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Credit Suisse: Der Aufsteiger

Es ist die wichtigste Neubesetzung 2011: Urs Rohner wird Präsident der Credit Suisse. Wie es der Nicht-­Banker nach oben schaffte – und wie er die Bank und den Schweizer Finanzplatz prägen will.

Von Erik Nolmans
17.12.2010

Konkurrenz ist Urs Rohner gewohnt. Als ehemaliger Schweizer Meister über 110 Meter Hürden hat er in der Jugend gelernt: Das Rennen ist erst im Ziel zu Ende. «Ich habe oft Leute noch an der zehnten Hürde stürzen sehen», so Rohner.

Er selber ist in seiner Karriere nicht gestolpert. Nun krönt er seinen Lauf mit einem der höchsten Jobs der Schweizer Wirtschaft: dem Präsidium bei der Credit Suisse. An der Generalversammlung vom April 2011 soll der 51-jährige Vize seinen Chef Hans-Ulrich Doerig ablösen.

Es ist nicht nur der Startschuss für eine neue Ära bei der Grossbank. Es ist auch für den Schweizer Finanzplatz die Chance für einen Neubeginn. Denn der neue CS-Präsident soll 2011 auch antreten, um mitzuhelfen, die verlorene Ehre des Schweizer Finanzplatzes wiederherzustellen. Als Vertreter der Branche selber, als eine Art «Mr. Swiss Banking», bietet sich ihm die Chance, ein Gegengewicht zu den staatlichen Repräsentanten wie dem Nationalbank-Präsidenten Philipp Hildebrand zu bilden, die dieses Dossier bestimmen.

Die Erwartungen sind hoch, der Druck auf den Neuen gross. Kommt erschwerend hinzu: Mit Urs Rohner rückt ein Mann an die Spitze des Schweizer Finanzkolosses, der erst seit wenigen Jahren im Banking ist. Der gelernte Jurist war lange Wirtschaftsanwalt und danach Fernsehmanager. Erst 2004 stiess er zur Bank. Umso erstaunlicher, dass der Quereinsteiger sich derart schnell in einem Grosskonzern wie der Credit Suisse etablieren und ganz nach oben arbeiten konnte. Was ist das Geheimnis von Urs Rohner?

Sängerknabe. Der zukünftige Bankpräsident stammt aus einfachen Verhältnissen. Aufgewachsen ist er in Zollikerberg, einem Ort nahe der Zürcher Goldküste – und doch nicht Teil davon. Ein Ort, der den Ehrgeiz weckt und von dem aus viele irgendwo hinwollen, angelockt auch vom mondänen Leben gleich ennet dem Hügel, das Nachbargemeinden wie Zollikon versprechen.

Sein Vater war Versicherungsbeamter. Ein gebildeter, aber bescheidener Mann, der Latein und Griechisch konnte, «ein Philosoph», wie Urs Rohner sagt. Der kleine Urs spielte Geige und sang bei ­den Zürcher Sängerknaben. Sein Wunschberuf als Knabe war Opernsänger.

Heute pflegt er die Leidenschaft fürs Singen nur noch selten. Etwa vor einem Jahr am Fest zu seinem 50.  Geburtstag. Im CS-Veranstaltungszentrum in Horgen sang er Louis Armstrongs «What a Wonderful World». Unter den zahlreichen Gästen waren seine Partnerin Nadja Schildknecht, Ex-Model und Geschäftsführerin des Zurich Film Festival, sowie Freunde und Schweizer Wirtschaftsprominenz. Etwa Nestlé-Verwaltungsrätin Carolina Müller-Möhl, die Bankierskollegen Martin Bisang von der Bellevue Bank und Christian Camenzind von Sal. Oppenheim, die CS-Konzernleitungskollegen Walter Berchtold, Hans-Ulrich Meister und Romeo Cerutti sowie Mentoren wie der CS-Verwaltungsrat und Ex-Präsident Walter Kielholz oder Wirtschaftsanwalt Peter Hafter.

Rohners prominenter Bekanntenkreis ist nicht nur Zeichen erfolgreichen Networkings, sondern auch der Fähigkeit, Freundschaften zu knüpfen. Viele Bekanntschaften pflegt er seit der Zeit, bevor er in die Topetage der Wirtschaft aufgestiegen war. Sein Netzwerk wird ihm dabei helfen, seine Vorstellungen in und ausserhalb der Bank umzusetzen. ­Seine Verwurzelung in der Schweiz ist wichtig für einen Konzern, der mit Brady Dougan einen Amerikaner an der operativen Spitze hat.

Rohner ist Einzelkind, fast etwas gehätschelt, wie sich Spielkameraden erinnern. Früh kam er mit einem Bereich in Kontakt, der für ihn später wichtig werden sollte: dem Fernsehen. Als Fünfjähriger trat er in TV-Werbespots für Fischstäbchen und Mayonnaise aus dem Hause Thomi + Franck auf, einer Tochtergesellschaft des Nahrungsmittelkonzerns Nestlé. Das war 1964. Gerne necke er Nestlé-Präsident Peter Brabeck mit dem Spruch, dass er schon für Nestlé gearbeitet habe, als jener noch nicht einmal gewusst habe, was Nestlé sei, erzählt Rohner lachend.

Aus dem Knaben wurde ein Top-Hürdenläufer. Bereits damals zeigten sich typische Eigenschaften: sich auf ein Ziel zu fokussieren und hart zu arbeiten. 1981 und 1982 wurde er Schweizer Meister.

Den Sport betrieb er parallel zum Jus-Studium an der Universität Zürich. 1983 schloss er ab. Er bewarb sich bei einer der renommiertesten Wirtschaftskanzleien der Schweiz, Lenz & Staehelin. Dort treffen haufenweise Bewerbungen junger Studenten ein – die meisten landen im Papierkorb. Nicht so jene von Urs Rohner. Peter Hafter, Partner von Lenz & Staehelin, stachen dessen Sport­erfolge ins Auge: «Spitzensportler sind immer gut – die haben gelernt, ihr Ziel energisch zu verfolgen.»

Bei Lenz & Staehelin zeigte Rohner jene Stärken, die zur Grundlage seines beruflichen Erfolgs werden sollten: hohe Intelligenz, schnelle Auffassungsgabe und die Fähigkeit, sich in neue Felder einzuarbeiten. Er ist nervenstark, zeigt sich in Verhandlungen als harter Hund, spürt instinktiv, wenn man ihm Fallen stellen will. Zudem habe er einen guten Draht zu den Kollegen gehabt, sagt Peter Hafter: «Er hat gewusst, was läuft im Betrieb. Er kann es gut mit Menschen.»

Er arbeitete zusammen mit Partner Rudolf Tschäni etwa im Corporate-­Finance-Team, das für Grosskunden Fusionen oder Firmenverkäufe begleitete.

Hier legte er auch die Grundlage seiner Beziehung zur CS. Die gehörte wie viele Banken zu den Kunden. So wickelte Rohner zusammen mit Tschäni für die Versicherungstochter «Winterthur» den Verkauf der Rückversicherungssparte ab, die 1998 an PartnerRe ging.

Ende der neunziger Jahre versuchte die Bank erstmals, Rohner abzuwerben. Die CS suchte einen Nachfolger für den Posten des Chefjuristen. Für Peter Derendinger, heute CEO von Alpha Associates, der damals den Job innehatte, war Rohner der «Wunsch­nachfolger». Er stellte ihn den wichtigsten Männern bei der CS vor: dem CEO Lukas Mühlemann und dem Präsidenten Rainer E. Gut.

Rohner gab dem Werben nicht nach. Damals sass der Chefjurist noch nicht in der Konzernleitung. 2004, als er dann zur CS wechselte, war das anders. Die Absage ergab auch Sinn, weil sein Weg in der Kanzlei nach oben vorgespurt war. Es war abgemacht, dass er Managing Partner werden sollte.

Doch dann kam – wie aus heiterem Himmel – ein Angebot, das seine Karriere in eine völlig andere Richtung lenkte. Leo Kirch, Besitzer des Fernsehsenders ProSieben, bot ihm den Job des Vorstands­vorsitzenden an. Geschehen war dies auf Empfehlung von Stephan Sager, Chef des Bezahlsenders Teleclub, an dem die Kirch-Gruppe beteiligt war. Rohner hatte Teleclub juristisch betreut. Darauf traf Rohner Kirch ein paar Mal. Das hat offenbar gereicht, um die Gunst des Medienmoguls zu gewinnen. Es war für alle eine Überraschung. Rohner hatte keinen Track Record als Firmenführer, geschweige denn Erfahrung im Fernsehbusiness.

Thematisch nahe stand ihm die Sache aber schon. Rohner ist Filmfan, sammelt Kinoklassiker, liest Drehbücher. Doch genügt das als Qualifikation? «Wir waren überrascht, dass er den Job angenommen hat. Es war schon etwas mutig», urteilt Ex-Kanzleikollege Tschäni.

Es offenbarte sich ein weiterer charakteristischer Wesenszug von Rohner: Er traut sich die Sachen zu. Ein gesundes Selbstvertrauen ist zweifellos wichtig – doch es kann eine gefährliche Eigenschaft sein. Kein Mensch kann alles. Das Risiko zu scheitern besteht immer.

«Ich habe das Angebot hoch spannend gefunden», sagt Rohner heute. «Es war für mich eine Chance, mein Hobby zum Beruf zu machen.» So zog er samt Familie in die Nähe von München, wo sich der Sitz des Medienhauses befindet.

Rohner fügte sich gut ein in seine neue Rolle. Als Branchenoutsider setzte er auf generelle Managementaufgaben wie Kostensenkungen und Fusionen, wo er von seiner Erfahrung als M&A-Anwalt profitieren konnte. Forsch packte er seine Aufgabe an, führte ProSieben in eine Firmengruppe mit Sat.1 zusammen und fuhr nach 2001 einen drastischen Sparkurs. Er machte sich kundig, sog Informationen von erfahrenen Kollegen auf und adaptierte schnell. Der Nachteil: Manche Mitarbeiter fühlten sich ausgenutzt. Für Sympathie sorgte, dass er sich unkompliziert gab. Für die Show von Stefan Raab sauste er in einem Wok, einer chinesischen Pfanne, den Eiskanal hinunter.

Auch wenn die Sanierung ein Erfolg war, ging sie nicht ohne Konflikte vonstatten. Rohner wurde in den Medien wiederholt angegriffen. Ende 2003 holte er den Schweizer Radio- und Fernsehpionier Roger Schawinski an die Spitze von Sat.1.

Die Machtbasis von Rohner beim Fernsehkonzern war in jener Zeit aber im Wandel. Im August 2003 hatte die Gruppe mit dem Milliardär Haim Saban einen neuen Mehrheitsbesitzer bekommen, der eigene Vorstellungen von der Rolle eines Aufsichtsrats hatte und sich stärker als Kirch auch in operative Belange ein­mischte. Rohner sah seinen Handlungsspielraum eingeschränkt. Heute betont er, dass er hätte bleiben können, sein Vertrag sei verlängert worden, ja Saban sei gar nicht erfreut gewesen, dass er gehe. Doch als das Angebot von der CS kam, trat er die Flucht nach vorne an. «Die Möglichkeit, Konzernleitungsmitglied bei einem Grosskonzern wie der CS zu werden, wird einem ja nicht täglich offeriert.»

Karrieretreiber. Nun kommt jener Mann ins Spiel, der für Rohner der entscheidende Karrieretreiber werden sollte: Walter Kielholz. Der war seit 2003 Präsident und hatte seinerzeit zwei Anliegen. Erstens suchte er einen neuen Chefjuristen. Zweitens war das Jahr 2004 für ihn aber auch der Beginn eines gross angelegten Nachfolgeplans. Schliesslich war CEO Oswald Grübel schon 61. «Wir mussten die Tiefe des Management­bereichs vergrössern – nicht nur in der Konzernleitung, sondern auch im Verwaltungsrat», so Kielholz.

Der Präsident begann sich umzuhören, Rohner hatte CS-intern einige Supporter. Einer war sicherlich Rainer E. Gut, der Ehrenpräsident, der die Bank dreissig Jahre geleitet hatte (siehe «Frischer Wind»). Gut hatte Rohner 2001 in den VR der Swiss platziert, als er für die Nachfolgegesellschaft der gegroundeten Swiss­air das Gremium besetzte.

Zudem hatte Rohner in Juristenkreisen einen hervorragenden Ruf. «Ich kannte ihn bis dahin nicht persönlich. Er ist mir von vielen Seiten aus Rechtsanwaltskreisen empfohlen worden», sagt Kielholz. Er kontaktierte Rohner und bat ihn zu einem Treffen in Zürich. Auch mit Grübel traf sich Rohner anschliessend mehrmals.

In den Plänen des Präsidenten spielte der neue Mann eine wichtige Rolle. Kielholz bot ihm nicht nur den Job des Chefjuristen an – verbunden mit dem Einsitz in der Konzernleitung –, sondern signalisierte auch, dass es Potenzial für mehr ­gebe. «Ich sagte ihm, ich sähe ihn unter Umständen auch in einer Rolle im Verwaltungsrat», so Kielholz. Damals stand nicht das Präsidium im Vordergrund, sondern dass man den Job des vollamtlichen Vizepräsidenten, besetzt von Doerig, der 64 war, mittelfristig ersetzen müsse. Klar war aber auch, dass der Vizeposten eine ausgezeichnete Plattform für den Sprung nach ganz oben bieten würde.

Geschickt setzte Rohner noch ­eine zweite Karrierelinie, indem er sein Interesse für operative Aufgaben bekundete.

So trat Rohner seinen Job bei der Credit Suisse an. Nicht nur als Chefjurist, sondern auch als Leiter des Corporate Center sowie nach 2006 als Chief Operating Officer. Die Kommunikation oder die strategische Geschäftsentwicklung waren bei ihm angesiedelt.

Rohner erfüllt seinen Job vornehmlich abseits des Scheinwerferlichts. Doch intern überzeugt er mit seinen Leistungen als Jurist. Mit einer harten Verhandlungslinie in Auseinandersetzungen ersparte er der Bank Milliardenzahlungen.

Pokerface. Nervenstärke zeigte Rohner etwa im Fall Enron. Bei einer von der Firma angestrebten Schadenersatzklage weigerte er sich, in einen Vergleich einzuwilligen, und zog den Fall ans Oberste Gericht der USA. Andere Banken waren eingeknickt: Citigroup etwa hatte eine Vergleichszahlung von zwei Milliarden Dollar akzeptiert. Die CS kam mit einer Zahlung von 90 Millionen davon; es wurde auf Forderungen von 337 Millionen verzichtet. «Das war mein Job», sagt er trocken, «dafür war ich ja angestellt.»

In einzelnen operativen Aufgaben glänzte er indes weniger. Die Reorganisation des Corporate Center kam eher schleppend voran, wie sich Beteiligte erinnern. Dennoch rechnete sich Rohner Ende 2006 Chancen aus, auch für die baldige Ablösung von CEO Grübel auf die Kandidatenliste gesetzt zu werden. Er besprach sich mit Vertrauten in der Bank, sagte, er glaube an seine Chance. Für die Entscheidungsträger bei der CS war der Nicht-Banker aber zu leichtgewichtig. Auch CEO Grübel sperrte sich dagegen, dass ein Mann mit einer kurzen Bankkarriere sein Nachfolger wird. Mit Ex-McKinsey-Mann Lukas Mühlemann hatte man bereits mit einem anderen Quereinsteiger schlechte Erfahrungen gemacht. Die Bank gab bekannt, dass Investment-Banking-Chef Brady Dougan neuer CEO werde.

Für Rohner eine Enttäuschung. Das war auch Kielholz klar. Er suchte das Gespräch mit Rohner und betonte die Perspektiven im Verwaltungsrat. Der Präsident hatte einen Plan. Grundidee: CEO und Präsident würden zeitlich gestaffelt ersetzt. Der neue Präsident würde drei bis vier Jahre nach der Wahl des CEO bestimmt – in der Mitte einer durchschnittlichen CEO-Amtsdauer von sieben Jahren. Also 2011.

Doch dann kamen Unwägbarkeiten ins Spiel. Die Finanzkrise beutelte nicht nur die CS, auch die Swiss Re, wo Kielholz als Delegierter wirkte, kam unter die Räder. Kielholz wechselte 2009 als Präsident zur Swiss Re. Und Rohner? Den CS-Präsidenten just zur Krisenzeit durch einen Nicht-Banker zu ersetzen, wäre wohl auch bei den staatlichen Regulatoren nicht gut angekommen. So wurde Vizepräsident Doerig neuer CS-Obmann – er besetzte das Präsidium, das Kielholz eigentlich noch zwei Jahre hätte ausfüllen wollen.

Im Laufe des Jahres 2009 kam der Nachfolgeplan von aussen unter Druck. Neue Kandidaten wurden für den Job des Präsidenten genannt, etwa Finanzchef Renato Fassbind. Zudem zeigte Doerig viel Gefallen an seinem Job und schien keine Rückzugspläne zu hegen: «Ich bin für drei Jahre gewählt», liess er die Presse wissen.

Weihnachtsgeschenk. Am 9.  Dezember 2009 traf sich der CS-Verwaltungsrat in New York. Fast eineinhalb Jahre vor dem Wechsel traf der VR den Entscheid, dass Rohner auf Doerig folgen sollte. «Um den Spekulationen den Wind aus den Segeln zu nehmen und für Ruhe zu sorgen», so Kielholz.

Auf den neuen CS-Präsidenten wartet nun eine anspruchsvolle Aufgabe. Er muss sich auf zwei Ebenen bewähren: bei der Bank selber, aber auch als neuer Key­player am Finanzplatz Schweiz.

Die Bank muss nach der Finanzkrise weiter stabilisiert werden. Das Geld wird nicht mehr so leicht verdient, weder im Investment Banking, wo die CS zuletzt mit ihren Quartalsergebnissen enttäuschte, noch im Private Banking, wo die Margen unter Druck sind. Die Regulatoren fordern eine höhere Kapitaldecke, wodurch der Return der Investoren weiter tendenziell sinken wird. Der Kurs der ­Aktie ist seit Anfang Jahr um ein Fünftel gesunken.

Gleichzeitig ist der Druck auf den Finanzplatz gestiegen. Deals wie jener mit Deutschland zur Abgeltungssteuer verschaffen vorübergehend etwas Luft, doch der Schweizer Finanzplatz, der lang auf die Erträge der Kunden mit Schwarzgeld setzte, muss sich weiter wandeln.

Was erwartet Kielholz von Rohner? «Dass er in die Rolle hineinwächst. Dass er intern den Ton angibt und gegen aussen ein echter Botschafter wird – für die Bank wie auch für den Finanzplatz Schweiz.» Wichtig für seine Wahl seien nicht nur seine fachlichen Fähigkeiten gewesen, sondern auch, dass er Schweizer und hierzulande gut vernetzt sei. Als Präsident müsse er sich auch in die wirtschaftspolitische Debatte einbringen: «Er hat politisches Gespür und auch Freude an solchen Fragen», weiss Kielholz.

Auch die Erwartungen der Mitarbeiter sind hoch. Nach dem Interregnum der Doerig-Ära sehen viele im jungen Präsidenten den Mann, der den Koloss wachrütteln soll, hoffen auf den Quantensprung durch Zukäufe und Expansionen, etwa im wichtigen Markt Asien.

Im Persönlichen sehen manche bei Rohner noch Verbesserungspotenzial. Er hört mitunter schlecht zu und kommt schon mal ins Referieren. Zudem hat er manchmal eine kurze Zündschnur und braust auf. Wie bei vielen Sportlern drohen ihn manchmal seine eigenen Ambitionen zu überholen.

Rohner weist darauf hin, er sei sich der Verantwortung seiner zukünftigen Rolle sehr wohl ­bewusst. Er sieht sich als Repräsentant der Kultur und der Werte der Bank. Sei es für den Mitarbeiter in einer Filiale in der Schweiz, den Private Banker in Asien oder den Investment Banker in New York: «Ich will, dass wir eine gemeinsame DNA spüren.»

Grosse strategische Weichenstellungen stünden aber nicht an – das Modell der integrierten Bank gelte weiterhin. «Wir werden die Strategie weiter verfeinern und etwa in den Emerging Markets ausbauen. Einen Big Bang aber gibt es nicht», so Rohner. «Wir werden in den nächsten Jahren zeigen, dass unser Geschäftsmodell der integrierten Bank das beste Modell ist, das Geschäft zu betreiben. Wir werden nicht in jedem Quartal die Besten sein, aber über einen Zyklus die beste Rendite erzielen, und dies mit der geringsten Volatilität», verspricht er.

Coach für den CEO. Klar ist, dass die Margen steigen müssen. Dies ist primär Aufgabe des operativen Managements unter Brady Dougan. Wichtig sei ihm, als Präsident die Scharnierstelle zwischen Management und VR einzunehmen. Er sieht sich als «positiver Challenger». Das Zusammenspiel mit dem CEO wird entscheidend sein für den Erfolg der Bank. Dougan schätzt Rohner als Coach, wie er kürzlich in einem Interview sagte. Rohner betont, dass ihn auch zwischenmenschlich viel mit Dougan verbindet. Doch eigentlich sind sie sich wesensfremd. Cola-Zero-Trinker Dougan gilt als strikt auf die Arbeit ausgerichteter Asket, während der gesellige Rohner sich gerne auch mal mit einem GL-Kollegen nach Feierabend bei einem Glas Wein über Gott und die Welt auslässt. Problematisch könnte auch die Konstellation sein, dass Rohner einst Dougans Untergebener war und dieser nun an ihn rapportieren muss.

Ob sich Risse auftun werden, bleibt abzuwarten. In der Vergangenheit haben die beiden gut zusammengearbeitet. Etwa in der Finanzkrise, als sie zusammen bei der US-Notenbank in New York waren, um die Rettungsübungen der Branche zu koordinieren. Oder später, als sich die Bank bei Investoren Milliarden an Kapital besorgen musste. Zwei Tage und zwei Nächte habe man in diesen entscheidenden Tagen im Oktober 2008 zusammen durchgearbeitet. «In solchen Momenten zeigt sich, ob man als Team funktioniert», sagt Rohner.

Auch die Zusammenarbeit zwischen Konzernleitung und Verwaltungsrat sei direkt und schnell gewesen, für ihn mit ein Grund, das die CS besser als viele Konkurrenten durch die Krise gekommen ist. Diese offene Haltung will Rohner als Präsident fortführen: «Da habe ich viel gelernt für meine zukünftige Rolle.»

In Finanzplatzfragen hat Rohner schon einiges vorgespurt. Er ist Mitglied der «Too big to fail»-Arbeitsgruppe des Bundesrates, die sich mit dem Risiko befasst, das zwei Bankgiganten für eine kleine Volkswirtschaft wie die Schweiz darstellen. Massgeblich mitgewirkt hat er am Modell der Contingent Convertibles (CoCos), die einen Notfallmechanismus zur Abwendung eines Konkurses darstellen. CoCos werden in einer Notsituation automatisch zu Eigenkapital. Vorteil: Das wäre eine rein privatwirtschaftliche Lösung. Wichtig sei, die Balance zwischen Wettbewerbsfähigkeit und Stabilität zu finden. «Es gibt keine Regulierung zum Nulltarif.»

Der Präsident der CS verkörpert aber auch die Werte im Swiss Banking. Themen wie die Boni beschäftigen die Bevölkerung. UBS-Präsident Kaspar Villiger setzte 2009 ein persönliches Zeichen, indem er bewusst auf Boni verzichtete. Will auch er ein solches Zeichen setzen?

Nein, sagt er. Die CS habe man nicht mit Steuergeld retten müssen. Er gehe davon aus, dass ihn der VR im Rahmen seiner Verantwortung und Leistung bezahle. «Es macht wenig Sinn zu sagen, dass ich als VR-Präsident für einen Franken arbeite. Ausser in einer Krisensituation – dann ist es Pflicht.» Man müsse die Leute wettbewerbsgerecht bezahlen, sonst verliere man Schlüsselmitarbeiter. Bei der CS habe man das Salärsystem angepasst und langfristige Erfolgsziele eingebaut. Um wie viel Geld es für ihn selber gehen wird, ist noch nicht bestimmt. Doerig bekam für 2009 6,5 Millionen – weniger als dessen Vorgänger Kielholz, der bis zu 14 Millionen bezog. Finanziell hat sich Rohners Wechsel vom COO zum VR-Vize nicht gelohnt. Seine Bezüge sind auf die Hälfte gesunken. Die Scheidung von seiner Gattin Ariane wird ihn stark belasten. Aus seiner langjährigen Ehe mit ihr hat er drei Kinder, mit der neuen Partnerin Nadja Schildknecht seit 2008 ein viertes.

Frisches Image. Seine Beziehung zum Ex-Model hat das Interesse der Boulevardpresse geweckt, was ihm nicht behagt. Dass die CS Sponsor beim Zurich Film Festival ist, wo Schildknecht die Geschäfte führt, hat zum Vorwurf der Vetternwirtschaft geführt. Für Schildknecht ein haltloser Vorwurf: «Die CS ist seit Beginn Hauptsponsor; damals war ich noch nicht mit meinem Lebenspartner zusammen», sagte sie kürzlich.

Rund 200 000 Franken spricht die CS für das Festival – ein kleiner Betrag in der Palette der Sponsorings der Bank. Der Entscheid über die Gelder liegt weder bei Rohner noch beim Verwaltungsrat, sondern bei der Schweizer Marketingabteilung des Private Banking. «Es ist unabhängig von mir entstanden. Ich werde mich hüten, private und geschäftliche ­Interessen zu vermischen. Ich weiss doch genau, wie heikel solche Fragen sind», ­betont Rohner.

Freunden fällt auf, dass Rohner durch seine neue Partnerin im persönlichen Auftritt zugelegt hat. Er gilt heute als einer der bestgekleideten Manager der Schweiz. Das zeigt sich an Kleinigkeiten. Er trägt die Hose seines eng geschnittenen Anzugs ohne Gürtel. Rohner hält sich schlank und treibt immer noch gern Sport, vor allem Skifahren und Fitnessaktivitäten wie Velofahren.

Sein frisches Image wird der Bank guttun. Rohner ist mit 51 ein junger Präsident und hat Zeit, sich langfristig einzubringen. Von kurzfristigen Rückschlägen dürfe man sich nicht entmutigen lassen: «Es zählt nicht, ob man nach der ersten Hürde der Letzte ist», sagt er schmunzelnd, «sondern dass man nach der letzten Hürde der Erste ist.»

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