Der Schriftsteller Tom Wolfe hat mit ­«Fegefeuer der Eitelkeiten» den bedeutendsten Roman über das New York der achtziger Jahre geschrieben. Das Buch wurde in den letzten Wochen ständig zitiert, denn der heute 77-Jährige beschrieb darin den Aufstieg der Börsenmakler zu selbstverliebten Egomanen, die sich «Meister des Universums» nennen.

BILANZ: Das sind schlimme Wochen. Man hat das Gefühl, die Welt sei ganz aus den Fugen geraten.

Tom Wolfe: Die ganze Sache, angefangen mit den faulen Immobilienkrediten, ist die Schuld der Computer. Ich habe mich neulich mit einem Banker unterhalten. Es ist noch gar nicht so lange her, 20 Jahre etwa, da hätte eine Investmentbank wie Lehman Brothers, wenn sie einen Packen Hypotheken hereinbekam, jede einzelne Hypothek ganz genau geprüft. Und sie hätte jede einzelne abgelehnt, die ihr seltsam erschienen wäre. Damals kamen solche Vorgänge noch in Papierform. Heutzutage bekommt man sie auf den Computerschirm, solche Schirme sind von hinten beleuchtet, und nichts ist nervtötender, als auf dem Schirm etwas zu lesen, das langweilig geschrieben und kompliziert ist. Das macht einen irre – versuchen Sie es mal. Also sagen sie heute «Zum Teufel damit!» und akzeptieren einfach das ganze Paket, anstatt wie früher jeden einzelnen Darlehensvertrag durchzulesen. So rächt sich jetzt die Technologie.

Sehr viele Grundstücksmakler glauben, dass New York wie durch ­einen Zauber vor der Finanzkrise geschützt sei.

New York ist geschützt in dem Sinne, dass es heute die Hauptstadt der westlichen Welt ist, so wie es Paris oder London zu Beginn der Moderne waren. Oder wie Rom in der Antike. Rom war die erste Hauptstadt der westlichen Welt. Hauptstädte ziehen immer viele Leute an, egal, wie die wirtschaftliche Lage ist.

Aber sind die Tage überteuerter Immobilien, wie zum Beispiel der 40-Millionen-Dollar-Apartments im Gebäude 15 Central Park West, nicht vorbei?

Das bezweifle ich. Ich habe nicht das Gefühl, dass das vorbei ist. Ich lese zwar immer wieder von diesem Gefühl. Aber ich laufe niemandem über den Weg, der dieses Gefühl tatsächlich hätte. Allerdings habe ich nicht mit den Angestellten der Investmentbanken gesprochen. Nebenbei bemerkt: Es gibt nichts Zweitklassigeres als Investmentbanken. Jeder clevere und ambitionierte junge Mann – und vergessen Sie junge Frauen, denn die spielen hier keine Rolle – will heute in einen Hedge Fund. Und ich wäre überrascht, wenn die Hedge Funds implodieren würden; die sind einfach schlauer. Welcher aufgeweckte Typ will schon Führungskraft in einer Firma wie Lehman Brothers werden, wo man missmutigen Angestellten das Händchen halten und vor missmutigen Direktoren einen Bückling machen muss? Wo man andauernd nett und korrekt angezogen sein muss? Das ist so was von zweitklassig. In diesen Firmen ist wirklich nur der Bodensatz übrig. Vielleicht könnte man sagen, Investment Banking ist heute so was wie vor 20 Jahren das Eisenbahngeschäft. Ein Anachronismus. Als ich «Fege­feuer der Eitelkeiten» schrieb, war es natürlich das ganz grosse Ding.

Warum taugt Investment Banking denn nichts mehr?

Weil der Vorort Greenwich in Connecticut die neue Wall Street ist. Man braucht diese Glas-Silos voller Menschen nicht mehr. Schauen Sie sich die Zahl der Angestellten an. Lehman? 28  000. Ein Hedge Fund in Greenwich kann die gleiche Menge Geld mit 20 Angestellten verwalten. Ich sage nicht, dass damit einer von beiden irgendetwas Gutes für die Welt getan hätte, aber das ist einfach das, was ich beobachte. Das kann sich natürlich alles ändern, jetzt, da uns alles um die Ohren fliegt.

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