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Möbelhandel 
Digital vermöbelt

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Möbelgeschäft: Das Shoppen der Zukunft wird auch stationär digital.Quelle: ZVG

Mit Livique hat Coop seine Vision vom Möbelhaus der Zukunft vorgestellt. Doch auch die Konkurrenz rüstet digital auf.

David Torcasso
Von David Torcasso
04.09.2018

Als einer der letzten grossen Möbelhändler – dafür mit der grössten Änderung – hat nun auch Coop seine Vision vom Möbelhaus der Zukunft vorgestellt: Aus Toptip – dem Namen, bei dem der Versprecher vorprogrammiert war – wird die Möbelkette Livique; zusammengesetzt aus den englischen Wörtern «living» und »unique», mit einem trendy Q und natürlich grossgeschrieben. Der hippe Name soll aber nicht nur gut klingen, sondern auch frischen Wind in das Angebot von Coops Möbelhaus bringen.

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Am Montag eröffnete Coop die erste Filiale von Livique im aargauischen Oberentfelden, 24 weitere werden bis Ende des Jahres folgen. Insgesamt sollen über 120'000 Quadratmeter mit rund 20'000 Artikel unter dem Dach von Livique entstehen. Im Laden ist das Verkaufspersonal mit Tablets ausgerüstet, mittels eines QR-Codes sollen die Möbel gleich im Wohnzimmer angesehen werden können, in der Leuchten-Abteilung Lumimart hängt eine VR-Brille.

Coop versucht wie alle anderen Möbelhändler in der Schweiz, die Vorteile des stationären Handels mit denen der Online-Welt zu verknüpfen. Dazu möchte man das Angebot trendiger gestalten, sagt Coop-Chef Joos Sutter. Einen Preisanstieg soll es dabei aber nicht geben: «Die Neupositionierung führt nicht zu höheren Preisen», verspricht Sutter. 

Anteil der Möbelhändler (Wohnen) am Schweizer Onlinehandel.

Möbel sollen auch auf Microspot erhältlich sein

Den Einsatz neuer Technologien in Möbelläden verfolgen auch andere Anbieter wie etwa Möbel Pfister: Zum Erscheinen des neuen Katalogs letzte Woche hat Möbel Pfister auch gleich den Onlineshop komplett überarbeitet und setzt auf Videos, 360-Grad-Fotos und Visualisierungen und Stimmungsbildern von Räumen. Dafür hat Pfister am Hauptsitz im aargauischen Suhr ein eigenes Fotostudio eingerichtet und arbeitet mit einem internen Entwicklerteam am Auftritt.

Pfister verfolgt auch den Ansatz «mobile first». Über die Hälfte der Kunden gelangen über das Smartphone auf die Website des Suhrer Möbelhauses. Das ist auch bei Livique der Fall – die meisten schauen sich die Möbel zuerst per Smartphone an. Doch Coop-Chef Sutter sagt auch: «Es wollen nicht alle alles nur digitalisiert erhalten. Viele Kunden wollen die Möbel anfassen. Wir wollen alle Bedürfnisse abdecken.» 

Die Möbel von Livique sollen künftig auch in Coops Onlineshop Microspot erhältlich sein. Damit wolle man mehr Marktanteile gewinnen, sagt Sutter. Der Fokus bei dem Angebot auf Microspot soll aber auf Home-Acessoires gelegt werden. 

Individualisierte Möbel

Migros-Chef Fabrice Zumbrunnen hat vergangene Woche «die Zukunft von Interio» vorgestellt, dem Möbelhändler der Migros. Der Chef der Migros-Tochter nennt Interio kurzerhand einen «begehbaren Onlineshop». Der physische Laden und der virtuelle Laden sollen von der Struktur und den Farben genau gleich aufgebaut werden. Damit sollen sich die Kunden besser zurechtfinden, wenn sie zuerst die Produkte online anschauen, bevor sie den Shop betreten. Dazu will Interio in den Filialen mit Touchdisplay, QR-Codes und Augmented Reality das Erlebnis vor Ort, aber auch zu Hause verbessern. Zuhause die Wohnung virtuell einrichten ist allerdings kostenpflichtig, werden aber beim Möbelkauf angerechnet, heisst es von Interio. 

Coops neue Möbelmarke Livique

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Einblick in das neu gestalteten Möbelhaus Livique in der ehemaligen Toptip-Filiale in Oberentfelden. Coop ersetzt früheren Toptip-Standorte durch seine neue Möbelmarke.
Quelle: Keystone

Für die längst in die Jahre geratene Ausrichtung von Toptip ist es Zeit geworden, das Konzept zu überdenken. Neben einer stärkeren Fokussierung auf Online möchte Livique mit «Customizing» auftrumpfen und sich gegenüber der Konkurrenz mit personalisierten Möbeln abheben. «Es gibt über 100'000 personalisierbare Möbel-Varianten», sagt Livique-Chef Oliver Roth.

So kann man etwa ein Sofa in verschiedenen Farben, mit anderen Füssen, Kissen, Armlehnen oder auch Stoff oder Leder bezogen bestellen. Dabei soll es von einem Möbelstück viele Varianten geben. Mehr kosten sollen die Möbel deshalb nicht: «Unsere Zulieferer haben neue Herstellungsverfahren entwickelt, mit denen wir die Möbel noch mehr nach den ganz individuellen Wünschen der Kunden gestalten können», sagt Roth.

Klein, aber fein

Toptip – laut GfK Schweiz nach Ikea, Pfister, Conforama, Micasa und Lipo der sechstgrösste Möbelhändler der Schweiz — hat zwischen 2016 und 2017 rund 4 Prozent an Umsatz verloren, wie die meisten Händler in der Schweiz. Im Report «Detailhandel Schweiz» analysiert GfK Schweiz auch die Lage der Händler, die Wohnungseinrichtungen verkaufen. Nach der Kampfansage durch den Markeintritt von der österreichischen Kette XXXLutz in der Schweiz sei der Markt zurzeit im Umbruch, schreibt das Marktforschungsinstitut. Das scheinen auch die grossen Schweizer Möbelhändler realisiert zu haben. Es scheint, als hätten sie sich beim Rollout von neuen Onlineshops und Auftritten abgesprochen – der Relaunch erfolgte bei vielen in den letzten Wochen. 

Spannend seien vermehrt Konzepte, die sich nicht auf sperrige Möbel, sondern auf Innendekoration setzen, schreibt das GfK Schweiz. Beispiele sind Zara Home, Deport oder Flying Tiger. Auch Livique setzt auf Accessoires: Statt Dutzende von Sofas oder Betten stehen im Eingangsbereich Kerzen, Lampen, Duftstäbe, Kissen und weitere Dekorationsgegenstände.

GfK Schweiz prognostiziert dem Onlinehandel mit Möbeln weiteres Wachstum, da diese Branche im Online-Bereich noch «schwach» sei. Man erwarte ein Wachstum von bis zu 7 Prozent. Dabei müsse das Kundenerlebnis auf der Website sowie die Verfügbarkeit im Laden verbessert werden, empfehlen die Marktforscher.