Liebe Leserin, lieber Leser

Seit Franz B. Humer, erfolgreicher Roche-Chef und «BILANZ-Mann des Jahres 2006» bekanntgegeben hat, dass er nach zehn Jahren als operativer Chef des Basler Pharmakonzerns im Frühjahr 2008 sein Doppelmandat abgeben und sich auf das Verwaltungsratspräsidium zurückziehen will, existiert hierzulande in den Augen vieler eine Zweiklassengesellschaft in den Teppichetagen börsenkotierter Konzerne: hier die einsichtigen Konzernchefs wie Franz Humer, der auf dem Zenit des Erfolgs seine Doppelfunktion zur Verfügung stellt, dort die uneinsichtigen Konzernchefs wie Daniel Vasella, der Lenker des Pharmakonzerns Novartis, der keinen Effort erkennen lässt, ebensolches zu tun. Auf diese zweigeteilte Topografie deuten auch die medialen Reaktionen auf Franz Humers Selbstbeschränkung. Vasella, der Uneinsichtige, stehe nun «mit dem Rücken zur Wand», urteilt etwa die «Aargauer Zeitung», «Humer stiehlt Vasella die Show», titeln die «Neuen Luzerner Nachrichten», «König Vasella, der letzte Alleinherrscher!», meint populistisch das nationale Boulevardblatt «Blick».

Gut und Böse sind wie in einem griechischen Drama fein säuberlich identifiziert, das Wohlverhalten in Sachen Corporate Governance wird zum praktisch allein entscheidenden Beurteilungskriterium für unternehmerische Leistung hochstilisiert. Dabei ist klar, dass auch Daniel Vasella irgendwann in naher Zukunft das Doppelmandat aufgeben wird. Aber soll er es jetzt tun, da sein Kollege am Rheinknie diesen Schritt in dessen persönlichem Timing zum richtigen Zeitpunkt getan hat? Es wäre ein billiger, allzu billiger Applaus, den Daniel Vasella in diesem Falle bekäme.

In etwas mehr als zehn Jahren hat er die Jahrhundertfusion von Ciba und Sandoz zur Novartis erfolgreich vollzogen. Doch nun ist, vor dem Hintergrund des seit geraumer Zeit dümpelnden Aktienkurses, weder Zeit für Applaus noch für Anwürfe an die Adresse Vasellas. Der Novartis-Chef befindet sich, soweit das von aussen zu beurteilen ist, auf dem richtigen Pfad: Seit dem Kauf der deutschen Hexal ist der Pharmakonzern zum weltweit zweitgrössten Anbieter von Generika aufgestiegen – ein strategischer Quantensprung, dringen doch die Nachahmerprodukte immer stärker in die Phalanx der Markenpräparate ein. Wer beides im Sortiment führt, verfügt langfristig über einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Beim Nachschub sogenannter Blockbuster befindet sich Novartis derzeit möglicherweise nicht in absoluter Top-Verfassung, sei es, weil sich deren Zulassung verzögert oder Neuentwicklungen aus den Labors noch nicht marktfähig sind. Für ein Unternehmen der Pharmabranche besteht deshalb kein Grund zur Besorgnis, gehört diese Situation doch zum branchentypischen Konjunkturzyklus.

Erinnern wir uns an den Fall Roche. Jahrelang watete Franz Humer durch Untiefen, die weit dramatischer waren als solche Konjunkturzyklen: Vitaminskandal, Milliardenabschreiber auf dem firmeneigenen Wertschriftenportefeuille nach dem Börsencrash, Milliardenverluste, alles hat Humer erlebt und in dieser Zeit manch eine mediale Rücktrittsforderung dazu. Er hat mit bewundernswerter Konsequenz an seiner Vision eines führenden Gesundheitskonzerns im Bereich Pharma und Diagnostik festgehalten. Dass er nun im Hoch der Roche-Konjunktur unter Applaus als Konzernchef abtritt, ist sein verdienter Lohn. So gesehen ist der Unterschied zu seinem Konkurrenten bei Novartis so gross nicht: Vasella hat sein nächstes Konjunktur-Hoch noch vor sich. Und wenn er dann das Doppelmandat aufgeben wird, ist ihm der mediale Applaus sicher.

René Lüchinger, Chefredaktor BILANZ

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