Das Swissair-Debakel vor 15 Jahren - ein Rückblick
Am 2. Oktober 2001 geschah auf dem Flughafen Kloten, was niemand für möglich gehalten hätte: Die Flotte der Swissair blieb auf dem Boden, die Airline war am Ende. Ein Rückblick.
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Die Geschichte der Swissair in Bildern:26. März 1931, ein historischer Tag in der Geschichte der Schweizer Luftfahrt: Die Swissair wird durch die Fusion der beiden Fluggesellschaften Ad Astra Aero und Balair von Balthasar Zimmermann und Walter Mittelholzer gegründet.RMSDie Swissair erlebt einen kontinuierlichen Aufstieg. Sie etabliert sich bis hin zur Vorzeige-Fluggesellschaft.RMSIm Dezember 1992 stimmt die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung gegen die EWR-Verträge. Dadurch wird das bilaterale Luftverkehrsabkommen zwischen der Schweiz und der EU blockiert.RMSJanuar 1997: Auf den europäischen Markt hat die Swissair keinen Zugriff mehr. Um die Nachteile auf dem Markt zu beheben, setzt SAirGroup-CEO Philippe Bruggisser auf eine neue Strategie. Ziel ist die Expansion durch Kapitalbeteiligungen bei nationalen Fluggesellschaften wie zum Beispiel Volare...RMS...Air Littoral...RMS.... oder Sabena.RMSAm 15. November 1998 liberalisiert die Revision des Luftfahrtgesetzes den schweizerischen Luftverkehr.RMS23. Januar 2001: Die «Hunter-Strategie» wird per sofort beendet. Die Swissair zieht sich aus den Beteiligungen zurück.RMSIm März 2001 wird Mario Corti zum neuen CEO der SAirGroup ernannt. Anfang April muss der neue Konzernleiter einen fatalen Verlust von rund 2,9 Milliarden Franken verkünden.RMSDie Terroranschläge vom 11. September machen der Swissair einen weiteren Strich durch die Rechnung. Der Nordatlantik-Flugverkehr wird unterbrochen. Die bereits mit 17 Milliarden Franken verschuldete Swissair büsst zusätzlich 65 Millionen Franken an Schulden ein.RMSAm 1. Oktober muss der Swissair-Verwaltungsrat das von den beiden Grossbanken UBS und Credit Suisse erarbeitete «Projekt Phoenix» akzeptieren.RMS1. Oktober 2001: Für diesen Entscheid mitverantwortlich war Marcel Ospel. Der damalige UBS-CEO hatte nach dem Grounding mit grosser Kritik zu kämpfen.RMS1. Oktober 2001: Die Swissair gibt die Selbständigkeit auf. Teile des Swissair-Flugbetriebs werden durch Crossair übernommen.RMSAm 2. Oktober 2001 wird die Swissair wegen zu spätem Zugriff auf einen von den Banken zugesagten Kredit für Kerosin gegroundet. Zahlreiche Flüge fallen aus, mehr als 38'000 Passagiere sitzen fest.RMS3. Oktober 2001: Der Bund ermöglicht durch einen Notkredit von 450 Millionen Franken das Wiederaufnehmen des Flugbetriebs.KeystoneIm März 2002 stellt die Swissair nach über 70 Jahren im Fluggeschäft den Betrieb ein. Nebenbei wird die neue Schweizer Fluggesellschaft Swiss gegründet und gestartet.RMSMärz 2005: Die Swiss wird von der deutschen Lufthansa aufgekauft, bleibt allerdings weitgehend selbständig.RMSAm 31. März 2006 erhebt die für Staatsanwaltschaft Zürich Anklage gegen 19 Personen. Unter den Angeklagten befinden sich die Mitglieder des damaligen Verwaltungsrates, die beiden Konzernchefs und weitere Mitglieder der Geschäftsleitung.RMSDer Prozess dauert von Januar 2007 bis März gleichen Jahres. Am 7. Juni 2007 werden alle Angeklagten freigesprochen. Bilder: KeystoneRMS
Am 2. Oktober 2001 ging bei der Swissair gar nichts mehr. Weil der Fluggesellschaft das Geld ausgegangen war, blieben ihre Flieger am Boden. Es war ein Schock für die Nation, der den Bundesrat und die Banken zum Umdenken brachte.
«Das Grounding bleibt ein trauriges Kapitel der Schweizer Wirtschaftsgeschichte, aus dem wir jedoch die Lehren gezogen haben», sagt Andreas Wittmer, Luftfahrtexperte an der Universität St. Gallen, auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda. «Wir haben gelernt, dass auch das renommierteste Unternehmen untergehen kann.»
Anschluss an die Luftfahrtallianz
Swissair, das war ein Unternehmen, auf das die Nation stolz war. Wittmer trauert dem jedoch nicht nach. Für ihn geht auch die Lufthansa-Tochter Swiss als nationale Airline durch. «Das Entscheidende für ein Exportland wie die Schweiz ist, dass die Swiss selbstständig über die Flugziele entscheiden kann», sagt Wittmer.
In der Flugindustrie sei es entscheidend, dass ein Unternehmen eine kritische Grösse erreiche. Ein wichtiger Teil davon sei, dass die Swiss Anschluss an die Luftfahrtallianz StarAlliance gefunden habe.
Hunter-Strategie
Der Swissair brachten ihre Allianzen dagegen kein Glück. 1997 startete der damalige Konzernchef Philippe Bruggisser eine aggressive Kaufstrategie - die so genannte Hunter-Strategie. Bruggisser hoffte nach dem EWR-Nein mit dem Kauf von vielen kleinen aber eben auch unrentablen Fluggesellschaften und dem Schmieden von Allianzen die kritische Grösse der damals bereits isolierten Swissair zu erreichen.
Die Hunter-Strategie jedoch scheiterte kläglich. Bruggisser musste den Hut nehmen. Anfang 2001 übernahm für kurze Zeit Crossair-Besitzer Moritz Suter das Ruder der nationalen Airline. Nach dem Rücktritt des gesamten Verwaltungsrates mit seinem Präsidenten Eric Honegger folgte «Super-Mario» Corti. Aber auch der ehemalige Nestlé Finanzchef konnte den Sinkflug nicht stoppen.
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Letzte Rettungsversuche
Corti wurde dabei vor allem von der Swissair-Hausbank UBS unter der Führung von Marcel Ospel unter Druck gesetzt. Corti sollte später Ospel für das Grounding verantwortlich machen. Die Terroranschläge in New York am 11. September 2001 waren für die Airline-Branche ein Schlag, der der Swissair schliesslich das Genick brach.
Corti versuchte danach zwar noch mit Hilfe des Bundes und dem Aufbau einer Auffanggesellschaft unter dem Dach der Crossair die Airline in der Luft zu halten. Am 29. September lehnte es der Bundesrat jedoch ab, eine finanzielle Garantie zu gewähren. Am 1. Oktober übernahm die Crossair unter der Führung von André Dosé das Fluggeschäft der Swissair. Die SAirGroup, die SAirLines und Flightlease - die Betreibergesellschaften der Swissair - wurden in Nachlassstundung geschickt.
Grounding
Diese Rettung kam aber zu spät. Am 2. Oktober kurz nach Mittag musste die Swissair den Flugbetrieb einstellen, weil ihr das Geld fehlte, um den Flugtreibstoff zu bezahlen. Rund 260 Maschinen und mit ihnen rund 19'000 Passagiere blieben an diesem Tag am Boden.
Es war ein Schock für die Nation, der auch den Bundesrat und die Banken zum Umdenken brachte. Mit einem Notkredit wurde ein reduzierter Flugbetrieb bereits am nächsten Tag wieder aufgenommen.
Am 1. April 2002 landete der letzte Linienflug aus Sao Paulo um 7.15 Uhr auf der Piste 16 des Flughafens Zürich-Kloten. Der Name Swissair war damit nach 71 Jahren definitiv Geschichte.
Danach zwangen die Überkapazitäten in der Airlinebranche, der Irakkrieg und die hohen Ölpreise die Swiss die Flotte fast um die Hälfte zu reduzieren. Im März 2005 schliesslich übernahm die Lufthansa für den Preis von 339 Millionen Franken die nationale Airline.