Liebe Leserin, lieber Leser

Scheibenbremsen haben im Automobilbau die schönen alten Trommelbremsen abgelöst, weil Scheibenbremsen viel besser bremsen als Trommelbremsen. Genauso wie elektronische Einspritzanlagen die schönen alten Vergaser abgelöst haben, weil Einspritzmotoren den Vergasermotoren technisch haushoch überlegen sind.

Das ergibt Sinn und gilt, so könnte man meinen, analog in anderen Industriezweigen auch.

Falsch.

Würde die Automobilindustrie so funktionieren wie die Uhrenindustrie, wären Hunderte von Ingenieuren damit beschäftigt, die Trommelbremse zu verbessern. Und schöne alte Vergaser mit allerlei Tricks aufzumotzen. Obwohl das alles vergebliche Liebesmüh wäre. Weil, wie gesagt, Scheibenbremsen und Einspritzanlagen mit schöner alter Technik einfach nicht zu schlagen sind.

Auch in der Uhrenbranche gilt es als Tatsache, dass eine billige Quarzuhr präziser läuft als jeder mechanische Chronometer aus einer noblen Manufaktur. Dennoch werkeln überall Meister-Uhrmacher an der Verbesserung zum Beispiel von mechanischen Hemmungen. Als könnte das Rennen gegen die Elektronik dereinst doch noch gewonnen werden.

Die Frage, ob das sinnvoll ist, mag berechtigt sein, wirtschaftlich gesehen indes ist sie obsolet. Denn schöne mechanische Uhren verkaufen sich bestens, das zeigt sich am Erfolg, den die Schweiz mit ihnen hat. Unser Land produziert nur zwei Prozent der weltweit hergestellten Uhren, wertmässig machen Schweizer Uhren jedoch mehr als 50 Prozent aus. Und der Erfolg ist nachhaltig: Die Swatch Group hat erneut das beste Geschäftsjahr in ihrer Geschichte hingelegt, Rolex ist der grösste Arbeitgeber im Kanton Genf, und Finanzanalysten prophezeien, dass das Fest so weitergehen und der Anleger noch lange profitieren wird.

Schön, wenn die Branche derart Gas gibt – auch wenn der Weg technisch gesehen mitunter in die Vergangenheit führt.

Minutenrepetitionen zum Beispiel, Uhren also, die Stunden, Viertelstunden und Minuten mit feinen Tönen schlagen, sind im Luxussegment klar im Trend. Sie sind seinerzeit erfunden worden, weil man in Hotels wegen Brandgefahr in der Nacht kein Licht machen durfte, die Zeit aber dennoch wissen wollte, etwa um die Abfahrt der Kutsche nicht zu verpassen.

Der Minutenrepetitions-Trend löst langsam den Tourbillon-Trend ab. Zuvor gab es den Mondphasen-Trend, den Ewiger-Kalender-Trend und natürlich den Chronographen-Trend. Solcherlei lässt sich nicht vermeiden und ist gewiss ganz in Ordnung. Dennoch: Uhrenfreunde hätten gerne mehr Produkte, die einzigartig sind. Die keinem Trend folgen. Die nur ein Einziger herstellt. Die garantiert den Wow-Effekt auslösen.

Wo zum Beispiel ist die Uhr mit mechanischem Höhenmeter? Früher gab es die. Wo ist der Schweizer Hightech-Hybride – eine Uhr mit mechanischem Generator, der Strom für ein Schweizer Quarzwerk produziert? Wo ist die Komplikation, die bisher noch niemand gesehen hat? Wo der Schweizer Luxus-Quarz?

Wir wollen nicht schwarzmalen. Denn schlecht steht es nicht um die Branche, und es gibt auch viele wirklich gelungene Beispiele, wie Sie in der vorliegenden Spezial-Ausgabe nachlesen können. Dennoch: Wir wünschen uns ein bisschen weniger Kopien im Markt. Und ein bisschen mehr echte Neuheiten.

Pierre-André Schmitt, stv. Chefredaktor BILANZ

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