wurden von der Produktionsfirma des Ebay-Mitgründers Jeff Skoll teilfinanziert. «Brokeback Mountain», der ausser der schönen Berglandschaft ein in jeder Hinsicht hässliches Amerika zeigt, wurde von dem schon erwähnten Bill Pohlad finanziert, und «L.A. Crash», der das Thema Rassismus in Los Angeles thematisiert, von dem Immobilienmakler Bob Yari. «Das geänderte Kräfteverhältnis ist eine Auswirkung der Studiopolitik der letzten Jahre», sagt Yari. «Die Majors konzentrieren sich auf ihre Megaproduktionen und lassen künstlerische Stoffe beiseite. Die unabhängigen Produzenten füllen genau diese Nische.»

Yari ist nicht nur einer der umtriebigsten neuen Geldgeber in Hollywood, er gehört zweifellos auch zu den umstrittensten. Ende der achtziger Jahre lernte der heute 44-Jährige das Filmbusiness und arbeitete zuletzt als Regisseur, in den neunziger Jahren sammelte er seine Erfahrungen als Geschäftsmann im elterlichen Immobilienkonzern, bevor er sich wieder dem Filmgeschäft zuwandte. Seine Strategie heisst: produzieren – und das über Genre- und Qualitätsgrenzen hinweg so viel wie möglich. «Ein oder zwei Streifen zu produzieren, ist sehr riskant. Aber bei zehn oder zwölf Filmen sind die Renditen sehr viel besser vorhersagbar», behauptet er. «So machen es auch die grossen Studios – das ist schlicht ein Zahlenspiel.»

Einen Wesenszug Hollywoods hat er sich schon zu Eigen gemacht: Eitelkeit. So verklagte er die Academy of Motion Pictures Arts & Sciences, weil er sich um «einen möglichen Oscar-Gewinn betrogen fühlte». Denn nach der Krönung von «L.A. Crash» als «bester Film» nahmen nur die beiden Co-Produzenten Paul Haggis und Cathy Schulman eine Trophäe in Empfang, nicht aber Yari. Dies rührte daher, dass die Filmakademie und die Produzentengilde die Anzahl der Preisträger reglementiert hat, obwohl bei vielen Filmen inzwischen mehrere Personen beteiligt sind. Bei aller Kontroverse ist indes unbestritten, dass es Yari innerhalb von nur wenigen Jahren geschafft hat, mit seinen Firmen wie Stratus Film, El Camino und Bob Yari Productions ein in der ganzen Branche respektiertes Mini-Studio neben den etablierten Majors zu schaffen.

Solche Ambitionen hat Pohlad nicht. Er will anspruchsvolle Filme produzieren – lieber wenige, dafür aber gute. «Für mich geht es schlicht um die Liebe zum Film, nicht um das grosse Geld», sagt er. Und tatsächlich: Während Yari am liebsten über Vertragsdetails spricht, redet der 50-jährige Pohlad lieber über «grosses Kino». Bevor er Financier grösserer Hollywood-Projekte wurde, produzierte seine Firma Dokumentarfilme und das Bordprogramm von Northwest Airlines. Die plötzliche Popularität von Streifen wie «Brokeback Mountain» wertet er als einen glücklichen Zufall. «Das ist nicht vorhersehbar. Wichtig für mich ist, dass ich zu jeder unserer Produktionen eine starke kreative Beziehung habe.»

Thomas J. Tull gehört im Vergleich dazu eher zur alten Schule der Hollywood-Financiers. Er repräsentiert Anlagegelder, die ihm Institute und Pensionskassen anvertraut haben, um es in der kalifornischen Traumfabrik möglichst Gewinn bringend zu investieren. Vor ein paar Jahren noch hatte der 35-jährige Unternehmer aus Atlanta nächtelang über Einspielstatistiken gebrütet, um aus den Datenmengen das scheinbar Unmögliche zu destillieren: einen Weg, zuverlässige Renditen im bekanntermassen launischen Filmgeschäft zu erzielen. Heute verwaltet er mit seiner Finanzierungsgesellschaft Legendary Pictures mehr als 600 Millionen Dollar an Anlagegeldern, die er bei so renommierten Instituten wie AIG Direct Investments, Bank of America Capital Investors oder der Pensionskasse von Honeywell eingesammelt hat. Mit Warner Bros. schloss Thomas J. Tull ein langfristiges Abkommen: Das Filmstudio und der Financier teilen sich in den nächsten fünf Jahren die Produktionskosten von 25 Filmen.

Auch andere institutionelle Anleger stehen in Hollywood Schlange. Erst im letzten Jahr gründete Credit Suisse den Finanzierungsarm Kingdom Films, der eng mit Disney zusammenarbeitet. JP Morgan, traditionell stark im Filmgeschäft engagiert, stemmt mit seiner Hemisphere Film Partners die grossen Megaproduktionen von über 100 Millionen Dollar. Eine Kategorie, die gemäss Berechnungen der Investmentbank mit Renditen von 32 Prozent besonders profitabel ist. Laut JP Morgan schmilzt der Return on Investment bei Filmen mit Etats zwischen 50 und 75 Millionen Dollar auf gerade noch fünf Prozent. Am wenigsten lukrativ seien Produkte mit Budgets zwischen 75 und 100 Millionen Dollar: Hier betrug die Rendite – statistisch gesehen – gerade mal läppische zwei Prozent. Aber auch das schreckt potenzielle Investoren nicht ab. Das wirkliche Geld, so ihr Kalkül, liegt nämlich darin, peu à peu ein Filmarchiv aufzubauen. Sollten sich weltweit erst einmal neue Absatzmärkte öffnen und Filme über Internet und Natel abrufbar sein, rechnen sich die Ausgaben irgendwann schon. Der harte Kampf um die wenigen verbliebenen Filmarchive war da zuletzt deutlicher Hinweis. Gerade Anfang des Jahres erst hat eine Investmentgruppe um George Soros die Rechte an insgesamt 59 Filmen der DreamWorks Studios auf rund 900 Millionen Dollar taxiert.

Solvente Aussenseiter hat es in Hollywood immer gegeben. Aber die neue Generation der Financiers unterscheidet sich doch in einem Punkt ganz erheblich von ihren Vorbildern: Sie wollen meist in jeden Aspekt des Filmschaffens einbezogen werden. «Wir machen das hier aus Liebe zum Kino und nicht wegen der Aussicht auf sprudelnde Gewinne», sagt David Sacks, der den Streifen «Thank You for Smoking» finanzierte. Vor drei Jahren kam der heute 33-Jährige nach Hollywood, nachdem er und seine Mitgründer ihre Internet-Abrechnungsfirma PayPal für 1,5 Milliarden Dollar an Ebay verkauft hatten. Schnell fand er ein Drehbuch, das ihn interessierte: «Thank You for Smoking», eine politische Satire, die auf dem gleichnamigen Roman von Christopher Buckley beruht. «Er glaubte zutiefst an diesen Film und verfolgte das Projekt mit der gleichen Intensität, die er schon beim Aufbau von PayPal unter Beweis gestellt hatte», sagt Jason Reitman, Drehbuchautor und Regisseur des Films. Sacks stellte 4,2 Millionen Dollar zu Verfügung; weitere 3,3 Millionen lieh er sich von den Banken. Er verhandelte mit den Gewerkschaften, leitete die Produktion und mischte sich sogar in die Besetzung der Rollen ein. Kurz nach Ende der Fertigstellung erwarb Fox Searchlight die Filmrechte für fast sieben Millionen Dollar. Dank internationalen Vertriebseinnahmen in der Höhe von zwei Millionen Dollar sei er bereits in den schwarzen Zahlen, sagt Sacks. Eine Blitzkarriere, wie sie wohl nur in Hollywood möglich ist: Die Branchenbibel «Variety» zählte Sacks zuletzt schon zu den zehn Produzenten, «von denen in Zukunft mehr zu hören sein wird». Derweil ist der Internet-Krösus schon ganz in seiner neuen Heimat aufgegangen – er bezog soeben ein Appartement in dem Haus, in dem Regisseur Quentin Tarantino Teile seines Films «Pulp Fiction» gedreht hat.

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