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Editorial: Grenzen des Wahnsinns

Nun tobt die scheinheilige Debatte um Löhne und Firmengewinne wieder. Dabei: Nicht die Saläre langfristig denkender Manager sind das Gift der Wirtschaft, sondern gierige Anleger und Analysten.

Von René Lüchinger
28.02.2006

Liebe Leserin, lieber Leser

Nun trommeln sie wieder. Seit die UBS Mitte Monat 14 000 000 000 Franken Gewinn für das Geschäftsjahr 2005 ausgewiesen hat – ein guter Teil davon entfällt freilich auf den Verkauf von bankeigenem Tafelsilber –, ist Feuer in vielen Kommentarspalten der heimischen Presse. «Geld wie Dagobert Duck», titelt etwa die «HandelsZeitung», die Anziehungskraft der Bank auf Kunden und Aktionäre resultiere aus «der Gier», vom «Magneten UBS» pekuniär profitieren zu können, urteilt die «Basler Zeitung», einen «Wahnsinnsprofit» notiert «Facts» mit Blick auf die Millionensaläre der Bank-Oberen. Aus solchen Worten schwappt die Sauce der Anstössigkeit: Derart hohe Gewinne sind unanständig, und unanständig sind die damit verbundenen Löhne der Topkader.

Wo aber beginnt der Wahnsinn? Bei fünf Milliarden Gewinn? Bei zehn? Bei zwanzig? Bei fünf Millionen Jahressalär? Bei zehn? Oder erst bei den fünfundzwanzig Millionen, die UBS-Präsident Marcel Ospel heuer verdienen dürfte? Welch scheinheilige Debatte! Solange wir in diesem Land das liberal-marktwirtschaftliche System nicht abzuschaffen gedenken, dürfen und sollen Unternehmen Gewinne machen. So viel sie wollen und so viel sie können. Davon profitieren der Fiskus, die Aktionäre, die Mitarbeiter. Und auch das Topmanagement. Ja, auch sie sollen verdienen. Meinetwegen so viel sie mögen. Sofern das Unternehmen erfolgreich ist. Nachhaltig erfolgreich, meine ich. Und das heisst: richtige Strategie, richtige Produkte, globaler Fokus. Stimmen diese Parameter, sollen die dafür verantwortlichen Topmanager kassieren dürfen – dank langfristigen Optionsplänen und Sperrfristen auf ihren Aktien, die eine kurzfristige Geschäftsoptik verhindern helfen.

Denn diese ist das eigentliche Gift der globalen Wirtschaft. Die aus den USA übernommenen Quartals- und Halbjahres-Reportings heizen die Gier von Analysten und Anlegern nach immer mehr Profit an. Und wo Gier grenzenlos erscheint, treibt sie mitunter seltsame Blüten: Als die Credit Suisse für das Geschäftsjahr 2005 einen Rekordgewinn von knapp sechs Milliarden Franken ausgewiesen hatte, kam es zu einer Verkaufswelle, und die Aktie fiel zeitweise um über acht Prozent. Der Grund: Analysten hatten mehr Gewinn erwartet. So wird eine Berufsspezies, deren Tun auf Spekulation angelegt ist, zum eigentlichen Taktgeber der Wirtschaft und von deren Führungspersonal.

Davon kann auch ein Daniel Vasella ein Liedchen singen. Der CEO von Novartis baut mit Akribie neben dem angestammten Geschäft das globale Generikageschäft aus. Eine an sich überzeugende Strategie, ist doch bei den Generika zukünftiges Wachstum zu erwarten. Zu teuer, schreien die Analysten, seien die in diesem Bereich getätigten Akquisitionen gewesen, und auch als Folge davon dümpelt der Aktienkurs einer an sich erfolgreichen Firma, die vor exakt zehn Jahren entstanden ist.

Vergessen wir nicht: Vor 150 Jahren war die Schweiz noch das Armenhaus Europas. Heute verfügt sie wohl über die meisten multinationalen Firmen der Welt – bezogen auf die Bevölkerungszahl. Statt uns über Gewinnhöhen und Lohnsummen zu mokieren, sollten wir ein bisschen stolz darauf sein. Andere, im Ausland, wären es. Die britische «Financial Times», die «ihren» Finanzplatz London mit nationalistischen Untertönen zu verteidigen pflegt, benötigte für die Würdigung des UBS-Abschlusses nur zwei Worte: «stellar performance».

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