Bereits nach gut einem Jahr muss Konzernchef Tidjane Thiam seine Umbaupläne für die Credit Suisse nachbessern. Die maue Marktentwicklung zwingt die zweitgrösste Schweizer Bank, Abstriche beim Wachstum zu machen und sich von ihren Gewinnzielen zu verabschieden.
Thiam, 2015 als Hoffnungsträger an die Konzernspitze geholt, heimste mit der Ankündigung einer weiteren Sparrunde zwar Applaus von den Anlegern ein. Ausbaden müssen das aber die Mitarbeiter, auf die eine weitere Runde an Stellenstreichungen zukommt. Der Ivorer gab sich am Mittwoch unbeirrt: «Ein Jahr nach der Umsetzung unseres Plans glauben wir, dass die Strategie stimmt.»
Messlatte von Beginn an hoch
Thiam legte die Messlatte von Beginn an hoch. Als er im Oktober 2015 erstmals seine mittelfristigen Gewinnziele präsentierte, war das Verdikt der Anleger eindeutig: Das schafft er nur mit viel Rückendwind. Doch die Marktentwicklung machte Thiam einen Strich durch die Rechnung. Viele Anleger, gerade in der Boom-Region Asien, halten sich zurück, sodass die Banken weniger Gebühren einstreichen können. Dem tragen die neuen Ziele nun Rechnung. Bis 2018 peilt die Bank in den drei Vermögensverwaltungsdivisionen nur noch einen Vorsteuergewinn von insgesamt 5,7 Milliarden Franken statt wie bisher 6,5 Milliarden Franken an.
40 Prozent an Wert verloren
Analysten beurteilten auch das noch als ehrgeizig, begrüssten aber den neuen Realismus. «Der Markt reagiert erleichtert, weil CS nicht länger Luftschlössern hinterher jagt», erklärten die Experten der Zürcher Kantonalbank. An der Börse kletterte die Aktie 8 Prozent auf den höchsten Stand seit April. Hilfreich war Händlern zufolge auch der Hinweis, dass die Volumen im wichtigen Aktienhandel nach den US-Wahlen angezogen haben. Verwöhnt wurden die Investoren bisher nicht. Seit Thiam im Oktober 2015 seinen Marschplan präsentierte, verlor die Aktie fast 40 Prozent an Wert.
Trotz des Gegenwinds glaubt Thiam weiter an Asien, wo der Reichtum wächst wie nirgends sonst. Das erkennen auch die Investoren an: «Credit Suisse hat recht, das Baby, das dereinst zu einem Erwachsenen werden könnte, nicht fallen zu lassen», erklärte einer der 40 grössten Aktionäre. «Kostensenkungs-Massnahmen bergen immer das Risiko, zukünftige Wachstumschancen den kurzfristigen Ergebnissen zu opfern.»
Maschinen statt Menschen
Die Hoffnungen auf ein starkes Ertragswachstum muss Thiam wohl begraben. Um die Gewinnprognosen nicht noch stärker zu senken, dreht der frühere McKinsey-Berater verstärkt an der Kostenschraube. Bis 2018 will das Institut die Ausgaben um eine weitere Milliarde auf unter 17 Milliarden Franken drücken. Das bekommt auch das Personal zu spüren. Im laufenden Jahr habe das Institut bereits 6050 Stellen gestrichen. «Das wird nicht aufhören», betonte Thiam. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen rund 47'000 Mitarbeiter. Maschinen sollen zunehmend Menschen ablösen. Bisher durchleuchteten Mitarbeiter mögliche Kunden, die ihr Geld der Bank anvertrauten wollten. In Zukunft soll vermehrt Technologie Alarm schlagen, wenn Mittel unversteuert sind oder aus illegalen Geschäften stammen.
Kostensenkungen schneller als bei Konkurrenz
Thiam strich heraus, dass die Credit Suisse mit Kostensenkungen schneller vorankomme als die vergleichbaren Konkurrenten. «Im Verlauf von 2016 haben wir eine ganze Reihe von schwierigen, aber wichtigen Schritten unternommen, um den Grundstein für eine stärkere und widerstandsfähigere Credit Suisse in der Zukunft zu legen.
Auch die Deutsche Bank oder die Commerzbank wollen Tausende Arbeitsplätze abbauen. Anders als Credit Suisse hat die Deutsche Bank bislang kein konkretes Gewinnziel enthüllt, weil sie noch mitten im Umbau steckt. Vorstandschef John Cryan, seit dem Sommer 2015 am Ruder, brütet aber über der Frage, wie die «Strategie 2020» geschärft werden kann, damit Deutschlands grösstes Geldhaus die Verlustzone dauerhaft verlassen kann. Entscheidungen werden Anfang 2017 erwartet. Zunächst muss sich die Bank aber über einen Vergleich zu Tricksereien auf dem US-Immobilienmarkt vor der Finanzkrise einigen. Hier kommt eine milliardenschwere Strafe auf die Bank zu.
CS droht eine hohe Busse
Der Credit Suisse droht für ähnliche Fehler ebenfalls eine hohe Busse. Die Bank warnte denn auch, dass die Kapitalziele nur gelten, wenn nicht hohe Rechtskosten das Resultat verderben. Dank einer im vergangenen Herbst hastig vorgenommenen Kapitalerhöhung von 6 Milliarden Franken ist die Credit Suisse bezüglich ihrer Wetterfestigkeit zwar nicht mehr Schlusslicht in ihrer Vergleichsgruppe. Mit weiteren Verbesserungen tut sich die Bank aber schwer und nahm das Ziel für die Kernkapitalquote im Jahr 2018 zurück. Weitere Mittel soll der Teil-Börsengang des Schweizer Geschäfts im zweiten Halbjahr 2017 bringen.
Sehen Sie in der Bildergalerie unten, wer die fünf wichtigsten Banker der Schweiz sind:
Auf der Basis einer umfassenden Branchen-Recherche wurden die 100 wichtigsten Schweizer Banker gelistet. Das ist die Top 5:Platz 5: Boris Collardi, CEO Julius BärAngesichts des gelungenen Ausbaus der Bank hat der CEO intern eine starke Rolle erlangt und agiert zunehmend eigenmächtig. Er gilt als Empire Builder, der Vertraute um sich schart, der Verwaltungsrat hingegen gilt als schwach. RMS Platz 4: Tidjane Thiam, CEO Credit SuisseAls er im Frühling 2015 zur Credit Suisse kam, galt er als Hoffnungsträger. Doch inzwischen ist die Euphorie vielerorts verflogen: Die im Herbst verkündete Strategie gilt vielen als überambitioniert, der Aktienkurs der Bank ist seit Monaten auf Sinkflug. RMS Platz 3: Herbert Scheidt, Präsident Vontobel und Präsident BankiervereinigungAls frischgebackener Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung hat sich der 65-Jährige einen Knochenjob geangelt. Nicht nur muss er den Finanzplatz weiter gegen die Attacken des Auslands verteidigen, sondern auch für Ruhe im Verband sorgen. Gut, dass er in seinem eigentlichen Job als Präsident der Bank Vontobel etwas Ruhe hat, läuft das Geschäft doch rund. RMS Platz 2: Patrik Gisel, CEO RaiffeisenEr hat sich schnell aus dem grossen Schatten seines Vorgängers Pierin Vincenz gelöst: Seit einem Jahr an der operativen Spitze der Raiffeisen Gruppe, hat sich Gisel nicht gescheut, einzelne Weichenstellungen rückgängig zu machen. RMS Platz 1: Sergio Ermotti, CEO UBSDer UBS-Chef hält seine Spitzenposition. Der Einbruch der Bankaktien ging zwar auch an der UBS nicht vorüber – mit einem Wert um 14 Franken liegt das Papier noch immer deutlich entfernt von der 26-Franken-Marke, die der Konzernchef als Ziel ausgegeben hat. Doch dass die Bank noch immer auf der Höhe ihres Buchwerts handelt, zeigt ihren Vorsprung gegenüber dem Grossteil der Rivalen. Bilder: Simon Dawson/Bloomberg, Keystone RMS