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Entziffert: Der Aufenthalt in einem Spital dauert 12,4 Tage

Niemand auf der Welt bleibt so lange in einem Akutspital liegen wie ein Schweizer Patient, und zwar nach praktisch allen Operationen. Ist das nicht sonderbar?

Von Markus Schneider
19.04.2005

«Bisher wurden die Spitäler bei uns so geplant, dass man von jedem Dach eines Spitals das Dach des nächstliegenden sehen kann», spasst der Berner Gesundheitsökonom Gerhard Kocher. Tatsächlich ist die Schweiz mit Akutbetten so dicht versorgt wie kaum ein anderes Land im OECD-Raum. In Schweden genügen 2,4 Betten pro 1000 Einwohner, die Schweiz braucht deren 3,9. Und wer wissen will, wie gut diese vielen Betten belegt sind, staunt erneut: Die hiesige Belegungsquote ist mit 85 Prozent höher als in den meisten anderen OECD-Ländern.

Also stellt sich die Frage, ob wir Schweizerinnen und Schweizer etwa so viel kränker sind, dass wir deswegen öfter ins Spital müssten. – Das ist zum Glück nicht der Fall. In der Statistik der Krankenhausfälle bewegt sich unser Land im üblichen Rahmen. Luxemburg hat 17 626 Krankenhausfälle, Schweden 16 009, die Schweiz nur 15 414 (jeweils bezogen auf 100 000 Einwohner).

Doch treten wir einmal ins Spital ein, bleiben wir dort auffällig lange liegen. Laut den neuesten Daten des Bundesamts für Statistik beträgt ein Spitalaufenthalt in der Schweiz durchschnittlich 12,4 Tage und ist damit etwa doppelt so lange wie in der übrigen OECD. Die hiesigen Spitalverantwortlichen rechtfertigen diese Differenz gerne mit statistischen Verzerrungen, da Akut- und Pflegeabteilungen oft vermischt würden.

Nun hat die OECD aber eine CD-ROM herausgegeben, die internationale Vergleiche für jeden einzelnen operativen Eingriff erlaubt. Diese Zahlen sind verblüffend: Nach einer normalen Entbindung bleibt eine Mutter bei uns 6,3 Tage im Spital, während es in Schweden oder Holland 2,6 Tage sind, in Luxemburg 4,3 Tage. Nach einem Schenkel- oder einem Leistenbruch sind Patienten in der Schweiz 4,8 Tage hospitalisiert, in Schweden 2,2 Tage, in Holland 3,0 und in Luxemburg 4,1 Tage. Nach einer Prostatakrebs-Operation bleiben Männer hierzulande 11,6 Tage im Spital liegen, in Schweden 7,0 Tage, in Holland 8,7 und in Luxemburg 8,9 Tage. Ähnlich nach einer Brustkrebs-Operation: Frauen in der Schweiz sind 10,0 Tage im Spital, in Schweden 5,2 Tage, in Holland 6,7 und in Luxemburg 8,2 Tage. Nach einem akuten Herzinfarkt beträgt der durchschnittliche Spitalaufenthalt in der Schweiz 10,4 Tage, in Schweden 6,3 Tage, in Luxemburg 8,5 und in Holland 9,9 Tage. Noch grösser sind die Differenzen bei einem Spitaleintritt wegen Diabetes mellitus: 17,4 Tage Spitalaufenthalt in der Schweiz, 7,2 Tage in Schweden, 10,0 in Luxemburg und 14,0 in Holland.

So brisant diese Zahlen sind, sie werden kaum thematisiert. Dabei führt das Schweizer System eindeutig zu falschen Anreizen: Bei uns werden die Spitäler nach der Anzahl Belegungstage bezahlt: Je länger die Patienten bleiben, umso höher die Einnahmen. Könnten die Krankenkassen die Leistungen für jede einzelne Diagnose einkaufen, kämen wohl einige Spitäler unter Kostendruck. «Fallpauschalen», so nennt man diese Systeme im Ausland; erprobt sind sie in ganz Skandinavien und auch anderswo, nur in der Schweiz redet man bloss davon.

Übrigens: Schwedinnen und Schweden fühlen sich so gesund wie wir, sie werden auch praktisch gleich alt wie wir. Aber die Gesundheitskosten pro Kopf sind in Schweden ein Drittel tiefer.

Quelle: OECD-Gesundheitsdaten 2004: Vergleichende Analyse von 30 Ländern. CD-ROM. ISBN 92-64-10648-0

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