Der Verlust an Biodiversität hat in den letzten Jahren gefährliche Ausmasse angenommen. Als Biologe und Unternehmer bin ich überzeugt, dass hier eine grosse Chance für die Wirtschaft besteht: Statt Teil des Problems zu sein, kann die Wirtschaft Teil der Lösung werden. Die Gesellschaft ist bereit, für die Förderung von Biodiversität zu bezahlen, was Erfolg verspricht für Umwelt, Mensch und Wirtschaft.

Was ist eigentlich die Biodiversitätskrise? Die Biodiversität sind alle Pflanzen und Tiere in ihren unterschiedlichen Lebensräumen. Die vielfältigen und hochkomplexen Wechselwirkungen unter ihnen bilden das Gleichgewicht der Natur. Werden die unterschiedlichen Lebensräume vereinheitlicht und sterben Pflanzen oder Tiere aus, gerät dieses Gleichgewicht ins Wanken. Dies birgt auch für den Menschen weitreichende Gefahren.

Eine Million Arten – Tiere und Pflanzen – sind zurzeit unmittelbar vom Aussterben bedroht, wie ein vor kurzem veröffentlichter Uno-Bericht über den sich rasant verschlechternden Zustand der globalen Biodiversität festhält. Auch die Schweiz ist keine Ausnahme, und obwohl sich der Mythos einer heilen Schweizer Natur hartnäckig in vielen Köpfen hält, ist es offensichtlich: Wir verwandeln unser Land in einen einzigen Golfplatz; in eine karge Landschaft gesäuberter Wälder inmitten grüner Wüsten.

Verlust der Biodiversität

Fast alle Wiesen im Mittelland sind stark überdüngt, die Gräser verdrängen die Wildblumen. Der Angriff auf die Alpengebiete, die letzten zusammenhängenden Naturregionen der Schweiz, ist bereits in vollem Gang: Mit Feuerwehrschläuchen wird die Gülle auf die abgelegensten Alpwiesen gespritzt, was deren fragiles Gleichgewicht zerstört. Auch im Siedlungsraum bekämpfen viele Schweizer die Wildblumen in ihren Gärten und dämonisieren sie als Unkräuter. In diesem Vernichtungsrausch werden alle Register gezogen: Es wird geschoren und gerupft, vergiftet und gefräst. Die Folge ist eine beispiellose Verarmung von Flora und Fauna – der Verlust der Biodiversität.

Das Aussterben eines Lebewesens ist eine irreversible Katastrophe: Einmal verschwunden, bleibt es für immer verloren. Dabei sind wir Menschen vom Verlust der Biodiversität viel stärker betroffen, als viele denken – denn wir sind ein Teil davon. Wir nutzen dieselben Lebensräume, ernähren uns von demselben Boden. Wir beziehen laufend Ökosystemleistungen: Pflanzen binden CO2 und produzieren Sauerstoff, Bienen bestäuben unsere Nahrungspflanzen, und Regenwürmer halten den Boden fruchtbar.

Diese Leistungen sind gratis und bleiben oft unbemerkt; gleichzeitig sind sie notwendig für unser Überleben. Es wäre töricht, die Biodiversität nicht zu schützen und uns um die lebensnotwendigen Ökosystemleistungen zu bringen.

Gutes tun und damit Geld verdienen

Endlich kommt das Thema in den Medien und in der Gesellschaft an: Die Menschen sind vermehrt bereit, Zeit, Energie und Geld in die Förderung der Biodiversität zu investieren. Auch auf die Politik steigt der Druck, geeignete Rahmenbedingungen für den Schutz der Biodiversität zu schaffen. Sind diese gegeben, entsteht hier ein Markt, den Unternehmen bedienen können.

Wildbiene und Partner, unser 2013 gegründetes Unternehmen, ist ein Beispiel für die neuen wirtschaftlichen Chancen, die sich bieten. In wenigen Jahren konnten wir Zehntausende Menschen für die nützlichen Wildbienen begeistern und sie für die Biodiversität sensibilisieren. Wir haben fast 10 000 Quadratmeter biodiversitätsfördernde Wildbienengärten geschaffen und rund 30 000 einheimische Wildpflanzen verkauft. Wer sich mit der Biodiversitätskrise auseinandersetzt und einen Geschäftssinn mitbringt, kann erfolgreich wirtschaften: Gutes tun und damit Geld verdienen ist kein Widerspruch.

*Claudio Sedivy ist Doktor in Biologie und hat 2013 das ETH-Spin-off Wildbiene und Partner gegründet, das heute rund 20 Mitarbeitende beschäftigt.

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