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Energiewirtschaft: Zwei Damen unter Strom

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Jasmin Staiblin (l.) von Alpiq und BKW-Chefin Suzanne Thoma.

Die Schweizer Energiewende braucht neue Gesichter. Jasmin Staiblin übernimmt bei Alpiq, Suzanne Thoma bei BKW. Sie müssen sich gegen starke Männer behaupten.

Von Ueli Kneubühler
2013-01-08

Vor politischen Schwer­ge-wichten kuscht sie nicht. Als jüngst Justizministerin Simonetta Sommaruga beim Wirtschaftsdachverband Economiesuisse für die Frauen­quote einstand, erhob sich das Vorstandsmitglied Jasmin Staiblin und schoss dagegen. «Weiterkommen soll, wer gut ist – unabhängig vom ­Geschlecht», sagt sie. Fast schon staatsmännisch habe sie gewirkt, erinnert sich ein Anwesender. Mit dem Bundesrat ­diskutiere sie auf Augenhöhe, sagen Begleiter. Als bodenständig, hochintelligent und pragmatisch beschreibt sie ein ­Konzernchef: «Ein Kaliber.» Das sind gute Voraussetzungen.

Denn Doris Leuthards Energiewende fordert neue Geschäftsmodelle – und neue Köpfe. In Olten und Bern haben zum ­Jahreswechsel die Kühlturmbosse ihre Sessel geräumt. Alpiq und BKW setzen auf Frauen. Die ehemalige ABB-Schweiz-Chefin Staiblin übernimmt bei Alpiq, bei BKW rückt Netzchefin Suzanne Thoma ganz nach oben. Unsichere Rahmen­bedingungen, Altlasten, Investitionen, neue Strategie, Kulturwandel: die gleichen Knacknüsse für zwei gegensätzliche Managerinnen.

Ausverkauf bei Alpiq. Die beiden eint der Pagenschnitt, im Charakter unterscheiden sie sich grundlegend. Die 50-jährige Thoma hält sich fit mit gesunder Ernährung, genügend Schlaf («Ideal sind acht Stunden») und regelmässiger Meditation. Staiblin (42) legt die Gegenspieler lieber aufs Kreuz. Sie tobte sich früher im Judo aus. «Ich war eine impulsive Sportlerin», sagte sie an einem ABB-Anlass. Und immer schön Körperkontakt. Oft stand sie in der Fankurve des Hockeyclubs Freiburg, den Stock des Torhüters hat sie sich sogar ersteigert. Es gibt aber auch die sanfte Staiblin. Sie strampelte auf dem Rennvelo, spielte Querflöte und Piccolo. Heute macht Managerin Staiblin vor allem «Denksport», witzelte sie einmal.

Zuckerbrot und Peitsche braucht sie auch bei Alpiq. Die sanfte Staiblin muss sich in Olten mit Energie-Veteran Hans Schweickardt arrangieren, die impulsive Staiblin den Sparkurs durch­boxen. Das Fusionsderivat aus Atel und EOS sitzt auf einem Schuldenberg von mehr als vier Milliarden Franken. Als Interims-CEO hat Schweickardt vorgespurt, die Sparschrauben sind angezogen. Er beschränkt sich nun aufs Präsidentenamt. «In dieser Tiefe haben wir noch keine Veränderungen erlebt. Bisher ging es immer nach oben. Jetzt aber heisst es: konsolidieren, vereinfachen, neu ausrichten», sagt ­Schweickardt. Was nicht zum Kern­geschäft gehört, wird verkauft: die ­Repower-Beteiligung, das Romande-Energie-Paket, die deutsche Energieversorgungstechnik. 1,5 bis 2 Milliarden Franken sollen die Verkäufe einbringen. Doch Abschreiber von 1,4 Milliarden Franken drücken den Jahrgang 2012 in die Verlustzone, wie schon im Vorjahr.

Rote Zahlen kennen sie auch in Bern. Die BKW wies 2011 erstmals in der Geschichte einen Verlust aus. Ballast muss weg. «Kosten runter, das ist heute unsere tägliche Realität», sagte die neue Chefin Thoma auf einem BKW-Podium. Eigentlich wären neue Geschäftsmodelle und Innovationen gefragt.

Personalabbau bei BKW. Im Gegensatz zu Staiblin braucht Thoma keine Aufwärmrunde. Sie ist seit gut zweieinhalb Jahren in der Konzernleitung. Bei Alpiq ist die Reise transparent, bei BKW weniger. 95 Millionen Franken jährlich sollen eingespart werden, auch mit dem Abbau von 255 Stellen. Thoma selbst hat bislang «gut 100 Sparprojekte zuzüglich der Tochter­gesellschaften» ausgemacht. Kosten senken heisst auch Mitarbeiter entlassen. «Es gibt sehr viel angenehmere Sachen. Aber manchmal muss es einfach passieren», sagt sie. Vor einigen Monaten war einer dieser Momente. Sie strich in ihrem Geschäftsbereich 55 Stellen.

Richtig happig wird es allerdings erst in Mühleberg. Früher ein Quell sprudelnder Gewinne, ist das Kernkraftwerk zum finanziellen Risiko verkommen. Mehr als 170 Millionen Franken müsste BKW in das Auslaufmodell stecken, um es über 2017 hinaus betreiben zu dürfen (siehe «Kraftakt für die Strombranche» nebenan). Die Abschaltung sei eine «ernsthafte Option», sagte unlängst Verwaltungsratspräsident Urs Gasche. Seine neue Chefin sieht das pragmatisch. «Haben wir Mühleberg nicht mehr, dann sind unsere Mittel kleiner. Das frühzeitige Abstellen wäre also für die Energiewende kontraproduktiv», sagte Thoma im September der Zeitung «Der Sonntag».

Auch die neue Chefin in Olten muss erst beweisen, dass sie für den Wandel steht. Energiepolitisch fährt sie eher die schweickardtsche Linie. «Im Moment können wir nicht auf Kernkraftwerke verzichten. Als Brückentechnologie sind sie notwendig», sagte sie vor dem Fukushima-GAU. Klar Stellung hat sie seither nicht bezogen. Was Wunder, wenn der zweitgrösste Alpiq-Aktionär aus dem Atomland Frankreich stammt.

Gradlinige Karrieren. Um klare Eingriffe war Staiblin bei ABB nicht verlegen. «Ist ein Entscheid einmal gefällt, gibt es kein Pardon mehr», sagt sie. 2009 forderte der Konjunktureinbruch seinen Tribut. Staiblin strich 200 Stellen. Es war ihr schwierigster Entscheid. «Sie hat den Betroffenen reinen Wein eingeschenkt und transparent informiert», erinnert sich ein Beteiligter.

Ihre Karriere scheint auf dem Reissbrett gezeichnet. 1997 der Einstieg als Forschungsassistentin bei ABB, Wanderjahre in Australien, neun Jahre später Länderchefin Schweiz. Planen lasse sich eine Karriere nicht, sagte sie zu Beginn als Schweiz-Chefin. Gedanken über die nächste Stufe wären nur hinderlich. Damit ist die Süddeutsche gut gefahren – und ABB Schweiz ebenso. Das Auftragsvolumen liegt mit mehr als drei Milliarden Franken rund ein Drittel höher als bei Staiblins Début. Sie gilt als durchsetzungsstark und äusserst beharrlich. Das gemachte Nest lässt sie nun für den Krisenkonzern Alpiq liegen. ABB habe ihr keine gleichwertige Alternative angeboten, heisst es im kleinen Kreis.

Auch Thoma hat den Karriere­schritt nicht geplant. «Als sich jedoch die Möglichkeit abzeichnete, habe ich mich bewusst für die Strombranche entschieden», sagt sie. Die Kombination aus Politik und Wirtschaft sage ihr zu. Thoma, Tochter eines eingewanderten Deutschen, aufgewachsen in Zug, dislozierte vor drei Jahren nach Bern. Beim Rapperswiler Mischkonzern Wicor leitete sie zuvor die Automobilsparte. Gekommen war sie als CEO vom Allschwiler Start-up Rolic Technologies, einem Zulieferer der Elektronikindustrie. Ihre beruflichen Wurzeln hat sie bei Ciba. Beim Basler Chemiekonzern arbeitete sie zwölf Jahre lang. Gleichzeitig hatte sie einen Fuss in der Politik. Sie war im Vorstand der FDP Basel-Stadt und präsidierte die Wirtschaftsförderung beider Basel.

Zupacken und Verantwortung übernehmen: Das haben die Stromchefinnen früh gelernt. Thoma hat zwei erwachsene Töchter, seit einigen Monaten eine Enkelin. Ihr sei es einfach nie in den Sinn gekommen, nicht zu arbeiten, sagt die BKW-Chefin mit Doktortitel im Verbandsmagazin von Swiss Engineering. «Wir haben immer in der Nähe des Arbeits­ortes gewohnt, und mein Mann hat alles mitgetragen, obwohl er beruflich auch immer sehr engagiert war.» Bereits als Kind angepackt hat Alpiq-Chefin Staiblin. Sie fühlte sich am wohlsten auf dem Traktor. Auf dem elterlichen Hof, einem Winzerbetrieb am Kaiserstuhl, aufgewachsen mit zwei Schwestern, «bin i dr Bua gsi». Sie hatte schon damals ihren eigenen Kopf. Heute sagt die Mutter eines dreijährigen Sohnes: «Ich sage, was ich gut finde, aber auch, was man verbessern muss.»

Historischer Graben. Verbesserungen sind bei Alpiq angebracht. Das Team um Hans Schweickardt hat die interne Struktur vernachlässigt. Staiblin muss den historischen Graben zwischen Deutschschweizer Fraktion (Atel) und Romands (EOS) kitten. Die Fusion trieb seltsame Blüten. Alpiq platzierte etwa den Holdingsitz in Neuenburg – auf halbem Weg zwischen Olten und Lausanne. Regionalpolitik à la Alpiq. Mittlerweile ist die Holding in Lausanne angekommen. Das ist neues Terrain für Staiblin, die mit ABB Schweiz eine stabile Ländergesellschaft im ABB-Kosmos führte. Sie versucht es mit Leidenschaft: «Wir müssen Begeisterung von innen heraus versprühen. Nur dann steckt man andere an, nur dann gibt es Leistung», appellierte sie bereits an alter Wirkungsstätte. Doch in Olten pfeift ein schärferer Wind. Vorwiegend aus Westen. Der 13-köpfige Verwaltungsrat ist ein Potpourri aus Deutsch- und Westschweizern, gewürzt mit einem kräftigen Schuss Paris. Der staatliche französische Energieversorger Electricité de France (EDF) ist zweitgrösster Alpiq-Aktionär. «Differenzen sind die Regel, Sitzungen und Debatten ziehen sich episch hin», sagt ein Beteiligter. Staiblin hat als Branchenfremde weniger Beisshemmungen. «Mit Jasmin Staiblin kommt neues Gedankengut ins Unternehmen», lobt Schweickardt. «Sie tickt anders als die politisch geprägte Strombranche. Das ist belebend.»

Franzosen gibt es bei der BKW nicht, dafür Kurt Rohrbach. Wenn Thoma das Gesicht von morgen ist, dann ist ihr Vorgänger jenes von gestern. Dieser behält wichtigen Einfluss: als vollamtlicher Vizepräsident im VR. Die beiden verstünden sich gut, heisst es. Nach nur zwei Jahren als BKW-Netzchefin hat Rohrbach die Chemieingenieurin Samuel Leupold vorgezogen. Der 42-Jährige ist seit sechs Jahren an Bord und verantwortet das wichtige internationale Energiegeschäft und den Handel. Und das ziemlich erfolgreich. Doch Leupold redete Rohrbach oft nicht nach dem Mund. Nun streicht er die Segel und verabschiedet sich Richtung Dänemark zum Neun-Milliarden-Konzern Dong Energy. Support erhielt Thoma auch vom Kanton Bern, der 53 Prozent am Konzern hält. Der Hauptaktionär habe eine Frau als Gesicht für die Energiewende vorgezogen, heisst es in der Hauptstadt.

Ob Frau oder Mann. Mit neuen Gesichtern ist es nicht getan. Neue Geschäftsmodelle sind gefragt. «Die Zeit für neue Atomkraftwerke ist abgelaufen. Jetzt ist die Zeit für erneuerbare Energien», lehrmeistert Bundesrätin Leuthard. Doch ob in Olten oder in Bern: Erst wird gespart.

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